DVD-Rezension: „Der Student von Prag“

Von , 13. Dezember 2016 16:57

student-von-prag_Prag, um 1820: Balduin (Paul Wegener) ist der „beste Fechter und wildeste Student“ der Stadt. Sein exzessiver Lebensstil hat ihn allerdings in den Bankrott getrieben. So nimmt er das Angebot des geheimnisvollen Scapinelli (John Gottowt) an, diesem für hunderttausend Goldgulden sein Spiegelbild zu verkaufen. Mit dem Geld versucht er dann, die Komtesse Margit Schwarzenberg (Grete Berger) zu erobern. Die in ihn verliebte Lyduschka (Lyda Salmonova) lässt er dafür links liegen. Etwas, was sich bald rächen soll…

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Der Student von Prag“ gehört zu jenen Stummfilmen, die ich wohl am Häufigsten gesehen habe. Dies in unterschiedlichen Fassungen und an den unterschiedlichsten Orten. Zuletzt bei der TV-Ausstrahlung der restaurierten Fassung 2014 auf Arte. Eben jene findet sich auch auf der vorbildlichen Doppel-DVD, die vom Filmmuseum München herausgebracht wurde. Wenn man dem sehr informativen Booklet Glauben schenken kann, sorgte eben diese Fassung auch für viel Streit hinter den Kulissen. So ging Wilfried Kugel, der als Rechteinhaber des Hanns-Heinz-Ewers-Nachlasses offensichtlich maßgeblich an der Restaurierung beteiligt war, im Zorn, da er mit der musikalischen Orchestrierung durch Bernd Thewes, sowie mit der langsameren Laufgeschwindigkeit nicht einverstanden war. Das Ende vom Lied war dann, dass Wilfried Kugel die Aufführung der Arte-Restauration untersagte. Auf der Doppel-DVD finden sich aber nun zwei Versionen des Filmes. Die für Arte hergestellte Fassung mit einem Orchesterscore und einer verlangsamten Laufgeschwindigkeit, sowie die scheinbar von Kugel bevorzugte, etwa schneller Fassung mit einem Piano-Score. Die Musik selber wurde 1913 von Josef Weiss für den Film komponiert. Es handelt sich hierbei also um eine zeitgenössische Originalmusik. Neben diesen beiden Versionen, kann man sich noch die US-amerikanische, nur 41 Minuten dauernde Fassung ansehen, welche bis vor Kurzem noch die einzige auf DVD Verfügbare war.

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Rätselhaft bleibt, wer letztendlich „Der Student von Prag“ inszeniert hat. Während die DVD den Autoren Hanns Heinz Ewers als alleinigen Regisseur aufführt, hatte ich den Film immer seinem Hauptdarsteller Wegener – der später den berühmten „Der Golem, wie er in die Welt kam“ drehen sollte zugeordnet. In manchen Quellen taucht auch der dänische Regisseur Stellan Rye auf. In der IMDb wird er neben Wegener als Co-Regisseur geführt. Wie dem auch sei, „Der Student von Prag“ war ein Meilenstein der Filmgeschichte. Trotz seiner sehr frühen Entstehungszeit.1913 war das Kino ja gerade mal 18 Jahre alt und technisch revolutionäre Filme wie „Die Geburt einer Nation“, der ja als Beginn des modernen Kinos gilt, waren auch noch zwei Jahre entfernt. Natürlich hat „Der Student von Prag“ noch viel Theaterhaftes, vor allem bei den Sets, die sehr eindeutig als Bühnen erkennbar sind. Doch es wurden auch schon viele Außenaufnahmen an Originalschauplätzen im alten Prag verwendet. Auch die Kameratricks sind noch heute höchst beeindruckend. Die Aufnahmen in denen Balduin mit seinem bösen Ich konfrontiert wird, müssen dem Publikum damals ähnlich den Atem haben stocken lassen, wie die revolutionären CGI-Effekten in „Terminator 2“ oder „Jurassic Park“ den Zuschauern Anfang der 90er Jahre.

