Blu-ray Rezension: “Der Mann mit den Röntgenaugen“

mannaugenDr. Xavier (Ray Milland) hat ein Serum entwickelt, mit dessen Hilfe die Sehkraft des menschlichen Auges gesteigert wird. Beaufsichtigt von seinem Freund Dr. Brant (Harold J. Stone) testet er das Mittel im Selbstversuch. Dieser ist ein voller Erfolg. Schon bald kann Xavier sogar durch Gegenstände hindurchsehen. Als Xavier immer exzessiver das Serum nutzt, versucht Brant ihn von weiteren Versuchen abzuhalten. Bei einem Streit, stößt Xavier seinen Freund versehentlich durch ein Fenster in den Tod. Xavier flüchtet und versteckt sich als Wahrsager Dr. Mentalo auf einem Jahrmarkt…

Regisseur Roger Corman hält „Der Mann mit den Röntgenaugen“ für seinen besten Film. Eine Haltung, die man durchaus diskutieren kann, schließlich ist der Mann auch für „Satanas – Schloss der blutigen Bestie“ verantwortlich. Unstrittig dürfte aber sein, dass „Der Mann mit den Röntgenaugen“ zu den allerbesten Film des King of the Bs zählt. Wofür, neben einem starken Drehbuch und innovativen Kameraeffekten, vor allem Hauptdarsteller Ray Milland verantwortlich ist. Milland ist einer der großen, aber heutzutage leider immer etwas unterschätzten Hollywood-Stars. Wer sich an „Der unheimliche Gast“ oder seine Glanzleistung in Billy Wilders „Das verlorene Wochenende“ erinnert, kann kaum verstehen, weshalb dieser Mann, der sowohl eleganten Esprit, als auch tiefste Verzweiflung gleich überzeugend auszudrücken vermochte, es nie ganz in den heute gültigen Hollywood-Pantheon geschafft hat. Und das, obwohl er nach „Verlorenes Wochenende“ zu den bestbezahltesten Schauspielern Hollywoods gehörte. Vielleicht war es sein normales Aussehen – welches allerdings, wie in „Bei Anruf Mord“, durchaus auch dämonisch daherkommen konnte. Vielleicht aber auch die Tatsache, dass er sich in den 50er Jahren zunehmend auf die Arbeit hinter der Kamera konzentrierte. Anfang der 60er adelte er das Reich der B-Filme mit seinen beeindruckenden Auftritten in drei Roger-Corman-Produktionen. Neben der Poe-Verfilmung „Lebendig begraben“, waren dies der hier besprochene Film und „Panik im Jahre Null“, welchen er auch selber inszenierte. In den 70ern wurde zu einem Relikt aus einer anderen Zeit, mit dessen Namen sich viele preisgünstige Produktionen gerne schmückten. Aber auch in größeren Produktionen trat er hin und wieder in kleinen Nebenrollen auf. Heute sind es neben „Bei Anruf Mord“ und dem grandiosen „Verlorenen Wochenende“ gerade die Corman-Produktionen, an die man sich bei seinem Namen erinnert.

In „Der Mann mit den Röntgenaugen“ zeigt Ray Milland noch einmal die ganz Palette seines Könnens. Sein Dr. Xavier ist ein Getriebener seines Forschungsdrangs. Den von ihm versehentlich herbeigeführten Tod seines besten Freundes, quittiert er mit einem Blick, der sagt „Schade, ist aber so“. Gleichzeit kann Milland aber auch glaubwürdig die spitzbübische Freude zeigen, wenn er die netten Nebeneffekte seiner Erfindung entdeckt – ebenso wie die tiefe Verzweiflung und Lebensmüdigkeit, wenn er sich aus der Umklammerung seiner Fähigkeiten nicht mehr lösen kann. Mit Milland kann man also ebenso sehr Mitleid haben, wie man seine wissenschaftliche Kaltschnäuzigkeit, die an Herzlosigkeit grenzt, verabscheuen kann. Doch ein Bösewicht im klassischen Sinne ist Xavier nicht. Tatsächlich will Xavier Gutes für die Menschheit tun, und dabei gleichzeitig zu beweisen, was für ein brillanter Kopf er doch ist. Xavier ist nicht wirklich gut, nicht wirklich böse. Das verleiht diesem Charakter seine Tiefe. Milland erkennt dies und macht Xavier zu einer der interessantesten Gestalten des klassischen Science-Fiction-Films.

