Blu-ray-Rezension: „Thief“

Von , 12. April 2016 17:44

thiefDer Ex-Sträfling Frank (James Caan) ist offiziell als Autohändler und Barbesitzer tätig, doch in Wirklichkeit verdient er sein Geld als professioneller Juwelendieb. Und als solcher gehört er zu den Besten seiner Zunft. Als nach einem erfolgreichen Beutezug sein Anteil in die Hände von Gangstern fällt, versucht er alles, um sein Geld zurückzubekommen. Dabei lernt er Leo (Robert Prosky) kennen, der Kopf der Gangsterbande. Leo will, dass Frank exklusiv für ihn arbeitet und macht ihm ein lukratives Angebot. Frank zögert zunächst, da ihm seine Unabhängigkeit über alles geht. Als Frank und seine Freundin Jessie (Tuesday Weld) ein Kind adoptieren wollen, und dies von den Behörden abgelehnt wird, verschafft Leo ihnen ein Kind vom Schwarzmarkt. Frank willigt ein, einen letzten großen Coup für Leo durchzuziehen, nicht ahnend, worauf er sich dabei einlässt.

Anmerkung: Alle Screenshots stammen von der DVD, nicht der Blu-ray.

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Michael Manns Kinofilmdebüt „Thief“ als Vorstudie zu seinem epochalem „Heat“ oder seinem Nachtstück „Collateral“ zu bezeichnen, greift viel zu kurz. Mit „Thief“ gelang Mann aus dem Stand ein frühes Meisterwerk, dessen Echo sich zwar in den eben genannten, aber auch generell Manns bisherigem Schaffen wiederfindet, welches aber nicht in deren Schatten steht. Es ist erstaunlich welche Kunstfertigkeit der bis dahin lediglich als Drehbuchautor für TV-Serien aufgefallene Mann an den Tag legt, wenn es gilt wunderbare Bilder und packende Charakterzeichnungen miteinander zu verheiraten. Während viele seiner Kollegen einen „Style over substance“-Ansatz pflegen, benutzt Mann seine vollendet komponierten Bilder, um seinen Figuren einen Raum zu schaffen, in welchem sie existieren können. Und wie kaum ein anderer versteht es Mann, die urbane Nacht zu inszenieren. Ein natürliches Biotop gestrandeter Seelen, das nach Sonnenuntergang zu seinem Neon-Leben erwacht.

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Wenn man sich gewundert hat, woher viele der ästhetischen Entscheidungen stammen, die Nicolas Winding Refn für seinen Neo-Noir-Klassiker „Drive“ getroffen hat, der möge sich „Thief“ ansehen, um die Antwort zu erhalten. Beide Film versprühen gerade in den Fahrten durch den Großstadt-Dschungel das selbe ausserweltliche Gefühl, welches hier wie dort auch durch den nüchternen, gleichzeitig aber auch traumhaft-schwebenden Soundtrack hervorgerufen wird. Für den „Thief“-Soundtrack konnte Michael Mann die deutschen Elektro-Pioniere „Tangerine Dream“ gewinnen, für die dies nach Friedkins „Sorcerer“ der zweite große Soundtrack-Auftrag in den USA war. Dass nun ausgerechnet dieser wunderbare und atmosphärische Soundtrack in jenem Jahr bei dem Anti-Oscar, dem Razzie Award, als schlechtester Filmscore des Jahres nominiert war, spricht nicht unbedingt gegen ihn, sondern sagt viel mehr etwas über die Güte des Razzie aus, der oftmals noch engstirniger und trendverliebter ist, als sein großer Bruder, der Oscar genannte Academy Award.

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Die großartige Konversation zwischen James Caan und Tuesday Weld in einem nächtlichen Diner ist nicht nur eine der wundervollsten Dialogszenen der Filmgeschichte, sondern erinnert selbstverständlich auch frappierend an das mittlerweile legendäre Zusammentreffen von Al Pacino und Robert de Niro (bevor beide in seelenlosen und immer alberneren Fließbandproduktionen ihren guten guten Ruf verspielten), welches an selber Stelle in Michael Manns 14 Jahre später entstandenen „Heat“. Tatsächlich fühlt sich „Thief“ oftmals wie ein Prequel zum späteren Film an, indem der von DeNiro gespielte Neil McCauley davon spricht, dass einen nichts binden sollte und man innerhalb von 30 Sekunden alles zurücklassen können muss, if you feel the heat around the corner. Frank scheint ein junger McCauley zu sein, welcher diese Lektion erst noch schmerzhaft lernen muss. Der noch daran glaubt, diesem Leben, welches er führt, entfliehen zu können. Der sich wortwörtlich eine Traumwelt gebastelt hat, die er auf einer Postkarte geklebt immer mit sich führt. Das Ideal eines normalen, bürgerlichen Lebens, welches irgendwann zerknüllt auf einem dreckigen Parkplatz landet.

