DVD-Rezension: „Night Ripper – Das Monster von Florenz“

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In der Provinz von Florenz geht ein Serienmörder um, der innerhalb von 17 Jahren acht Pärchen erschossen und anschließend die Frauen verstümmelt hat. Der Schriftsteller Andreas Ackerman (Leonard Mann) schreibt an einem Buch über den Mörder. Seine Recherchen und Theorien über dessen Identität lassen für ihn immer mehr Vorstellung und Wirklichkeit miteinander verschmelzen…

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Obwohl in der schönen Giallo-Edition des Labels filmArt herausgekommen, hat „Night Ripper – Das Monster von Florenz“ nur wenig mit dem klassischen Giallo zu tun, den man hier erwarten würde. Auch der deutsche Titel führt in die Irre. Einen „Ripper“ gibt es hier nicht, die zahlreichen Morde werden zumeist mit der Schusswaffe ausgeführt. Nur in der Eröffnungssequenz greift das „Monster von Florenz“ – so auch der Originaltitel – zum blanken Stahl. Als ihm eines seiner Opfer trotz schwerster Verletzungen entkommt, weiß sich der geheimnisvolle Serienkiller nur mit einem Schnitt durch die Kehle zu helfen. Und natürlich spielt das Messer auch eine Rolle, wenn er seine weiblichen Opfer genital verstümmelt. Immerhin bedient dieser „True Crime“-Film eine der Standard- Giallo-Konvention, denn  das Motiv für die Morde liegt in der Vergangenheit. Oder aber auch nicht. Und genau hier ist das eigentliche Problem des Filmes zu finden.

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„Night Ripper“ beruht auf dem wahren Fall des „Monsters von Florenz“, eines Serienmörders der zwischen 1968 und 1985 außerhalb von Florenz acht Pärchen in ihren Wagen erschoss. Als Debüt-Regisseur Cesare Ferrario – der auch am Drehbuch mitschrieb, ansonsten in der Geschichte des italienischen Films ein Unbekannter blieb – unmittelbar nach dem letzten Mord des „Monsters“ seine filmische Aufbereitung dieses realen Falles inszenierte, war die Identität des Mörders noch nicht bekannt. Statt sich von den realen Geschehnissen zu einer eigenen Geschichte inspirieren zu lassen, die Motive des echten Falls aufgreift, aber in einen fiktiven Kontext setzt, entschloss sich Ferrario zu einem gänzlich anderen Schritt. Er spielt mit dem Dilemma des Filmemachers, der sich mit einer Geschichte konfrontiert sieht, zu der er keine Auflösung kennt, und die er daher ganz allein entwickeln muss.

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Ferrarios Alter Ego ist der Schriftsteller Andreas Ackerman. Dieser arbeitet an einem Buch über das „Monster“, kommt damit aber nicht so recht voran. Er entwickelt immer neue Szenarien, wie der Killer zu seinem ersten Mord getrieben wurde oder was in seiner Kindheit geschah, das ihn zum Mörder werden ließ. Diese unterschiedlichen Ansätze widersprechen sich allerdings untereinander, und hier begeht Ferrario einen dramaturgischen Fehler. Er weist sein Publikum nicht darauf hin, dass es sich bei den Rückblenden, die die Hintergründe der Morde durchleuchten sollen, um reine Mutmaßungen Ackermans handelt. Der Zuschauer ist daran gewöhnt, dass Rückblenden die Wahrheit erzählen und so lässt ihn Ferrarios Kniff verwirrt und ratlos zurück. Dass an dem Problem der „gelogenen Rückblende“ einst auch schon der große Hitchcock in „Die rote Lola“ gescheitert ist, mag hier nur ein schwacher Trost sein. Cesare Ferrario verwirft hier ohne Not die Gelegenheit, seinen durchaus spannenden Ansatz durch den Film zu tragen. So aber erlahmt das Interesse relativ schnell, da das Stückwerk aus realen Morden, als Rückblenden inszenierten Theorien und der zunehmenden Besessenheit Ackermans mit dem Fall nicht recht zueinander passen wollen und sich gegenseitig im Wege stehen.

