DVD-Rezension: „Der Gang in die Nacht“

Von , 27. August 2019 20:52

Der angesehene Mediziner Dr. Eigil Börne (Olaf Fønss) verfällt dem Charme der aufreizenden Revue-Tänzerin Lily (Gudrun Bruun Stephensen). Er löst seine Verlobung mit Helene (Erna Morena) und beginnt mit Lily ein neues Leben auf einer Insel. Eines Tages trifft ein blinder Maler (Conrad Veidt) auf der Insel ein. Dr. Börne ist fasziniert von dem jungen Mann und setzt sich in den Kopf, diesem durch eine Operation das Augenlicht wiederzugeben. Doch auch Lily interessiert sich für den gut aussehenden Blinden. Die Tragödie nimmt ihren Lauf….

Friedrich Wilhelm Murnaus ältester erhaltender Langfilm „Der Gang in die Nacht“ nimmt bereits einige Elemente seiner späteren Meisterwerke vorweg. Wer beispielsweise Conrad Veidts Darstellung des blinden Malers sieht, kommt nicht umhin, diese mit Max Schrecks grandioser Nosferatu-Interpretation zu vergleichen. Veidts expressives Spiel mit den Händen, sein extrem aufrechter Gang. Sein blinder Maler wäre ein perfekter Vampir gewesen. Die Geschichte vom sündigen Varieté-Mädchen, welches den achtbaren Arzt verführt und seiner braven Verlobten entreißt, erinnert an das verderbende Stadtmädchen, welches das anständige Landei in Murnaus einzigartigen Meisterwerk „Sunrise“ dazu bringt, beinahe zum Mörder seiner Angetrauten zu werden. „Sunrise“ wurde ebenfalls von Carl Meyer geschrieben, mit dem Murnau hier erstmals zusammenarbeitete. Meyer sollte einer der wichtigsten Mitarbeiter Murnaus in den nächsten Jahren werden. Zu den gemeinsamen Werken gehören neben „Der Gang in die Nacht“ und „Sunrise“ auch „Der letzte Mann“ und „Schloß Vogelöd“. Meyer, der auch „Das Cabinet des Dr. Caligari“ mitschrieb, war einer der angesehensten Autoren der 20er und 30er Jahren. 1933 musste er vor den Nazis aus Deutschland fliehen und starb 1944 in britischen Exil an Krebs.

Heute kennt man von den Darstellern vornehmlich noch Conrad Veidt, der hier aber nur eine kleinere, wenn auch sehr prägnante Rolle einnimmt. Der eigentlich Star des Filmes ist aber der dänische Schauspieler Olaf Fønss, welcher Mitte der 10er Jahre große, internationale Berühmtheit erlangte. Allerdings neigt Fønss zu jenem stark expressionistischen Spiel, welches heute häufig bei Vorführungen vor einem nicht vorbereiteten Publikum zur Erheiterung beiträgt. Fønss ist sehr viel stärker, wenn er sich zurück nimmt, als wenn er sich in Verzweiflung hin und her wälzt. Denn Charisma und Persönlichkeit kann man dem attraktiven Fønss nicht absprechen. Auch seine Partnerin und Landsmännin Gudrun Bruun Stephensen spielt häufig für die letzte Reihe, was gerade in dramatischen Momenten, wie ihr von panischer Angst vor einem Gewitter dominierter wilder Tanz, besonders gut belegt. Das tut der Dramatik nicht besonders gut. Besonders auffällig ist dies im Vergleich zur schönen Erna Morena, deren zurückgenommenes Spiel so heute sehr viel eindrucksvoller erscheint. Auch Veidt spielt sich teilweise um Kopf und Kragen, jedoch kann man sein Schauspiel eher „artifiziell“ denn „theatralisch“ nennen. Seine eher düstere, melancholisch-tragische Gestalt, reiht sich nahtlos in seine Darstellungen des Caesar aus dem „Caligari“ oder der Titelfigur aus „Orlacs Hände“ ein.

