Filmbuch-Rezension: „Helmut Käutner – Freiheitsträume und Zeitkritik“

Helmut Käutner ist mir natürlich schon seit meiner Kindheit ein Begriff. Wobei ich ihn damals vor allem als Regisseur von Heinz-Rühmann-Filmen wahrgenommen habe. Was mich heute verwundert, da er mit Rühmann nur zwei Filme gedreht hat: „Der Hauptmann von Köpenick“ und „Das Haus in Montevideo“. Erst später wurde mir Käutner von enthusiastischen Filmfans als einer der großartigsten Regisseure der Nachkriegs-BRD näher gebracht. Grade seine Filme „Unter den Brücken“ und „Große Freiheit Nr. 7“ wurden mir mehr als einmal ans Herz gelegt. Noch später dann aus anderen Mündern „Schwarzer Kies“ und „Die Rote“.

Ich gebe zu meiner Schande zu, dass ich es bis heute nicht geschafft habe, die meisten dieser Filme auch wirklich zu sehen. Zwei Dinge erhöhen nun aber den Druck, sich eingehend mit Käutners Werk zu beschäftigen. Zum einen ein „Erweckungserlebnis“, als ich vor drei Jahren „Große Freiheit Nr. 7“ im Rahmen eines Hamburger VHS-Kurses für Schüler sehen konnte, den mein Freund Elmar abhielt und bei dem ich zu Gast war, um ein wenig über das Bloggen über Filme zu erzählen. Da traf mich die Wucht dieses Meisterwerkes einigermaßen unvorbereitet und gerade Elmars Ausführungen zu einem seiner Lieblingsfilme ließen mich „Große Freiheit Nr. 7“ noch mehr lieben.

Das zweite Erlebnis war meine Lektüre des Buches „Helmut Käutner – Freiheitsträume und Zeitkritik“ von René Ruppert. Ruppert widmet hier jedem der Kinofilme Käutners ein Kapitel, indem er detailliert auf die Umstände der Entstehung des Filmes, die Einordnung in Käunters Gesamtwerk und Zeitkontext (so werden immer wieder zeitgenössische Kritiken und Artikel über die Filmarbeiten zitiert), die wiederkehrenden Motive und Techniken Käutners. Bei den Literaturverfilmungen wird auch auf die Unterschiede zwischen Quelle und Film herausgearbeitet und näher untersucht. Das Privatleben Käutners wird ausgespart (und ist auch für die Analyse seines Werkes unerheblich), seine Wurzeln im Kabarett aber immer wieder betont.

Ruppert belegt auch immer wieder, wie weit Käutner immer wieder seiner Zeit voraus war, seine Lust an Experimenten und der Mut, Anfang der 60er in Deutschland einen ganz eigenen „Film Noir“ etablieren zu wollen – was sich leider als kommerzieller Selbstmord herausstellte. Dass Käutner von den „jungen Wilden“ des deutschen Films dann auch noch ziemlich radikal in die „Opas Kino“-Ecke gestellt und angefeindet wurde, ist ein weiteres trauriges Kapitel.

René Ruppert untersucht sowohl die Filme, die Käutner als Regisseur verantwortet hat, als auch die für die er nur das Drehbuch schrieb oder mitschrieb. D.h. Seine Fernseharbeiten werden nicht erwähnt. Was ich schade finde, da mich hier besonders seine Arbeiten bei „Der Kommissar“ und „Derrick“ interessiert hätten.

Sehr gut gefiel mit der Umgang Rupperts mit den Filmen, die Käutner während der NS-Zeit gedreht hat. Hier wahrt er kritische Distanz ohne zu verurteilen oder zu verdammen und hält die Balance zwischen Käutner, der versuchte ein „unpolitischer“ Regisseur zu bleiben, wie aber auch seine Rolle in einem System, in dem es den „unpolitischen“Regisseur nicht gab. Und in dem auch ein Käutner einen Propaganda-Film gedreht hat. Auch findet Ruppert klare Worte, wenn Käutner bei einem Film mal nicht voll bei der Sache war oder lieblose Stangenware geliefert hat. Dies aber stets respektvoll. Besonders interessant ist Käutners Ausflug nach Hollywood, der mir bisher gänzlich unbekannt war.

Dass es sich bei „Helmut Käutner – Freiheitsträume und Zeitkritik“ um eine Dissertation handelt, merkt man an der scharfen und präzisen Analyse, aber nicht an der Sprache, die gehoben, aber auch erfrischend lesbar ist und nicht mit Fremdwörtern gespickt. So, dass auch der Nicht-Akademiker das Buch mit Gewinn und Genuss lesen kann. Für mich eines der besten Filmemacher-Portraits der letzten Jahre.

René Ruppert Helmut Käutner – Freiheitsträume und Zeitkritik, Bertz+Fischer, 424 Seiten, € 29,00

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