Blu-ray-Rezension: “Der gnadenlose Vollstrecker”

gnvollstreckerAus der Schatzkammer der Mandschu-Kaiserin wird eine stattliche Summe Gold gestohlen. Die Kaiserin gibt dem Befehlshaber der Garden 10 Tage Zeit, das Gold wiederzubeschaffen. Dieser gibt den Auftrag an seinen besten Mann weiter. Leng Tian-Ying (Chen Kuan Tai), wird auch „der Blutige“ genannt, da er keine Gefangenen macht und auch nicht davor zurückschreckt, Unbewaffnete förmlich zu exekutieren. Leng sammelt fünf seiner treusten Gefolgsleute um sich und macht sich auf den Weg, die Diebe zu bestrafen und das Gold zurückzuholen. Doch die Männer geraten immer wieder in Hinterhalte und so schrumpft Lengs kleine Truppe recht schnell. Schließlich wird Leng vom Anführer der Diebe, Fang Feng-Jia (Ku Feng), eine tödliche Falle gestellt…

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Über den Film „Der gnadenlose Vollstrecker“ lass ich erstmals im Jahre 2000 in der zweiten und leider auch letzten Ausgabe des großartige Fanzine „Absurd 3000“, welches meinen Filmgeschmack und -verständnis vielleicht sogar noch mehr prägte, als die legendäre „Splatting Image“. In einem langen Artikel stellte Hagen Weiss damals den Regisseur Chih-Hung Kuei (alias Gui Zhihong) vor. Chih-Hung Kuei ist einer der aufregendsten (wenn auch leider bis heute unbekannteren) Regisseure der Shaw Brothers Studios. „Der gnadenlose Vollstrecker“ ist sein einziger Film, der dem Genre des Schwertkampf-Films zugeordnet werden kann. Seine anderen Filme, wie der großartige „The Tea House“ und sein Nachfolger „Big Brother Cheng“ (beide ebenfalls mit Chen Kuan Tai) und seine wilden Horrorfilme, wie„Killer Snakes“ oder „The Boxer’s Omen“, harren hierzulande noch einer Veröffentlichung. Auch im Women-in-Prison-Genre hinterließ Chih-Hung Kuei mit seinem berüchtigten „Das Bambuscamp der Frauen“ viel Eindruck und zusammen mit Ernst Hofbauer war er für den Schulmädchen-meets-Kung-Fu-Mash-Up „Karate, Küsse, blonde Katzen“ zuständig. „Der gnadenlose Vollstrecker“ ist ein Remake des 11 Jahre vorher entstanden „Invincible Fist“, den Chang Che mit Lo Lieh und David Chiang in den Hauptrollen inszenierte. Es soll sogar ein Jahr vor dem „Gnadenlosen Vollstrecker“ eine billige Taiwan-Version des Stoffes gegeben haben, welche sich „Demon Strike“ nannte und in der – wie im „Gnadenlosen Vollstrecker“ – Jason Pai Piao mitspielt.

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Chih-Hung Kueis „Der gnadenlose Vollstrecker“ unterscheidet sich deutlich von den Schlacht-Epen, die ein Chang Cheh inszenierte. Aber auch den wunderbaren, surreal-künstlichen Traumwelten eines Yuen Chor oder den eher realistischen angehauchten Shaolin-Filmen eines Chia-Liang Liu steht „Der gnadenlose Vollstrecker“ nicht besonders nah. Er entstand in einer späten Phase in der Geschichte der Shaw Brothers Studios. Erst 1980 kam er in die Kinos, oder sollte man sagen „bereits“? Denn tatsächlich wirkt er seiner Zeit gute 10 Jahre voraus und erinnert stärker an das Hongkong-Kino der frühen 90er, als an die Hochphase der Shaw Brothers Produktionen in den 70ern. Und er ist einer der besten Werke aus Hongkongs Fließbandschmiede. Im Vergleich zu den unterhaltsamen, aber häufig eher eindimensionalen Geschichten dieser Filme, wartet „Der gnadenlose Vollstrecker“ mit einer düsteren Komplexität auf, die man nicht unbedingt erwartet.

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Hier verschwimmen drastisch wie selten die Grenzen zwischen Gut und Böse. Während beispielsweise die Mandschu in den Filmen aus Hongkong fast immer die Rolle der Bösewichte einnahmen, repräsentieren sie hier die nominalen Helden, während die chinesische Bevölkerung auf der anderen Seite des Gesetztes steht. Doch dies ist nur die gelernte Perspektive des Zuschauers, weil der Film aus Sicht unsere Protagonisten erzählt wird und diese eben auf der Seite der Mandschu stehen. Man könnte die Geschichte des Films auch problemlos umdrehen und dann würden aus den „bösen“ chinesischen Räubern plötzlich heldenhafte Freiheitskämpfer. In einer Szene reiten die Mandschu-Beamten durch ein Dorf und müssen dort all das Elend der chinesischen Bevölkerung sehen: Die hungernden Kinder und ausgemergelten Alten in ihren Lumpen. Das Grauen des Mandschu-Regimes, die Saat, die die „Verbrecher“ zu ihrem Raub getrieben hat. Dies verleitet einen der Beamten dazu, Mitleid für die Opfer der Mandschu-Herrschaft zu empfinden. Doch Chi Hung Kweis Welt ist ebenso gnadenlos wie der „Vollstrecker“. Mitleid ist hier keine Stärke, sondern eine Schwäche, die direkt zu einem qualvollen Tode führt. Denn an beiden Fronten stehen Männer, die sich selbst im Recht sehen und kein Mitgefühl gegenüber dem Gegner walten lassen.

