Blu-ray Rezension: „Ich seh, ich seh“

ichsehichsehDie 10-jährigen Zwillinge Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) leben zurückgezogen in einer modernen Villa am Waldrand. Als ihre Mutter (Susanne Wuest) eines Tages von einem längeren Krankenhausaufenthalt zurückkehrt, ist ihr Gesicht aufgrund chirurgischer Eingriffe bandagiert. Den Zwillingen fällt auf, dass sich die vormals so liebende Mutter nun herrisch und fremd verhält. Immer mehr reift in ihnen die Erkenntnis, das die Frau, die dort in ihr Haus gekommen ist, gar nicht ihre Mutter ist, sondern eine Fremde. Nun setzen die beiden Jungen alles daran herauszufinden: „Wo ist die Mama?“.

Es ist schon erstaunlich, was in den letzten beiden Jahren aus unserem Nachbarland Österreich an guter Genre-Ware kam. „Blutgletscher„, „Das finstere Tal„, „Autumn Blood“ und aktuell „Ich seh, ich seh„. Und dass die Österreicher dann noch einen düsteren Horrorthriller zum diesjährigen Oscar-Kandidaten küren, wundert nur diejenigen, die das deutsche „Auf Nummer sicher“ gewohnt sind. Wobei hier nicht angedeutet werden soll, dass es sich hier um eine „Welle“ handelt. Aus Österreich kamen in den letzten Jahrzehnten immer wieder Filme, die ihren deutschen Pendant an Wagemut, an brutaler Ehrlichkeit und menschlichen Abgründen weit überlegen waren. Und Filmemacher, die ihren eigenen, nicht immer geraden, aber gnadenlos konsequenten Weg gehen. Natürlich Michael Haneke, dessen frühen österreichischen Filme wie „Der siebente Kontinent“ wie gezielten Schläge in die Magengrube wirkten. Der großartige Michael Glawogger, der zwischen Dokumentation und Spielfilm mühelos hin- und her wechselt und dabei ein in sich geschlossenes Werk schuf. Eddy Saller und Peter Patzak müssen ebenso genannt werden, wie Franz Novotny und Wolfgang Murnberger. Und selbstverständlich auch Ulrich Seidl, der bei „Ich seh, ich seh“ als Produzent fungiert. Was kein Wunder ist, da Regisseurin Veronika Franz mit ihm verheiratet ist und bei zahlreichen seiner Filme in unterschiedlichen Funktionen tätig war. Was man dem Film durchaus ansieht, da er ähnlich streng komponiert ist wie Seidls Werke, ebenfalls auf Laien zurückgreift und eine merkwürdig, steril-beunruhigende Atmosphäre aufbaut.

Zusammen mit ihrem Co-Regisseur Severin Fiala hat Veronika Franz einen Film geschaffen, der auf unterschiedliche Arten lesbar ist. Die Überforderung der Eltern durch die Kinder, die ihnen den Raum und die Luft zum Leben nehmen. Die Gleichgültigkeit der Eltern gegenüber den emotionalen Bedürfnissen der Kinder. Die unheilvolle Mischung aus beiden, wenn zwei Welten aufeinander prallen, die sich nicht verstehen, aber aufeinander angewiesen sind. Allein durch diese Szenarien wird bereits der blanke Horror erzeugt. Franz und Fiala sind allerdings so klug, sich nicht auf eine Lesart festzulegen, ihre Zuschauer belehren zu wollen, oder eine bestimmt Bedeutung in ihren Film hinein zu prügeln. Im Gegenteil, kommentieren sie nichts und verzichten auch darauf, den Zuschauer durch billige „Kaninchen aus dem Hut“-Tricks zu unterfordern. Die „Pointe“ ist bereits in den ersten Bildern evident. Und wird in der Folge auch gar nicht kaschiert, um am Ende zu zeigen, wie clever man doch sein Drehbuch gestrickt hat. Die Überraschung ist keine und das Wissen um das „Geheimnis“ der Zwillinge macht die Geschichte nur noch verstörender – und auch spannender. Die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Geschichte schwindet durch dieses Wissen von den ersten Minuten an immer mehr.