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Hauptdarsteller Paul Wegener war bei den Dreharbeiten bereits 39 Jahre, was man ihm auch ohne weiteres ansieht. Daher ist er nicht gerade die Idealbesetzung für den jungen Studenten, aber darüber lässt sich leicht hinweg sehen. Nimmt man als Maßstab, dass das Schauspiel der Akteure 1913 noch sehr theatralisch war, nimmt sich Wegener sogar recht zurück. Vor allem, wenn man ihn mit seinem Gegenspieler, den von dem Österreicher John Gottowt gespielten Scapinelli, vergleicht. Gottowt legt seinen Scapinelli allerdings recht übertrieben an und wirkt wie ein fleischgewordener Springteufel, was aber wiederum durchaus zu seiner Rolle passt. Hanns Heinz Ewers Drehbuch ist ganz der schwarzen Romantik verschrieben, in der Nachfolge eines E.T.A. Hoffmann, den der damals enorm erfolgreiche Autor fanatischer Romane (wie „Der Zauberlehrling“ und „Alraune“) auch als Vorbild bezeichnete. Damit kommt ihm auch die Ehre zuteil mit seiner Faust-ischen Geschichte einer der ersten deutschen Horrorfilme, ja Horrorfilme generell, zu sein. Zwar wirkt „Der Student von Prag“ aus heutiger Sicht hier und dort etwas holprig, aber zieht man den Umstand in Betracht, dass sich hier unerfahrene Filmemacher (egal, ob nun Ewers, Wegener oder Rye hauptsächlich Regie führten – alle drei hatten vor 1913 noch keinen Film gedreht) an einem noch sehr jungen Medium versuchten, dann ist das Ergebnis schlichtweg enorm.

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„Der Student von Prag“ ist ein Meilenstein der Filmgeschichte und liegt nun erstmals in seiner vollständigsten und schönsten Form auf DVD vor. Hanns Heinz Ewers Geschichte des Studenten Balduin bedient sich frei bei Elementen aus der „Faust“-Geschichte, ebenso wie bei Edgar Allen Poe und E.T.A. Hoffmann. Das der Film teilweise noch etwas unfertig und unfokussiert wirkt (wie eine für die Handlung nicht wichtige, sehr in die Länge gezogene Fuchsjagd)  liegt daran, dass hier noch mit dem jungen Film experimentiert wurde und die Filmemacher noch über keine keine große Erfahrung mit dem Medium hatten. Die Trickeffekte sind aber auch heute noch überzeugend.

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Die Edition Filmmuseum hat mit der Veröffentlichung von „Der Student von Prag“ mal wieder eine tolle Arbeit hingelegt, die vollkommen Zurecht mit dem Willy-Haas-Preis für bedeutende internationale Publikationen zum deutschsprachigen Film bzw. zum Film in Deutschland prämiert wurde. Wie oben bereits beschrieben, liegt der Film auf zwei Scheiben in drei verschiedenen Versionen vor, die sich in Musik, Vorführgeschwindigkeit (und im Falle der US-Version auch in Länge) unterscheiden. Ferner wurde als Bonus noch der Kurzfilm „Die ideale Gattin“ (16 Minuten) beigelegt, bei dem wiederum Hanns Heinz Ewers zusammen mit einem gewissen Marc Henry Regie führt und ein junger Ernst Lubitsch eine kleine Nebenrolle spielt. Ansonsten spielen in dieser kurzen burlesken Komödie noch Grete Berger und Lyda Salmonova mit, die ja beide auch beim „Student von Prag“ dabei sind. Das informative Booklet enthält u.a Texte von Ewers über das Kino und eine Erklärung zu den unterschiedlichen Versionen. Im CD-Rom-Teil (ja, so etwas gibt es noch) findet man das Originalskript, das Programmheft, Werbematerial und noch einiges mehr.

4 Antworten für “DVD-Rezension: „Der Student von Prag“”

  1. Stellan Rye ist in der Tat etwas schwer greifbar, aber ich glaube schon, dass er zumindest an der Regie von DER STUDENT VON PRAG beteiligt, wenn nicht sogar der Hauptregisseur oder der alleinige Regisseur war. Das ausführlichste, was ich über Rye gelesen habe, ist dieser kurze Text, und der Autor sieht das jedenfalls so. Einigkeit scheint darüber zu herrschen, dass es Ewers war, der Rye nach Deutschland holte. In der „Geschichte des deutschen Films“ von Jacobsen/Kaes/Prinzler (Hg.) wird Rye als der Regisseur und in „Klassiker des deutschen Stummfilms“ von Brennicke/Hembus als „der eigentliche Regisseur“ des Films bezeichnet. Ewers und Wegener haben später wohl jeweils ihren eigenen Anteil am Film (über?)betont (entsprechende Textauszüge von den beiden sind in Brennicke/Hembus zu lesen). Rye konnte da durch seinen frühen Tod 1914 natürlich nicht dagegenhalten. Wahrscheinlich hat auch der ebenso routinierte wie erfinderische Kameramann Guido Seeber zum Gelingen des Films beigetragen. Vor allem die Tricks dürften hauptsächlich sein Verdienst sein.

    Zu den Inspirationsquellen der Handlung zählt auf jedeen Fall noch Adelbert von Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von 1813. Chamissos Zeitgenosse E.T.A Hoffmann hat die Geschichte dann kurz darauf weitergesponnen.