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„Der gnadenlose Vollstrecker“ ist dann auch einer der finstersten, pessimistischsten und brutalsten Filme, die je unter dem Banner, der generell nicht geraden zimperlichen Shaw Brothers, entstanden sind. Insbesondere die Brutalität wirkt noch heute sehr viel direkter und schmerzhafter als das durchchoreographierte Blut-Ballett, das man aus Hongkong in den 70er Jahren gewohnt war. Sie ist näher am japanischen Samurai-Film als dem chinesischen Martial-Arts-Kino. Was vermutlich auch an dem japanischen Action Koordinator Yasuhiro Shikamura liegt, der häufig mit Chi Hung Kwei zusammenarbeitete. Die Kämpfe sind kurz, heftig und von einer enormen Intensität. Doch nicht nur die zahlreich durch die Luft wirbelnde, abgetrennte Gliedmaßen und meterhohen Blutfontänen lassen aufmerken. Auch Szenen in denen sich die Kontrahenten durch lodernde Feuer wälzen und langsam bei lebendigem Leibe verbrennen, lassen einen sich die Augen reiben. Selbst wenn man bei genauerem Hinsehen die feuerfesten Schutzanzüge erahnen kann, wirken diese Szenen sehr schmerzvoll. Aber nicht nur physische Gewalt macht den Film so brutal. Die Bilder der hungernden und dahinvegetierenden Bevölkerung oder der rücksichtslose Umgang der „Helden“ mit den Verdächtigen und die qualvollen Tode der vergifteten Opfer sind Stoff, aus dem Albträume sind.

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Unterstützt wird die finstere Geschichte um Pflichtbewusstsein, Ehre, Habgier und Verzweiflung durch eine außergewöhnliche Fotografie, deren Wurzeln in den italienischen „gothic horror“-Filmen zu liegen scheint. Oftmals ist das Bild durchdrungen von kräftigen roten und grünen Farben, ausdrucksstarkem Licht und Schatten. Zum Ende hin, wird die Handlung in ein nebeldurchzogene, regnerisches Sumpflandschaft verlegt, aus der die Toten emporzusteigen scheinen. Besonders im Gedächtnis bleibt die Szene, in welcher „der Blutige“ Leng Tian-Ying und sein Kontrahent Fang Feng-Jia in dessen Hütte aufeinandertreffen. Im Beisein von Fangs blinden Tochter, die beiden Tee serviert, tun sie so, als wären sie gute Freude, obwohl sie sich mit gezogenen Waffen gegenüberstehen, und die Situation jederzeit zu eskalieren droht. Obwohl dies so auch in dem Original „Invincible Fist“ vorkam, kann man von der ganzen Stimmung und dem set up vermuten, dass John Woo gerade diese Szene als Vorbild für die beinahe identische Einstellung in „The Killer“ nutzte.

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Einer der besten und noch immer modern wirkenden Filme aus dem goldenen Shaw Brothers Zeitalter. Chih-Hung Kuei ist ein außerordentlicher Regisseur, den es hierzulande noch zu entdecken gilt. Visuell aufregend, brutal und zutiefst nihilistisch, sticht „Der gnadenlose Vollstrecker“ weit aus der Masse der unzähligen Shaw Brothers Produktionen hervor.

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Auch in der Shaw Brothers Collector’s Edition des Hauses fimArt ist „Der gnadenlose Vollstrecker“ ein Highlight. Wie die anderen Filme der Reihe auch, ist „Der gnadenlose Vollstrecker“ als Blu-ray/DVD-Combo erschienen. Das Bild ist wie gehabt sehr gut, auch wenn ihm – bedingt durch das Anfang der 80er verwendete Filmmaterial – die beinahe plastische Schärfe der 70er Jahre Produktionen teilweise fehlt. Doch Farben und Schwarztöne können absolut überzeugen. Der deutsche Ton hat ein ganz dezentes Rauschen, der Mandarin-Ton ist klarer, dafür aber auch steriler. Der Film war in seiner alten deutschen Kino- und Videofassung um 9 Minuten gekürzt, die fehlenden Stellen sind hier wieder da und im Original mit ausblendbaren deutschen Untertiteln belassen. Zusätzlich ist noch eine isolierte Musik und Toneffekt-Spur auf Basis der Mandarin-Fassung beziehtdabei. Als Extras gibt es neben den deutschen und chinesischen Trailer noch eine Bildergalerie, sowie ein 12-seitiges Booklet mit den deutschen Aushangfotos und Werberatschlägen.

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