DVD-Rezension: „The Guest“

Von , 31. Mai 2015 00:15

theguestEines Morgens steht vor der Tür der Familie Peterson ein junger Mann (Dan Stevens), der sich David nennt und sich als Kamerad ihres verstorbenen Sohnes vorstellt. Die Familie Peterson bietet dem freundlichen und gutaussehenden David an, ein paar Tage bei ihnen zu bleiben. Bald schon sind sie seinem Charme erlegen und behandeln ihn fast wie ein Familienmitglied. David zahlt es ihnen zurück, indem er sich um Luke (Brendan Meyer), den Sohn des Hauses, kümmert und ihm zeigt, wie er mit sich in der Schule gegen seine Peiniger durchsetzen kann. Auch das Herz der Tochter Anna (Maika Monroe) und deren Freunde gewinnt er im Sturm. Doch bald schon wächst in Anna der Verdacht, dass David nicht der sein könnte, für den er sich ausgibt…

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Es gibt ihn noch: Den B-Film, der gar nicht erst so tut, als wolle er sich mit den großen Blockbustern messen, sondern sein kleines Budget dafür nutzt, mit tollen Schauspielern eine ökonomisch erzählte und dichte Geschichte ohne große Umwege und unnötige Ausschmückungen. Adam Wingards Film erinnert an die besten Werke eines John Carpenter, der am Anfang seiner Karriere einen ganz ähnlichen Stil pflegte, der wiederum an solchen alten Meistern wie Howard Hawks geschult war. In einer Zeit, in der alles immer größer und „cleverer“ sein muss, und man es kaum noch schafft einfache Geschichte in 90 Minuten zu erzählen und scheinbar ständig bewiesen werden muss, wie raffiniert oder ironisch man doch ist, stellt es eine Wohltat dar, wenn einem mal wieder ein Film wie „The Guest“ unterkommt.

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„The Guest“ bietet viele Interpretationsmöglichkeiten an, ohne dem Zuschauer eine bestimmte Lesart aufzwingen zu wollen. Auch wird nicht alles zum Erbrechen aus erzählt. Das Publikum erfährt genau soviel, wie es braucht, um dem Film zu folgen. Es gibt viele Leerstellen, die man selbst füllen kann – aber nicht braucht. Als Allegorie oder einfacher Spannungsfilm – „The Guest“ funktioniert auf beiden Ebenen. Klar bietet es sich an, ihn als Parabel auf die verändert aus dem Krieg heimkehrenden jungen Menschen zu sehen, die zu viel Grauen gesehen habe, zu unmenschliche Taten verübt haben, um noch diejenigen zu sein, die ihre Eltern einst in eine fernes Land ziehen ließen, um einen Krieg zu führen, den sie nicht verstehen. Bob Clarkes wunderbarer Zombiefilm „Deathdream“ wäre dann ein geistiger Bruder von „The Guest“. Aber man kann ihn auch als eine Coming-of-Age-Geschichte verstehen. Die junge Tochter, die sich in ihrem engen Elternhaus nicht mehr Zuhause fühlt und von dem Fremden fasziniert ist, der am Anfang aus der großen Weite, die ihr muffiges Haus umgibt, in ihr Leben gelaufen kommt.

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Folgt man diesem Ansatz, so ist „The Guest“ ein Film über die Angst eines jungen Mädchens, die einerseits von den Männern angezogen wird, sich anderseits aber davor fürchtet, dass der Ausgewählte nicht der richtige ist und sich am Ende als jemand vollkommen anderer entpuppt, als der, in den man sich verliebt hat. David ist eine Manifestation dieser Angst. Eloquent, freundlich, selbstbewusst und unverschämt gut aussehend. Doch am Ende wird sich herausstellen, dass er innerlich tot und ohne jedes Mitgefühl und Skrupel ist. Dass er beim kleinsten Anlass Gewalt anwenden wird. David ist ein potentieller Frauenschläger par excellence. Einer von denen, bei denen man sich fragt, wie „sie“ auf „ihn“ hereinfallen konnte. „The Guest“ zeigt sehr deutlich wie das geht, denn auch der Zuschauer ist schnell von dem charmanten und selbstsicheren David eingenommen. Einem echten Kerl, der so cool ist, dass allein sein Blick ausreicht, um die Schwätzer im Raum zum Verstummen zu bringen. Ein Verführer, bei dem man gar nicht merkt, dass man seinem Charme schon erlegen ist.

