Blu-ray-Rezension: “Das Todeslied des Shaolin”

todesliedshaolinEnde des 19. Jahrhunderts: China steht unter dem Einfluss Japans. Der Kaiser ist schwach und soll nach Willen der Japaner durch einen ihnen genehmen Nachfolger ersetzt werden. Aus diesem Grund schickt Japan Kizu (Sit Hon) und Sheila (Cheung Ying Shen) nach China, um dort Kontakt mit General Tso aufzunehmen, der von Japan als Thronfolger auserkoren wurde. Doch Kizus und Sheilas Mission wird immer wieder durch den schier unbesiegbar erscheinenden Kämpfer Chin Lung (Jimmy Wang Yu) sabotiert. Also engagieren Kizu und Sheila verschiedene Kämpfer, um Chin Lung auszuschalten. Doch erst der mit modernen Pistolen ausgestattete Sau Pai-lung (Lung Fei) erweist sich als echte Gefahr für Chin Lung…

Jimmy Wang Yu ist ein Phänomen. Mitte der 60er Jahre stieg er kometenhaft zum Superstar des Hongkong-Kinos auf. Nach ersten Erfolgen wie beispielsweise in dem wegweisenden Martial-Arts-Film „ Der Tempel des roten Lotus“ wurde er von dem Shaw Brothers Studio, zum zu ihrem Star aufgebaut. 1968 schlüpfte er dann in die Rolle, die in endgültig an die Spitze katapultieren sollte und ihm gleichzeitig wie auf den Leib geschneidert war: Der einarmige Schwertkämpfer in „Das goldene Schwert des Königstigers“. Hier konnte auf sehr kreative Weise ein Manko beseitigt werden, welches Wang Yu von seinen Mitkonkurrenten unterschied. Während diese die Kampfkunst von der Pike an gelernt hatten, kam Wang Yu von einer anderen Sportdisziplin. Er war vor seiner Filmkarriere Schwimmer gewesen. Dass er nicht ganz die einzigartigen Fähigkeiten eines Ti Lung oder David Chiang (die beide nach ihm auf der Bildfläche erschienen) mitbrachte, konnte nicht nur durch geschickte Kameraarbeit, sondern auch den Umstand, dass er mit nur einem Arm kämpfte, erklärt werden. In den folgenden Jahren sollte Wang Yu sehr häufig zu dieser Rolle oder Rollenvarianten zurückkehren und darin sogar einmal gegen den berühmten blinden Samurai Zatoichi antreten.

In „Das Todeslied der Shaolin“ besitzt Wang Yus Charakter zwar beide Arme, vermeidet aber große Kampfszenen Mann gegen Mann. Vielmehr springt er meterhoch durch die Gegend, fängt Dinge auf und schleudert diese mit tödlicher Präzision auf den Feind zurück. Am Ende bleibt er – egal wer der Gegner ist – der lachende Sieger. Einmal steht er sogar lächelnd auf der Spitze eines gigantischen Speers, den sein Widersacher in der Hand hält. Generell zeichnen sich Wang Yus Filme durch ein wunderbares Sammelsurium grotesker Kämpfer und Waffen aus. Dies war so schon in seiner ersten Regiearbeit „The Chinese Boxer“ (Deutscher Titel: „Wang Yu – Sein Schlag war tödlich“) – als dessen Fortsetzung dieser Film unter dem Titel „The Return of the Chinese Boxer“ in den USA vermarktet wurde – der Fall und erst recht in seinem 1976 entstanden Klassiker „Duell der Giganten“, welcher es insbesondere Quentin Tarantino angetan haben dürfte, da dieser den Film exzessiv in seinen „Kill Bill“-Filmen musikalisch und visuell zitiert. Auch „Das Todeslied des Shaolin“ kann mit einem ganzen Panoptikum skurriler Gestalten aufwarten.

Neben den pistolen-schwingenden Antagonisten, den Ninjas und dem am ganzen Leib mit Wurfmesser ausgestatteten Helfer der bösen Sheila, sind dies vor allem drei Zombie-Kämpfer. Diese wurden mit schwarzer Magie aus dem Reich der Toten zurück in ihre verrottenden Kadaver geholt und treten nun in einer äußerst denkwürdigen Szene gegen den Helden an. Aber auch die Waffen sind überdimensioniert. So gibt es eine Pistole mit scheinbar unendlich vielen, langen Läufen, den bereits erwähnten überdimensionierten Speer und noch zahlreiche andere Waffen, die beinahe wie Parodien wirken. Stahlkrallen, Sicheln mit explosiven Ketten und noch vieles mehr. Man kommt aus dem Staunen kaum noch heraus. Dabei geht diese Lust des Zeigens zulasten einer stringent erzählten Geschichte. Diese ist eh schon sehr dünn und wenig mehr als ein Vorwand, Jimmy Wang Yu und seine Mitstreiter in Aktion zu erleben. Doch Wang Yu kümmert sich auch nicht weiter darum, sondern geht sogar so weit, den Film durch eine völlig unnötige Rückblende zu unterbrechen, welche die Erzählung über einen Kampfwettbewerb bebildert, der für die eigentlichen Handlung des Filmes aber von keinerlei Belang ist.

