Mein Tag mit den Film-Kids – Zu Gast beim Kinder-VHS-Kurs „Ich werde Filmkritiker“ in Hamburg

Als mich mein lieber Freund Elmar fragte, ob ich eventuell Lust hätte, ihn bei einem Volkshochschulkurs für 12-18 Jährige als Gast zu unterstützen, dachte er wahrscheinlich nicht, dass ich zusagen würde. Der Termin lag Mitten in der Woche, was für mich bedeutete eine Tag kostbaren Urlaubs zu opfern. Obwohl es mich sehr reizte, einmal mit Jugendlichen zu arbeiten, zögerte daher kurz. Doch ein Blick auf den Kalender zeigte mir, dass der VHS-Kurs genau in die Woche fiel, in der unsere Zwillinge Geburtstag haben und ich eh eine Tag Urlaub nehmen wollte. Warum nicht einen weiteren Tag davor kleben? Durch unglückliche Umstände wurden es dann drei Tage, aber das soll an dieser Stelle jetzt auch egal sein. Am Mittwoch, den 16. März machte ich mich in den Morgenstunden auf nach Hamburg, denn der Kurs begann um 10:00 Uhr.

Elmar hatte mich bereits gewarnt, dass der Seminarraum eher suboptimal für das Unterfangen wäre. Es handele sich dabei nämlich um einen Kellerraum, der von einer Computerfirma als Lagerraum für allen möglichen Elektroschrott genutzt wurde. Der gute Elmar hatte schon den ganz Sonntag damit zugebracht, diesen Raum in einen halbwegs passablen Zustand zu bringen. Nun war er als Seminarraum halbwegs akzeptabel, auch wenn es dort unten recht kalt und muffig war. Ich muss aber sagen, dass Elmar aus den gegebenen Umständen ein Maximum raus geholt hat. Der Kurs selbst bestand aus sechs Jungs und einem Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren, von denen an diesem Tag aber nur die Jungs da waren. Ein weiteres Problem ergab sich dadurch, dass die Volkshochschule zusätzlich noch einen 10-jährigen im Kurs mit unter gebracht hatte. Und man muss leider sagen, auch wenn der 10-jährige immer wieder durch einige tiefgründigen Bemerkungen überraschte, so liegen zwischen dem Entwicklungsstadium eines 10-jährigen und eines 12-jährigen doch Welten. Ich weiß nicht, was sich die VHS dabei gedacht hatte, zumal natürlich auch die Filmauswahl auf 12+ ausgelegt war. Das alles waren organisatorische Probleme, die Elmar natürlich nicht zu verantworten hatte, die er aber trotzdem kurzfristig meistern musste. Was ihm hervorragend gelang.

Der Titel des Kurses war „Ich werde Filmkritiker“ und bestand dementsprechend aus dem Ansehen von Filmen und der Filmanalyse. Außer mir hatte Elmar für seine Schüler auch einige hochinteressante Gäste eingeladen, so dass ich es im Endeffekt bedauere, nicht die ganze Woche dabei gewesen zu sein, denn die hätte ich auch gerne gesehen und gehört. Am Tag vor mir war der Filmemacher Philipp Hartmann da, der seinen Essay-Film „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ mitgebracht hatte und den Kindern für Fragen zur Verfügung stand. Wie Elmar mir berichtete, kam das auch sehr gut an, und es entwickelte sich eine sehr spannende Diskussion, an der sich alle rege beteiligten. Am Tag nach mir war – passend zu den Filmen „Formicula“ und „Matinee“ – Jens von der mir bis dahin unbekannten, aber empfehlenswerten Seite „Monstermensch“ zu Gast. Den Vogel schoss Elmar aber mit dem Freitags-Gast ab. Hier konnte er den Filmhistoriker Olaf Brill gewinnen, welcher DER Experte zum Thema „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ist und ein Standardwerk zu diesem Film geschrieben hat. Da kann ich nur den Hut ziehen. Und wie ich dann später erfuhr, entwickelte sich auch hier eine lebhafte Diskussion, von der Olaf Brill sehr angetan war.