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Dies ist die große Traurigkeit des Filmes. Am Ende ist Frank all seiner Illusionen und Träume beraubt. Er hat erkannt, dass er in der Lage sein muss, alle Verbindungen innerhalb von wenigen Minuten zu kappen. Die Menschen, die er liebt zu verlassen, ohne ein Gefühl von Reue und Trauer zu empfinden. Zu verschwinden, wenn es nötig ist, und niemals wiederzukehren. Keine Verbindungen, keine Liebe, keine Gefühle. Ein Wolf unter Wölfen. Er muss zu McCauley werden, um in der Großstadt-Steppe zu überleben. Das Einzige, was man dem Film vorwerfen kann, ist dass er die von Tuesday Weld beeindruckend gespielte Jessie im letzten Drittel etwas vernachlässigt und der interessante Subplot mit der von Willie Nelson gespielten Vaterfigur Okla etwas unterentwickelt bleibt. Aber das sind nur kleine Kritikpunkte, die in keinster Weise an der Krone dieses großartigen Filmes kratzen können.

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Gleich mit seinem Kino-Debüt „Thief“ erreichte Michael Mann ein erstaunlich hohes Niveau und schuf einen Klassiker des modernen Film Noir, welcher bereits die großen Themen seiner späteren Filme behandelt. Manns grandiose Symbiose aus packender Charakterzeichnung und einer berauschenden Optik macht, im Zusammenspiel mit dem wundervollen Tangerine-Dream-Score und den furiosen Schauspielern, aus „Thief“ einen der großartigsten Filme der frühen 80er Jahre.

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Für diese „Ultimate Edition“ fällt mir wirklich nur noch das war „ultimativ“ ein. Hier hat sich OFDb filmworks selber übertroffen. Auf fünf Scheiben verteilt finden sich neben zahlreichen Extras gleich drei Versionen des Filmes. Wobei das Prunkstück natürlich der neue Director’s Cut ist, der nicht nur einen brandneuen 4K-Transfer spendiert bekommen hat, sondern auch von Regisseur Michael Mann noch einmal farblich überarbeitet wurde. Wer aber den Film sehen möchte, wie er einst im Kino lief, für den ist selbstverständlich noch die Original-Kinofassung dabei. Und als besonderen Bonus enthält die edel aufgemachte Edition noch einen „Special Director’s Cut“, welcher 1995 erstellt wurde. Letzterer liegt nur auf DVD vor, da die Qualität des Masters nicht für eine Bluray reichte. Die anderen beiden Fassungen sind jeweils als Bluray und DVD enthalten. Einziger Kritikpunkt: Die wunderbaren Extras sind über alle Discs verteilt, so dass man sie sich erst zusammen suchen muss, da keine Übersicht enthalten ist, wo welche Extras zu finden sind. Aber das ist Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau.   Der neue Director’s Cut kommt mit zwei Audiokommentaren daher. Einmal von Regisseur und Drehbuchautor Michael Mann und Hauptdarsteller James Caan, der zweite von Prof. Dr. Marcus Stiglegger. Dazu kommt noch unter dem Titel „Stolen Dreams“ ein neues, viertelstündiges Interview mit James Caan. Auf der Kinofassungs-Disc gibt es eine isolierte Musik- und Effektspur, so die über eine stunde gehende Doku „The Art of the Heist – Ausführliche Analyse des Films mit Schriftsteller und Kritiker F.X. Feeney“.  Der „’special Director’s Cut von ’95 wird abgerundet von einer einstündigen Folge aus der TV-Reihe „The Directors“, die sich mit Michael Mann und seinen Filmen beschäftigt, sowie einer 23-minütigen-Episode der französischen TV-Serie „Ciné regards“ über den Schauspieler James Caan, die kurz nach Abschluss der Dreharbeiten des Films entstand. Ferner enthält die Ultimate Edition noch ein 14-seitiges Booklet mit dem Essay „Kool Killers and Violent Streets“ von Prof. Dr. Marcus Stiglegger und ein gefaltetes A4-Filmposter. Wow! Die Bildqualität ist ebenfalls umwerfend, insbesondere was den neuen Director’s Cut angeht. Aber auch die Kinofassung kann sich mehr als sehen lassen. Demgegenüber fällt der „Special Director’s Cut“ von 1995 stark ab, aber das ist mehr als zu verschmerzen. Der Originalton ist einwandfrei und liegt im Original 2.0, sowie einer 5.1. Abmischung vor. Bei der deutschen Synchronisation soll es zu einem Fehler gekommen sein, der mir aber nicht auffiel (ich habe den Film aber auch im Original geschaut und nur kurz mal die die deutsche Sprachfassung gehört). Hier sind die Tonhöhen zu tief. Ein Statement von OFDb filmworks liegt hierzu aber bereits vor.

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