DVD-Rezension: „Die Gewalt bin ich“

gewaltbinichKaum ist „der Chinese“ (Tomas Milian) aus dem Gefängnis geflohen, lässt er umgehend den Mann exekutieren, der ihn einst hinter Gitter brachte: Den Ex-Kommissar Tanzi (Maurizio Merli). Doch Tanzi überlebt den Mordanschlag. Offiziell für Tod erklärt, macht sich Tanzi auf eigene Faust daran, dem „Chinesen“ das Handwerk zu legen. Währenddessen hat dieser mit dem mächtigen Gangsterboss Di Maggio (John Saxon) einen Pakt geschlossen. Doch die Zusammenarbeiten zwischen den beiden läuft nicht reibungslos, und Tanzi gelingt es immer wieder, neuen Sand ins Getriebe zu streuen. Bald schon steuert Rom auf einen blutigen Bandenkrieg zu…

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Nach dem Erfolg von „Die Viper“ drehte Umberto Lenzi 1977 diese Quasi-Fortsetzung namens „Die Gewalt bin ich“. Maurizio Merli darf dabei wieder in die Rolle des Kommissar Tanzi schlüpfen, der hier allerdings den Dienst quittiert hat und nunmehr als Privatmann die Unterwelt aufmischt. Dabei ist er sich jedoch der Unterstützung seines alten, von Renzo Palmer gespielten, Kollegen Astalli sicher. Die Beiden liefern sich dabei Dialoge, als wäre Tanzi noch immer bei der Polizei. Astalli drückt auch schon mal beide Augen zu, wenn der wilde Ex-Cop durch die Reihen der Gangster pflügt. Merli ist für seine Stammrolle als zuschlagender und, trotz akkuratem Seitenscheitel und korrekt gestutzten Schnauzer, immer ziemlich prollig wirkender Verbrechensbekämpfer geboren. Auch hier lässt er gerne mal das üppige Brusthaar aus dem zu weit aufgeknöpften Hemd wallen und einen bedenklichen Faible für Goldkettchen zu Schau stellen. In den 80ern hätte er wohl auch einen Vokuhila getragen. In Interviews wird Merli von seinen Zeitgenossen häufig als sehr schüchtern und freundlich beschrieben. Da ist war eine Figur wie der Tanzi, der auch gerne mal saftige Backpfeifen an herumstehende Frauen verteilt, für ihn möglicherweise eine größere schauspielerische Herausforderung gewesen, als man bei der hier eher eindimensionalen mimischen Leistung denkt.

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Ebenfalls aus „Die Viper“ wurde Tomas Milian übernommen, der hier wie dort den Part des Bösewichts übernimmt. Zwar ist sein „Chinese“ nicht mit dem buckligen Vincenzo Moretto – der dann aber in Lenzis „Die Kröte“ wieder auftauchen sollte – identisch, doch die Ähnlichkeiten zwischen beiden Figuren sind unübersehbar. Beide stammen aus dem Proletariat, sind Charaktere, die sich von ganz unten hochgearbeitet haben, aber nicht in der Lage sind, sich in der gehobeneren Schicht wirklich anzupassen. Beide sind durchtrieben, skrupellos und mit einer großen Bauernschläue gesegnet. Den Respekt ihres Gegenüber gewinnen sie nie und das wissen sie. Also gleichen sie diesen Mangel mit einer gehörigen Portion Gefährlichkeit aus. Wenn man Milian dabei zusieht, wie er beim Besuch des über ihn stehenden Gangsterbosses herum lümmelt, blöde Sprüche reist und mit falscher Freundlichkeit agiert, vergisst man trotzdem zu keiner Sekunde, dass er eine entsicherte Waffe ist, die jeden Augenblick losgehen kann. Auch wenn die „Viper“ im Vorgängerfilm lediglich eine Erfindung der deutschen Titelschmiede ist und sich auf Merlis Tanzi bezieht, hier wäre dieser Spitzname für Luigi Maietto mehr als angebracht. Zumindest weitaus mehr als „der Chinese“, was im Film mit der Ähnlichkeit von Maiettos Hartnäckigkeit und der chinesischen Wasserfolter begründet wird.