In dieser merkwürdigen Sequenz geht es um eine Gestalt namens Yin Feng, die als unbesiegbarer Kämpfer angepriesen wird und später gegen Wang Yu antreten wird. Das Unorthodoxe an der ganzen Episode ist es, dass die Japanerin Sheila und den von ihm gewonnen Wettbewerb nur nebenbei erwähnt, worauf hin dieses Turnier dann aber viele Minuten lang in aller Ausführlichkeit gezeigt wird. Als die Episode zu ende ist, wird das gerade gesehene von der Erzählenden dahingehend kommentiert, dass sie plötzlich einen weiteren potentiellen Helfer für den Kampf gegen den von Wang Yu gespielten Chin Lung aus dem Hut zaubert. Die beiden machen sich sogleich auf diese Suche nach diesem noch besseren Kämpfer, ohne dass Yin Feng noch einmal erwähnt wird. Trotzdem taucht Yin Feng später dann noch einmal recht unmotiviert auf, wird aber dem Ruf, den die Geschichte um den Wettbewerb aufgebaut hatte, nicht im mindesten gerecht. Er flieht feige vor Chin Lung und begeht schließlich einen recht dilettantisch wirkenden Selbstmord. Entweder wollte der Regisseur Wang Yu seine eigene Figur Chin Lung damit noch einmal kräftig überhöhen oder auf subtilen Weise andeuten, dass man nicht alles glauben soll, was man über Andere hört. Wang Yus durchaus schwierigen Charakter im Hinterkopf habend, ist letzteres aber eher unwahrscheinlich.

So bleibt es dann Lung Fei als Pistolenmann Sau Pai-lung überlassen, einzig ebenbürtiger Gegner Chin Lungs zu sein. Wobei seine Gleichwertigkeit nur mithilfe seiner Schusswaffen hergestellt wird. Was zu einem wundervollen Finale führt, in dem Sau Pai-lung unseren Helden in einer riesigen Scheune sucht, welche von oben bis unten mit Chin Lung-Puppen voll gestellt ist. Eine hübsch einfallsreiche Variation des Spiegelmotivs aus Orson Welles „Die Lady von Shanghai“ oder natürlich auch dem bahnbrechenden Bruce-Lee-Klassiker „Der Mann mit der Todeskralle“. Besonders effektiv ist hierbei der seltsam-unheimliche Dampf geraten, der den Puppen im Augenblick ihres „Todes“ entweicht. Diesem gelungenen Finale folgt dann noch ein eher unspektakulärer und mittlerweile auch ziemlich egaler Appendix, der noch einmal die Ziellosigkeit des Drehbuchs unterstreicht. Aber auch hier gilt, die Schauwerte – in diesem Fall eine schöne Frau beim Schwerttanz, entschuldigen für diese Holprigkeiten.

Trotz einer dünnen Story und eines katastrophal konstruierten Drehbuchs macht Jimmy Wang Yus Ego-Show „Das Todeslied des Shaolin“ eine ganze Menge Spaß, da der Film mit bizarren Ideen und Bildern vollgestopft wird, die die Augen eines jedem, der Sinn für bunten Wahnsinn hat, zum Leuchten bringen.

Die Blu-ray us dem Hause filmArt präsentiert den Film ungekürzt in glorreichem Widescreen. Die Qualität des Bildes schwankt dabei von sehr gut bis okay. Wobei letzteres auch am Kameramann liegen kann, der scheinbar an einigen Stellen vergaß, wo man den Fokus einstellt. Lediglich die Titelsequenz fällt etwas ab und ist offensichtlich von einer schon sehr verbrauchten deutschen Kinorolle gezogen worden. Der Film liegt in Deutsch und Englisch vor. Die Originaltonspur fehlt somit leider. Die deutsche Synchronisation aus dem Hause Schier ist zwar preisgünstig, aber professionell und mit den typischen 70er-Eigenheiten gespickt. Der englischen Fassung ist sie haushoch überlegen. Extras gibt es bis auf die obligatorischen Trailer leider keine, dafür aber ein informatives – wenn auch manchmal leider etwas ungelenk formuliertes – Booklet von Frank Faltin.

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