VHSHHNach „meinem Tag“ musste auch ich mein Vorurteil gründlich revidieren, dass „die Jugend von heute“ mit älteren Filmen nichts anzufangen weiß und sich für nichts interessiert, was über die modernen Blockbuster hinausgeht. Ebenso war ich sehr positiv überrascht, wie toll die Jungs mitgearbeitet haben, kluge Fragen stellten und interessante Beobachtungen machten. Mein Part bestand zunächst einmal darin, von meiner Arbeit als Blogger zu berichten, meinen Blog kurz vorzustellen und zu erklären, wie ich mich einer Filmbesprechung nähere. Dabei musste ich immer wieder aufpassen, nicht ins Schwafeln zu geraten, denn neben dem Thema „Filmkritik“ wollte ich den Jungs unbedingt mitgeben, dass man als Filmfreund auf Scheuklappen und hastige Pauschalurteile verzichten, und sich ganz offen für die ganze wunderbar reiche Welt der Filme zeigen sollte. Da kann es sein, dass mein „missionarischer Eifer“ etwas mit mir durchgegangen ist. Aber das ist auch ein Thema, welches mir sehr am Herzen liegt. Weg vom Schubladendenken, weg von einem „das ist doof, das gucke ich nicht“. Ausprobieren! Sich damit auseinandersetzen! Und dann erst entscheiden, ob man etwas mag oder nicht! Nicht schon vorher, weil es cool/uncool ist. Das wollte ich gerne mitgeben.

Danach schauten wir „Große Freiheit Nr. 7“. Für mich eine Premiere, denn obwohl der Film seit einem Jahrzehnt bei mir Zuhause als TV-Auszeichnung schlummert, bin ich doch nie dazu gekommen, ihn mir anzusehen. Nun konnte mich „Große Freiheit Nr. 7“ im Rahmen dieses Kurses überwältigen. Was für ein großartiger Film! Ein Pflichtprogramm für alle, die das Kino lieben. Nach dem Film gab es eine Mittagspause, in der Elmar und ich uns intensiv über „Große Freiheit Nr. 7“ austauschten und sehr gespannt waren, was „unsere Jungs“ dazu sagen würden. Für den weiteren Ablauf hatte Elmar einiges vorbereitet. Hier ging es dann um die versteckten Hinweise auf das Dritte Reich, sowie die Drehorte und ihre Geschichte. Auch mit zeitgenössischer Kritik wurde sich auseinandergesetzt, und es folgte eine lebendige Frage- und Antwortrunde. Dabei fand ich es interessant, dass keiner der Jungs auch nur mit einer Silbe die wundervolle Ilse Werner und ihre Beziehung zu den beiden Hauptdarstellern Hans Albers und Hans Söhnker erwähnte. Schwerpunktmäßig wurden tatsächlich eher technische Themen, sowie die Entstehungszeit 1943 und die Musik angesprochen. Da man gute Unterhaltungen nicht abwürgen sollte, liefen wir hier zeitlich etwas aus dem Ruder. Die Jungs schrieben dann noch eine Kurzkritik zum Film, die sie dann vor der Runde vorlasen. Die Resultate waren alle gut. Manche konzentrierten sich natürlich auf das, was wir vorher diskutiert hatten. Großartig fand ich die letzte Kritik eines Jungen, der im Kurs eher still war und dann einige Zeilen ablieferte, die durchaus druckreif waren. Ich war insgesamt von dem Niveau, dem Interesse und der Mitarbeit der Klasse sehr begeistert. Müsste ich dafür nicht immer (für Familienväter doppelt und dreifach kostbare) Urlaubstage opfern, würde ich gerne häufiger an solchen Veranstaltungen teilnehmen.

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