  2. Marco Koch sagt:

    Danke Manfred für diese wie immer höchst interessanten und informativen Ergänzungen. Ich hatte in der Tat immer Wegener als Regisseur im Kopf. Erstmal sah ich den Film im Illusijon in Warschau und ich meine, da war er auch als Wegener-Film angekündigt. Auf dem Titel der neuen Filmmuseum-DVD wird tatsächlich nur Ewers angegeben. Ich denke aber anchdem,w as ich jetzt gelsen ahbe, aber auch, dass Rye der tatsächliche regisseur war, Ewers aber als Autor eine Menge mitgesprochen hat und Wegener seine Rolle selbst entwickelt. Wirklich wissen, wird man es aber wahrscheinlich nie.

  3. Dr. Wilfried Kugel sagt:

    Herr Koch,
    ich habe 2011/2012 die viragierte deutsche Originalfassung des Films „Der Student von Prag“ von 1913 im Auftrag von arte/ZDF rekonstruiert.
    Die Angabe im booklet, „Edition: Stefan Drößler in Zusammenarbeit mit Dr. Wilfried Kugel“ ist falsch. Ich habe an der DVD-Edition nicht mitgewirkt. Die beiden neuen, fehlerhaften „Drößler-Fassungen“ wurden von mir nicht authorisiert.
    Es handelt sich bei der DVD-Edition des Filmmuseums München auch weder um eine „vorbildliche Doppel-DVD“, noch um „eine tolle Arbeit“, sondern um willkürliche, nicht fachgerechte Eigenmächtigkeiten von Stefan Drößler, dem Leiter des Filmmuseums München.
    Ihre Angabe ist falsch, ich sei „mit der langsameren Laufgeschwindigkeit nicht einverstanden“ gewesen. Ich konnte die originale Vorführgeschwindigkeit als 16 fps ermitteln. Die originale Länge des Films betrug danach netto (d.h. ohne musikalische Zwischenspiele) 84:52 Minuten. Dagegen wurden beide „Drößler-Fassungen“ des „Student von Prag“ von 2014 mit einer zu hohen Geschwindigkeit aus dem Rechner ausgespielt:
    Die „Drößler-Fassung 1“ (Orchesterbegleitung) hat netto nur eine Länge von 78:43 Minuten.
    Die „Drößler-Fassung 2″(Klavierbegleitung) hat netto sogar nur eine Länge von 71:37 Minuten.
    Ihre Angaben bzgl. der Geschwindigkeiten sind also sachlich falsch.
    Auch die Ausspielgeschwindigkeiten der englischsprachigen „Export-Fassung“ sowie des Film „Die ideale Gattin“ sind zu hoch. Beim Film „Die ideale Gattin“ kommt noch hinzu, daß Ergänzungen des Bundesarchivs/Filmarchivs nicht gekennzeichnet sind.
    Weiter entsprechen fast alle Einfärbungen der „Drößler-Fassungen“ des „Student von Prag“ nicht dem Original. Der einzig erhaltene deutsche Zwischentitel fehlt. Und ein nicht nachweisbarer Zwischentitel wurde eingefügt.
    Im Begleitmaterial der DVD-Edition finden sich mehrere Texte aus meinem Archiv, an denen ich teils das copyright halte, und die sich Herr Drößler teils auf illegalem Weg beschaffte.
    Es stimmt nicht, daß ich „die Aufführung der Arte-Restauration untersagte“. Ich untersagte aber nach der arte-Ausstrahlung die Aufführung späterer, fehlerhafter „Drößler-Fassungen“. Allerdings war schon die von arte ausgestrahlte Version wegen Schlampereien in München fehlerhaft.
    Was die Filmmusik betrifft, so entsprechen weder die Orchesterfassung, noch die Klavierfassung der „Drößler-Fassungen“ dem originalen Klavierauszug von Josef Weiss von 1913.
    Zur Autorenschaft ist richtigzustellen, daß Hanns Heinz Ewers das Exposé schrieb und Regie führte (ein Drehbuch gab es nicht). Stellan Rye war Regieassistent. Paul Wegener war nachweislich nur als Schauspieler engagiert.
    Es ist sehr bedauerlich, daß diese unsägliche DVD-Edition zu Unrecht mit dem Willy Haas-Preis 2016 ausgezeichnet wurde.

  4. Marco Koch sagt:

    Lieber Dr. Kugel,

    vielen herzlichen Dank für die ergänzenden Insider-Informationen. Zum Zeitpunkt der Besprechung lag mir lediglich das Booklet des Filmmuseums vor, aus dem ich die (ihrer Beschreibung nach also fehlerhaften) Informationen übernommen habe. Ich denke einmal, anhand ihres ausführlichen Kommentars können sich meine Leser jetzt selber ein Bild davon machen, was da wohl vor und während der Produktion der DVD vorgefallen ist, und weshalb Sie mit der Veröffentlichung des Filmmuseums München nicht einverstanden sind.

    Viele Grüße,

    Marco Koch

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