Wer erinnert sich noch an Cinemabilia? Interview mit dem damaligen Inhaber Jens Schmidt

Von , 12. Oktober 2019 14:00

Kürzlich stieß ich in einer Bremer Facebook-Gruppe (Bremen Gestern-Heute-Morgen) auf ein Posting von Jens Schmidt, der sich daran erinnerte, dass er vor genau 20 Jahren seinen Laden „Cinemabilia“ schloss. Einen Filmartikel-Laden, der damals in der Martinistrasse beheimatet war. Mit den Reaktionen hat er wohl nicht gerechnet. Schnell füllte sich die Kommentarspalte mit den Erinnerungen zahlreicher Bremer Film- und TV-Serienfans, die dort damals regelmäßig eingekauft haben und den Laden sehr vermissten. Es wurden Erinnerungen geteilt und so manche Insider-Information geteilt.

Ich habe selber noch lebhafte Erinnerungen an Cinemabilia. Dort hatte ich jedes Mal hineingeschaut, wenn ich mal in der Innenstadt unterwegs war. Der Laden war für mich ein Paradies. Man muss bedenken, dass es damals noch kein wirkliches Internet-Shopping gab. Wollte man Filmbücher, Zeitschriften, Filme oder Soundtracks kaufen, dann musste man ganz klassisch in ein Geschäft gehen und hoffen, dass die Sachen da waren. Und Geschäfte, die sich auf Filmartikel spezialisiert hatten, waren rar (ich kannte damals ein, zwei in Hamburg, aber da war der Weg halt lang). Umso größere Augen machte ich, als plötzlich ein Laden in Bremen (!) aufmachte, der genau das verkaufte, was ich immer gesucht habe. Hauptsächlich kaufte ich bei Cinemabilia Bücher und Zeitschriften. Alles andere war mir zu dieser Zeit (ich war damals noch Student) meist zu teuer. Was mich aber nie davon abhielt mit großen Augen zu stöbern und ab und zu auch ein „hochpreisiges“ Schätzchen mitzunehmen.

Eine meine schönsten Erinnerungen ist es, wie ich da immer wieder rein und raus bin und überlegt habe, ob ich wirklich das Buch „Das wilde Auge“ von Christian Keßler mitnehme. Mit 49 DM war das damals nämlich nicht gerade günstig (wobei es heute zu dreistelligen Euro-Beträgen gehandelt wird). Schließlich lief ich Fünfe gerade sein und knallte mein hart erspartes Geld auf den Tisch. Zuhause bemerkte ich, dass jemand bereits in das Buch rein gekritzelt hat. Ein Scherz eines Mitarbeiters oder der Autor selber? Damals wusste ich nicht, dass Christian auch in Bremen wohnte. So blieb der Schriftzug all die Jahre ein Geheimnis für mich, welches sich erst in diesem Februar aufklärte, als wir Christian in unserer Film-Reihe Weird Xperience im Cinema im Ostertor zu Gast hatten, wo er sein neues Buch „Endstation Gänsehaut“ vorgestellt hatte, und da hatte ich „Das wilde Auge“ natürlich im Gepäck und ihn bei den einleitenden Worten direkt danach gefragt. Er konnte sich da zwar nicht mehr wirklich dran erinnern, erkannte aber seine Handschrift.

Da ich diese ganzen Geschichten zu schade fand, um sie in einer Facebook-Gruppe versauern zu lassen, bat ich Jens Schmidt um ein kleines Interview, um seine Sicht auf die Zeit mit Cinemabilia zu schildern. Das Ergebnis finde ich ebenso faszinierend, wie in einigen Dingen schrecklich desillusionierend. Doch lest selbst.

Foto: Jens Schmidt

Filmforum Bremen: Wie bist Du damals auf die Idee gekommen, einen Filmladen in Bremen zu eröffnen?

Jens Schmidt: Die Idee zu einem Cinemabilia Filmladen war zunächst gar nicht meine eigene. Zwei Bekannte von mir betrieben seit Mitte der 80-er Jahre einen Filmladen mit dem Namen Cinemabilia in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofs. Von diesem Filmladen erfuhr ich damals durch eine kleine Annonce in der Filmzeitschrift „Cinema“. Als ich den kleinen Laden in Düsseldorf besuchte, war ich sofort Feuer und Flamme. Cinemabilia hatte auch einen eigenen Versandkatalog und als „Star Wars“ Fan der ersten Stunde bestellte ich dort seit 1984 alle meine internationalen Fanartikel.

FFB: Wie waren die Anfänge von Cinemabilia ?