Murnaus Inszenierung legt viel Wert auf Räumlichkeit. Immer wieder schafft er Einstellungen, welche eine dreidimensionale Tiefe haben. Gegenstände in den Vordergrund des Bildes gerückt werden, denen sich dann die Figuren aus der Tiefe des Raumes näheren. Damit bricht Murnau auch in jenen Szenen, die offensichtlich in Studio-Kulissen spielen, das Theaterhafte auf, welches noch einige Jahre zuvor die Filmästhetik dominierte. Besonders beeindruckend geraten ihm aber die Aufnahmen in der freien Natur, deren raue Schönheit wie ein weiterer Charakter in der tragischen Geschichte wirkt. Wie überhaupt jede Einstellung genau durch komponiert ist und das Maximum an dem herausholt, was die damalige Technik zuließ. Wenn Veidt im finsteren Raum auf das Resultat der Augenoperation wartet. Oder zunächst er, später dann Fønss in einem Boot auf die Insel übersetzen. Beide Vorboten des Unglücks. Veidt steif aufgerichtet, wieder wird der Gedanke an Nosferatu wach, Fønss gebrochen. So ähnlich und doch ganz anders wirken diese Bilder bei den über Beiden der Hauch des Unheils liegt. Murnau vertraut ganz der Macht der von ihm erschaffenen Bilder und bemüht sich unnötige Zwischentitel zu vermeiden. Drei Jahre später soll es ihm dann gelingen, mit „Der letzte Mann“ einen Film ganz ohne Zwischentitel zu drehen, der rein durch Bilder erzählt wird. Wieder nach einem Drehbuch von Carl Meyer.

Carl Meyer gelang dieses Kunststück allerdings bereits im gleichen Jahr, in dem auch „Der Gang in die Nacht“ gedreht wurde. Lupu Picks „Scherben“, ebenfalls nach einem Drehbuch von Meyer, und als zweiter Film in dieser schönen Edition enthalten, kommt bis auf einen als dramatischer Höhepunkt gesetzten Zwischentitel, vollkommen ohne Texttafeln aus. Wichtige Informationen werden rein über im Bild zu sehenden Nachrichten transportiert. Und dies gelingt ausgezeichnet. Wenn zum Beispiel die Tochter des Hauses die Treppen schrubbt und dabei ihr Blickt auf die langen, glänzenden Schaftstiefel des Bahninspektors fallen, braucht es keine Worte, sondern nur ein Blick in ihr Gesicht, um zu wissen was gerade geschieht und kurz darauf geschehen wird. Überhaupt charakterisiert Pick seine Figuren über ihre Kleidung, über ihre alltäglichen Verrichtungen und ihre Gesten. Der Film handelt von einem Bahnwärter, der mit seiner Frau und Tochter an einem abgelegenen Teil der Bahnstrecke wohnt. Eines Tages muss er für einige Tage einen Bahninspektor bei sich aufnehmen. Als dieser die Tochter verführt, bricht großes Unheil auf alle Beteiligten herein. Der Bahnwärter wird überraschend zurückgenommen von Dr. Caligari himself Werner Krauss gespielt. Überhaupt spielt die kleine Besetzung sehr natürlich. Lediglich Edith Posca, welche die Tochter des Bahnwärters spielt und im wahren Leben die Ehefrau des Regisseurs war, neigt dazu, sich in ihrem Spiel teilweise etwas zu stark zu engagieren. Das enge, klaustrophobische Bahnwärterhaus und die feindliche, eisige Natur draußen, bieten Metaphern auf das, was die Handlung treibt. Die Enge nimmt der Tochter die Luft zum Atmen und lässt in ihr den Wunsch wachsen, auszubrechen. Aber die Welt da draußen ist herzlos und unerbittlich. Weshalb nach einer Spielzeit von nur einer Stunde, alle Träume und eben auch die Sicherheit der Familie zerstört sind.

Wie immer liefert die Edition Filmmuseum ein Rundum-Sorglos-Paket. Neben dem wunderbar restaurierten „Der Gang in die Nacht“, wurde noch „Scherben“ auf einer separaten DVD dazu gepackt, was thematisch absolut Sinn macht. Leider wurde „Scherben“ nicht restauriert und fällt vom Bild gesehen natürlich deutlich gegen „Der Gang in die Nacht“ ab. „Der Gang in die Nacht“ besitzt zwei Tonspuren. Auf der einen befindet sich ein von Richard Siedhoff neu und speziell für diesen Film komponierter, sehr stimmiger Orchesterscore, dessen entstehen und auch ausführlich in dem halbstündigen Extra „Musik für Murnau“ gewürdigt wird. Die zweite Tonspur enthält den Score noch einmal als Klavier-only Version. „Scherben“ besitzt eine Tonspur mit einem Live-Mitschnitt einer Musikbegleitung von Christian Roderburg und dem Filmmusik-Ensemble der Musikhochschule in Wuppertal. Beide Filme können aber auch stumm abgespielt werden. Untertitel liegen in Englisch und französisch vor. Ferner gibt es ein wie immer sehr informatives, mehrsprachiges Booklet von 20 Seiten.

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