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Die Figur des Andreas Ackerman ist durchaus spannend, nimmt sie doch den von Jake Gyllenhaal gespielten Robert Graysmith aus David Finchers „Zodiac“ vorweg, welcher sich ebenfalls immer selbstzerstörsicher mit einer unaufgeklärten Mordserie beschäftigt. Auch Ackermans Charakter bekommt im Laufe des Filmes immer manischere Züge, wenn er in seiner unmittelbaren Umgebung die Figuren seiner wilden Fantasien, den Serienmörder betreffend, zu erkennen glaubt. Und am Ende meint er sogar, dem Täter gegenüberzustehen. Doch dadurch, dass sich Cesare Ferrario entweder strikt weigert sein Konzept zu erklären oder dafür keine überzeugendes Mittel gefunden hat, verpufft die Geschichte um Andreas Ackerman vollkommen. Dass dieser von dem ehemaligen Italo-Western-Star Leonard Mann auch eher schlafwandlerisch angelegt wird, hilft auch nicht, diesen Teil des Filmes überzeugend voranzutreiben. Er bleibt eine Randnotiz.

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Sehr viel mehr zu beißen, gibt Ferrario seinen Zuschauern mit den teilweise recht stimmungsvollen  – und bis auf den blutigen Auftakt – eher zurückhaltend inszenierten Mordszenen. Ferner nutzt er seine Freiheit, sich bei den verschiedenen Mutmaßungen über die Identität und den psychologischen Hintergrund des „Monsters“ an keine Vorgaben halten zu müssen, um einige Szenen einzubauen, die den Film gefährlich nah an die Untiefen des Sleaze heranführen. Doch auch hier zieht Ferrario, vergleichbar mit den Mordszenen, nicht wirklich voll durch und zeigt nichts, was die deutsche FSK-Freigabe von 16 Jahren irgendwie in Gefahr bringen würde. Hier hatte man sich etwas mehr Mut gewünscht, um dem Film durch jene Maßlosigkeit im Gedächtnis zu halten, die italienischen Genrefilmen zumeist zu eigen ist. Wenn schon die vielversprechende Grundidee durch Schlamperei in der Erzählung verstolpert wurde.

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Cesare Ferrarios True-Crime-Thriller, der hier als Giallo vermarktet wird, kommt mit einer durchaus interessanten Grundgeschichte daher, die einiges von David Finchers Jahrzehnte später entstanden „Zodiac“ vorweg nimmt. Leider verhindert das frustrierend schlecht konstruierte Drehbuch und die eher lustlose Umsetzung, dass bei „Night Ripper“ seine Versprechen einlösen kann.

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Der Film ist in der Giallo-Edition des Hauses filmArt als Blu-ray/DVD-Kombo erschienen. Das Bild ist dem Quellmaterial entsprechend gut. Wie alle italienischen Genre-Filme aus der Mitte der 80er weist er starke dunkel-blaue Töne auf, die teilweise etwas verwaschen wirken. Davon abgesehen ist das Bild recht scharf und weitaus detailreicher als früherer Inkarnation des Films bei einem Billig-Labeln. Der Film ist erstmals ungeschnitten, fehlenden Handlungsteile wurden im O-Ton mit deutschen Untertiteln eingefügt. Die deutsche Synchronisation stammt leider aus der Discount-Ecke, so dass der etwas dumpfere, italienische O-Ton zu bevorzugen ist. Außer diesem liegt noch eine englische Tonfassung vor. An Extras gibt es bis auf eine Trailer-Show leider nichts zu finden. Dafür enthält das Mediabook ein höchst informatives, 12-seitiges Booklet von Heiko Hartmann bei, in welchem man, neben Details zum Film, auch etwas über das wahre „Monster von Florenz“ lesen kann.

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