JS: Ich begann 1987 eine Ausbildung zum Bankkaufmann, doch schon während dieser Ausbildung begleitete mich mein Wunsch, mich nach der Ausbildung mit einem Filmladen, der dem von Cinemabilia aus Düsseldorf zumindest ähnlich sein sollte. 1990 waren meine Pläne konkret und ich fragte die Düsseldorfer Ladenbetreibern nach Kontakten zu Lieferanten. Sie boten mir an, die Marke Cinemabilia von ihnen zu übernehmen, da sie den Düsseldorfer Laden wegen neuer Projekte schließen wollten. Dieses Logo in Stil der Schrift des Filmlogos von „Der dunkle Kristall“ war beim Patentamt in München als Marke geschützt. Für 2000 D-Mark kaufte ich damals diese Marke. Mit rund einem Jahr Vorbereitungszeit eröffnete ich den Laden dann am 7. September 1991 hinter der ehemaligen Peek & Cloppenburg Filiale in der Bremer Innenstadt.

Foto: Jens Schmidt

FFB: Wie kam es, dass Cinemabilia in die Martinistr. gezogen ist?

JS: Unsere Ladenfläche von 25 Quadratmeter in der Kahlenstraße wurde bald zu klein. In der Martinistraße hatte das PC-Studio und zuletzt ein Teppichladen geschlossen. Also vergrößerten wir uns Anfang 1993 nach dem Umzug in die Martinistraße 57 auf 150 Quadratmeter.

FFB: Hast Du den Laden allein betrieben und konnte man davon tatsächlich leben?

JS: Ich war immer alleiniger Inhaber und konnte immer von dem Laden leben. In Spitzenzeiten haben bei mir über 20 Leute gearbeitet, davon fast die Hälfte in Vollzeit. Wir hatten damals einen der ersten funktionierenden Onlineshops im Internet und waren lange vor Stern, Spiegel und Amazon.de online. Mit unserem Katalog und dem Onlineshop haben wir neben dem Laden viele Tausend Kunden in ganz Deutschland bedient.

FFB: Ich erinnere mich noch lebhaft an die Soundtrack-Ecke und die Filmbücher. Was habt ihr noch alles verkauft?

JS: Mit Bild- und Tonträgern konnte man kein Geld verdienen. Diese Artikel dienten uns als Frequenzbringer. Lediglich mit den Videoimporten aus England haben wir, aufgrund guter Mischkalkulation, einen akzeptablen Profit gehabt. Mit der Auflösung der Firma 2003 habe ich alle abgestoßen.

FFB: Der Laden war damals ja recht Star-Trek/Star-Wars-Akte-X-lastig, wenn ich mich richtig erinnere. Wie kam das? Waren das damals auch Deine Hauptinteressen?

JS: Wir waren deshalb so X-Files-, Star Wars- und Star Trek-lastig, weil es zu diesen Themen die meisten Fanartikel und auch die größte Nachfrage gab. Die Mystery-Serien-Welle war Mitte der 90-er Jahre auf ihrem Höhepunkt – davon haben wir sehr stark profitiert.

FBB: Habt Ihr damals eigentlich auch irgendwelche Events mit Cinemabilia durchgeführt?

JS: Wir haben Tage der offenen Tür durchgeführt, jährlich den Firmengeburtstag gefeiert und versucht, an diesen Tagen besonders attraktive Preise zu machen. Unterm Strich waren das Kamikaze-Aktionen. Wir haben vieles sehr blauäugig entschieden, aber ich habe in dieser Zeit unglaublich viele Erfahrungen gesammelt, die mir in meinem weiteren beruflichen Schaffen enorm genützt haben – und immer noch nützen. Allerdings habe ich auch eine Menge Lehrgeld bezahlt. Unser zweiter Laden in Oldenburg erwies sich als finanzielles Desaster. Mit diesem Laden habe ich über 200.000 D-Mark Verlust eingefahren und konnte aufgrund langfristiger Verträge erst spät die Notbremse ziehen. Um ein Haar wäre ich damals in die Privatinsolvenz gerutscht. Nur durch harte Arbeit und viele Entbehrungen habe ich es damals geschafft. Auch diese Erfahrungen helfen mir heute.

FFB: Was sind Deine schönsten Erinnerungen an den Laden?