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Eine der schönsten Szenen des Filmes dreht sich um den ultimativen Liebesbeweis eines Teenies. Anna hat David ein Mix-Tape (zeitgemäß auf CD, immerhin aber kein MP3-Grab) erstellt. Sie hat sich auf ihr Bett gelegen, es noch einmal durch gehört und dabei ganz sicherlich von David geträumt. Nun hat sie aber herausgefunden, dass David gefährlich und für den Tod einiger Menschen verantwortlich sein könnte. Über sie fällt der „Schatten des Zweifels“. Wie einst Teresa Wright in Hitchcocks Klassiker fragt sie sich, ob der tolle „Onkel Charlie“ nicht ein psychopathischer Mörder sein könnte und versucht sich von ihm fern zu halten. Doch betritt ihr Zimmer und entdeckt die selbst gebrannte CD. Er scheint sich darüber aufrichtig zu freuen, doch an der Art, wie David reagiert als er Annas Geschenk, dass nun gar nicht mehr für ihn bestimmt und so etwas wie die Manifestation eines großes Irrtums ist, an sich nimmt, zeigt, wie genau an dieser Stelle etwas zwischen beiden zerbricht.

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Doch man muss diesen Gedanken nicht folgen. Man kann sich auch einfach zurücklehnen und die gut geölte Maschine genießen, die Adam Wingard und sein Drehbuchautor Simon Barrett auf die Spur gesetzt haben. Die beiden haben gemeinsam auch schon den schwer unterhaltsamen „You’re Next!“ (Kritik hier) verantwortet und sind zu einem gut eingespielten Team geworden, welches man in Zukunft beachten sollte. Eine wichtige Rolle spielt in „The Guest“ auch der großartige Soundtrack, der aus 80er-Jahren-Stücken besteht. Aber nicht aus den bekannten Gassenhauern der Format-Radios, sondern aus dem wirklich guten Stoff. Diese Stücke von Bands wie Front 242, Sisters of Mercy oder Clan of Xymox sorgen zusammen mit dem kongenialen Soundtrack aus der Feder von Steve Moore für die richtige Atmosphäre und lassen eine zusätzliche emotionale Ebene entstehen. „The Guest“ ist ein Film, den man ebenso gut hören, wie sehen kann. Wem läuft es nicht angenehm den Rücken hinunter, wenn er unerwartet DAFs „Mussolini“ hört und im Finale plötzlich ihr „Alles ist gut“ ertönt. Auch hat Adam Wingard seine elegante und auf dem Höhepunkt delirierende Bildführung im Vergleich zu „You’re Next“ noch verfeinert. Am Ende lockt er Anna zusammen mit ihrem Bruder in eine Film-Hölle, in der sich „Die Lady von Shanghai“, „Suspiria“ und der Trockeneisnebel der alten Hammer-Filme die fiebrige Hand geben. Das hat dann alles nichts mehr mit einer Realität zu tun, die der Film anfangs vorgibt, aber sehr viel mit dem Irrsinn, welchen man so vor allem im klassischen B-Film finden kann. Da ist das letzte Bild des Filmes ausnahmsweise nicht nervig, sondern einfach nur konsequent. Der klassische B-Kino stirbt nie, auch wenn es sich dann und wann eine andere Gestalt gibt.

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„The Guest“ ist einerseits ein ungemein spannender Thriller, andererseits aber für die, die genauer hinschauen, auch ein vielschichtiges Werk, welches viele Lesarten anbietet, diese aber nicht penetrant einfordert.

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Das Bild der Splendid-DVD ist sehr gelungen. An manchen Stellen hat es nicht die Brillanz, die manch anderer aktueller Film, doch gerade dies gibt dem Film eine „80er-Jahre-Note“, die sicherlich beabsichtigt ist. Der Ton ist hervorragend und die deutsche Synchro sehr solide, auch wenn Hauptdarsteller Dan Stevens dadurch etwas von seinem Charisma verliert. Auch die Extras können sich sehen lassen. Neben seinem Audiokommentar des Regisseurs finden sich noch eine handvoll Deleted Scenes, zu denen ebenfalls ein Audiokommentar von Adam Wingart zugeschaltet werden kann, eine Gag-Szene und eine verlängerte Szene. Neben der Standard-Version gibt es noch eine 2-Disc Limited Edition – die allerdings neben einem Booklet und diversen Covern, nur den Film und die oben besprochen Extras einmal als Blu-ray und einmal als DVD anbietet. Da der Film aber auch eigenständig auf DVD und Blu-ray erschienen ist, erschließt sich mir diese Veröffentlichungspolitik nicht wirklich.

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