Am Ende ist es Xaviers Stolz und seine Gier nach Anerkennung, die sei Schicksal besiegelt. Niemand hat ihn gezwungen, das Mittel an sich selbst auszuprobieren. Den unglücklichen Tod seines besten Freundes hätte er verhindern können, wenn er nicht so starrsinnig gewesen wäre. Und wenn seine Tarnung am Ende auffliegt, so liegt es auch wieder nur daran, dass er sich nicht zurückhalten konnte und anfing mit seinen außerordentlichen Fähigkeiten zu prahlen. Der Film erzählt also die klassische Geschichte eines begnadeten Mannes, der das Gute will und am Ende über die eigene Eitelkeit stolpert. Roger Corman erzählt Xaviers Tragödie in drei Akten. Im ersten Akt lernen wir Xavier als (über)ambitionierten, enthusiastischen Wissenschaftler kennen, der sich über die Konsequenzen seines Tuns nicht im Klaren ist. Xavier ist selbstsicher und arrogant. Im zweiten Akt lernen wir einen ganz anderen Xavier kennen. Die vorangehenden Ereignisse haben ihn zu einem verbitterten, zynischen Menschen gemacht. Abgestiegen zu einen billigen Jahrmarktsattraktion, die sich ohne großen Widerstand einem kleinen Gauner manipulieren lässt. Im dritten Akt dann das letzte Aufbäumen. Xavier sieht seine Chance gekommen, dem Dreck und Elend den Rücken zu kehren, und wieder in der besseren Gesellschaft anzukommen. Sich ein Stück Normalität in seiner anormalen Situation zu erkämpfen. Sein Anker ist die junge Frau, die sich in ihn verliebt hat. Doch wieder sind es seine Gier nach Bewunderung, die zur endgültigen, persönlichen Katastrophe führen.

Neben Millands brillanter Darstellung tragen noch weitere Faktor dazu bei, aus „Der Mann mit den Röntgenaugen“ einen Klassiker seines Genres zu machen. Wie die wunderbare, sich auf unheimliche Weise in die Gehörwindungen schleichende Musik von Lex Baxter. Auch die Titelsequenz, in der minutenlang ein blutiger Augapfel zu sehen ist, dürfe dem Publikum damals schlaflose Nächte bereitet haben. Möglicherweise liegt hier auch der Grund darin zu sehen, warum der Film zu seiner Entstehungszeit keinen deutschen Verleih fand. Trotz Ray Milland und den Erfolgen von Cormans Poe-Filmen. Oder war Film den Verleihern hierzulande zu ernst, zu düster? Ein ähnliches Schicksal erfuhr ja auch Hammers Juwel „Sie sind verdammt“, welches ich hier erst kürzlich vorstellte. Im Falle von „Der Mann mit den Röntgenaugen“ mussten die deutschen Zuschauer sogar bis 1979 warten, bis der Film in der ARD seine Deutschland-Premiere erlebte.

Um so schöner, dass der Film hier nun als Blu-ray erschienen ist. Nachdem er bereits in Anolis Reihe „Die Rückkehr der Galerie des Grauens“ als DVD erschienen ist, liefert Anolis nun die HD-Variante nach. Und das Ergebnis ist durchaus beeindruckend. Die Farben sind kräftig, das Schwarz wirklich tiefschwarz und insbesondere die Titelsequenz wird fast schon plastisch. Manchmal ist das Bild fast schon zu klar, wodurch einige Effektszenen plötzlich sehr deutlich als sehr simple Kameratricks zu entlarven sind. Doch dies tut der Freude keinen Abbruch. Schade ist es allerdings, dass die wunderbaren und vielzähligen Extras der DVD-Fassung nicht mit auf die Blu-ray gepackt wurden. Vermutlich um die Exklusivität der „Rückkehr der Galerie des Grauens“ zu wahren und die Käufer der nicht gerade preisgünstigen DVD nicht zu verärgern. So befinden sich auf der Blu-ray unter „Extras“ dann auch nur zwei Trailer und eine Bildgalerie. Der Mono-Ton liegt in klar verständlichem Englisch und in einer guten TV-Synchronisation mit bekannten Sprechern vor.

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