JS: Ich habe so unglaublich viele schöne Erinnerungen an die damalige Zeit gehabt! Wir waren in vielen Bereichen Pioniere. Online, mit dem, was wir gemacht haben, mit einem solchen Laden. Wir haben vielen Menschen Träume erfüllt, stundenlang gefachsimpelt über Filme, Kino und die Welt, ganz tolle Menschen kennengelernt, von denen einige wenige Freunde geworden sind. Insgesamt war es eine tolle Zeit. Ich hätte damals einen erfahrenen Coach gebraucht, einen Unternehmer, bestenfalls doppelt so alt wie ich damals, der mich mit Tipps und Hinweisen vor den größten unternehmerischen Fehlern bewahrt hätte. Den hatte ich nicht, ich musste für alle Fehler immer selbst einstehen, und davon machte ich eine Menge.

FFB: Warum habt ihr aufgehört?

JS: 1999 kündigte sich „Star Wars – Episode 1“ an, und wir waren die ersten, die den Trailer öffentlich in unserem Laden vorführten. Kurze Zeit später schlossen wir den Laden in der Martinistraße. Die Umsätze gingen deutlich zurück, der Markt war gesättigt. Jeder hatte inzwischen seinen Star Trek Communicator und sein Making-of-Star Wars-Buch. Gleichzeitig kamen Amazon und Ebay nach Deutschland. Plötzlich waren wir nicht mehr exklusiv, waren unsere Händlerverbindungen nichts mehr wert, weil plötzlich jeder ins Internet gehen und mit seiner Kreditkarte das einkaufen konnte, was uns als Händler und ein paar wenigen anderen vorbehalten war.

FFB: Ich meine mich zu erinnern, dass Cinemabilia später auch in der Nähe vom Breitenweg war. Oder bringe ich da etwas durcheinander?

JS: Wir zogen 1999 in eine Lagerhalle an den Weserpark, wo wir uns auf das Versandgeschäft konzentrierten. Doch auch hier wurde es immer schwerer – Amazon weitete sein Angebot aus, Ebay wurde immer beliebter. Unsere Kunden brauchten uns nicht mehr, kauften jetzt selbst zu den Preisen ein, zu denen wir bisher einkauften. Den größten Profit versprachen Poster, Starfotos und Postkarten. Also machte ich 2002 alleine weiter, reduzierte die Angebotspalette auf diese Artikel und ein paar auswählte Merchandise-Produkte und eröffnete „Filmplakate & Co.“ in der Hillmannstraße (hinter McDonald’s am Bremer Hauptbahnhof). Das ging eineinhalb Jahre gut, bis ich als Theaterleiter bei Cinemaxx (quasi auf der anderen Straßenseite) anheuerte.

FFB: Gab es damals irgendwann die Idee, den Laden als Shop im Internet weiterzubetreiben?

JS: Den Shop (und die Domain Cinemabilia.de) hat mir ein falscher Freund 2004 abgeluchst. Ich wurde betrogen, hintergangen und habe dann kampflos aufgegeben, weil ich ja eine Anstellung im Kino gefunden und meine Selbständigkeit aufgegeben hatte. Dort wurde der Shop noch einige Zeit weiterbetrieben, allerdings hatte ich damit nichts mehr zu tun.

FFB: Wenn Du zurückblickst: Wie würdest Du die Zeit damals heute beurteilen? Und glaubst Du, ein Laden wie Cinemabilia hätte heute, in den Zeiten unbegrenzter Verfügbarkeit im Internet, noch eine Chance zu existieren?

JS: Cinemabilia hatte seine Zeit, und ich habe gespürt, wie sich so ein Niedergang anfühlt. Am Ende kamen selbst Stammkunden nur noch zum Preisvergleich, oder um einmal vorab in Händen zu halten, was sie sich gestern selbst online bestellt hatten oder woanders bestellen wollten. Nein, Cinemabilia, so wie ich diesen Laden betrieben habe, hätte heute keine Chance mehr. Meine Ex-Freundin hat vor einigen Jahren in der Waterfront mit einem Filmshop versucht, die Grundidee wiederzubeleben – und ist kläglich gescheitert. Elbenwald ist gelungen, was ich sehr bewundere: Ein Filialsystem in zahlreichen deutschen Großstädten zu etablieren, das Film-Merchandise vertreibt. Ich kann mir immer gar nicht vorstellen, wie sich das bei der heutigen Kostenstruktur rechnet, aber es scheint zu gehen. Ich bin damals mit rund 60.000 EUR Schulden aus der Sache gegangen und habe erst vor wenigen Jahren, ich glaube 2013, die letzte Rate für Cinemabilia an die Bank bezahlt.
Meine Erfahrungen und die vielen Erinnerungen, positiv wie negativ, möchte ich allerdings nicht missen. Cinemabilia war eine tolle Erfahrung.

FFB: Vielen Dank, Jens, dass Du das alles hier so offen mit uns geteilt hast. Das war sehr interessant und spannend. Danke!

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