Denn neben den intelligenten Deutungsmöglichkeiten sollte man nicht vergessen, dass Fiala und Franz auch einen guten und spannenden Genrefilm gedreht haben, der auch oberflächlich und ohne den allegorischen Unterbau hervorragend funktioniert. Dazu tragen auch die hervorragenden Hauptdarsteller bei, die den Film als Drei-Personen-Stück tragen. Neben den (realen) Zwillingen Lukas und Elias Schwarz, die hier erstmals vor der Kamera stehen, ist dies natürlich die großartige Susanne Wuest, die nicht nur eine physisch herausfordernde Rolle hat, sondern sich auch die erste Hälfte des Filmes hinter Bandagen verstecken muss und nur mit den Augen und den Körper agieren kann. Wenn die Bandagen fallen, ist es ihr ausdrucksstarkes, schönes und doch auch irgendwo seltsamen Gesicht, welches den Verdacht, die Frau im Haus könnte nicht die geliebte Mutter sein, durchaus anfeuert. Aber wie erwähnt, ist „Ich seh, ich seh“ kein Film, der von einem clever konstruierten Geheimnissen lebt. Diese werden dann auch eher nebenbei aufgelöst und man meint die Macher im Hintergrund: „Aber das war doch eh klar, oder?“ flüstern zu hören. Zu diesem Zeitpunkt interessieren diese Enthüllungen auch gar nicht mehr, weil man schon zu tief in den Strudel aus Trauer, Wut und die Unfähigkeit beides aufzulösen hingezogen wurde. Fiala und Franz ergreifen auch keine Partei und auch der Zuschauer wird hin und her gerissen, da beide Seiten gute und nachvollziehbare Gründe so zu handeln, wie sie es tun. Und das macht einen ebenso hilflos wie traurig. Fiala und Franz ersparen ihren Zuschauer nichts. Die Gewaltdarstellungen sind extrem unangenehm und geht Richtung „Audition„. Obwohl ich in einer Szene gar nicht richtig erkennen konnte, was genau vor sich geht, reichten doch die Andeutungen aus, das Kopfkino soweit anzuheizen, dass ich wegschauen musste. Man darf gespannt sein, welche Chancen „Ich seh, ich seh“ bei den Oscars 2016 hat. Wir schicken mit „Im Labyrinth des Schweigens“ mal wieder eine Geschichts-Aufbereitung und was mit Nazis. Wie gehabt. Felix Austria.

Der österreichischer Horror-Thriller von Severin Fiala und Veronika Franz bietet mehrere Lesarten an, ohne den Zuschauer im Nacken zu packen und auf das Offensichtliche zu stoßen. Der „große Plottwist“ ist dann auch keiner, sondern es ist von Anfang an klar, was los ist. Das macht aber gar nichts, weil es die Geschichte noch verstörender macht, als wenn die „Pointe“ wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert würde. Der Gewaltlevel ist extrem unangenehm und geht Richtung „Audition“. Ein packender Film und zu recht Österreichs Oscar-Kandidat.

Das Bild der Blu-ray (der Film wurde in „glorious 35mm“ gefilmt) ist sehr gut. Gestochen scharf ohne dabei digital und leblos zu wirken. Die durchkomponierten Bilder des grandiosen Kameramann Martin Gschlacht erhalten so den würdigen Rahmen. Die Tonspur ist klar und sehr frontlastig. Auf Toneffekte wird fast gänzlich verzichtet. Erfreulicherweise werden deutsche Untertitel mitgeliefert, denn manchmal ist das österreichisch für norddeutsche Ohren schwer zu verstehen. Die Extras sind eher Durchschnitt. die knapp acht Minuten „Deleted Scences“ bringen keinen wesentlichen Erkenntnisgewinn. Das Making Of ist ein B-Roll, welches das Team vor allem bei der Ausführung der Effekte zeigt. Das Casting-Tape der Zwillinge ist nett anzusehen, aber nicht mehr. Dafür ist das knapp 13-minütige Interview mit den beiden sympathischen Filmemachern Severin Fiala und Veronika Franz sehr interessant. Und wenn Veronika Franz dann auf die Frage nach ihren Vorbildern zuerst Dario Argento nennt, dann von Nicolas Roeg schwärmt und am Ende noch Jess Franco erwähnt – dann möchte man sie gleich in den Arm nehmen.

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