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Neben Merli und Milian, ist Genre-Vertan John Saxon der Star des Filmes. Dieser heißt im italienischen Original übersetzt „Der Zyniker, die Ratte und die Faust“ – in Anlehnung an „Der Gute, der Schlechte und der Hässliche“, wieder der Originaltitel des Sergio-Leone-Klassikers „Zwei glorreiche Halunken“ lautet. Welcher Part dabei Saxon zukommt, ist nicht so ganz klar. Denn er ist sowohl zynisch, als auch eine fiese Ratte. Saxon konnte schon 1977 auf eine lange und ereignisreiche Karriere zurückblicken. So war er nicht nur im „ersten“ Giallo mit von der Partie, Mario Bavas „The Girl Who Knew Too Much“, sondern spielte auch den Hauptcharakter in „Der Mann mit der Todeskralle“. In den 70er Jahren tauchte er vermehrt in italienischen Polizeifilmen auf. 1980 war er bei Antonio Margheritis „Asphalt-Kannibalen“ dabei und ab 1984 in dem Horrorklassiker „A Nightmare on Elm Street“ nebst zwei der Sequels. In „Die Gewalt bin ich“ spielt er einen eleganten Gangsterboss, der auch schon mal selbst Hand anlegt, wenn er einen Verräter mit Golfschläge aus kurzer Distanz foltert. In einigen Szenen meint man, dass er sich einen Spaß daraus macht, Marlon Brandos „Paten“ zu parodieren.

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Am Drehbuch strickten die besten und bekanntesten Drehbuchautoren des italienischen Genre-Kinos: Dardano Sacchetti, der an fast jedem der großen Giallo-, Polizieschi- und Zombiefilmen von 1970 bis 1986 als Autor beteiligt war. Von Argentos „Die neunschwänzige Katze“ bis zu seiner Kollaboration mit Lucio Fulci, die 1977 mit „Sieben Noten in Schwarz“ begann und über fünf Jahre alle großen Klassiker hervorbrachte bis sie 1982 mit „New York Ripper“ endete. Ebenfalls beteiligt war Giallo-Spezialist Ernesto Gastaldi, der regelmäßig mit Sergio Martino zusammenarbeitete. Die Story stammt von Sauro Scavolini, der für seine Italo-Western-Drehbücher berühmt wurde und den wunderbaren „Liebe und Tod im Garten der Götter“ inszenierte. Auch Lenzi selber schrieb mit. Bei diesem Triumvirat an hochtalentierten Autoren scheint der Spruch von den vielen Köchen, die den Brei verderben, leider zu stimmen, denn das Drehbuch ist ein ziemliches Durcheinander. Da gibt es unerklärte Lücken in der Handlung, dann wird recht holprig eine lange heist-Sequenz eingebaut und Nebenfiguren eingeführt, die dann entweder schnell wieder beseitigt oder schlichtweg vergessen werden. Vor allem enttäuscht aber das doch recht unspektakulär ausgefallene Finale. In den Einzelteilen ist der Film sehr unterhaltsam, als großes Ganzes passen diese aber nicht richtig zusammen und es knirscht im Getriebe. Immerhin aber wird diese Geknirsche durch großartige Musik übertönt, für welche Franco Micalizzi verantwortlich ist.

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Mit Blick auf die Besetzungsliste und die Verantwortlichen hinter der Kamera, sollte man mindestens einen „Citizen Kane“ des Polizieschi erwarten. Leider bleibt „Die Gewalt bin ich“ durch ein lückenhaftes und episodenhaften Drehbuch hinter den hohen Erwartungen weit zurück. Löst man sich von diesen, so liefert Umberto Lenzi solide Action-Unterhaltung mit tollen Hauptdarstellern und perfekter Musikuntermalung.

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Nachdem „Die Gewalt bin ich“ schon 2012 in einer wunderschönen Edition bei filmArt erschien, wurde nun noch einmal eine preisgünstigere Variante hinterher geschoben. Dabei muss der geneigte Käufer allerdings auf so schöne Extras wie den Audiokommentar mit Christian Kessler und Pelle Felsch, sowie die Featurettes „Saxxon -Die Gewalt bin ich“ und „Franco Micalizzi – A Conversation“ verzichten. Das Design der DVD wurde der Polizieschi-Reihe angepasst und statt der Extras der ursprünglichen Edition, gibt es jetzt lediglich Trailer für eben diese Reihe, sowie zu der ebenfalls bei filmArt erscheinenden Giallo-Serie. Nichts geändert hat sich an der hervorragenden Bildqualität des Filmes und den Tonspuren. Diese liegen wieder auf Deutsch, Italienisch und Englisch vor. Unterstützt von deutschen und englischen Untertiteln. Wer den Film noch nicht in der Sammlung stehen hat und auf die Extras verzichten kann, ist hier also bestens bedient.

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