DVD-Rezension: “Ministerium der Angst”

Von , 13. Dezember 2014 21:03

Ministerium der AngstIm zweiten Weltkrieg: Während der deutschen Luftangriffe auf London, wird Stephen Neale (Ray Milland) nach 10 Jahren aus einer geschlossenen Anstalt entlassen. Sein Weg in der neugewonnen Freiheit führt ihn zu einem kleinen Jahrmarkt, auf dem ein Wohltätigkeitsbasar der „Mothers of Free Nations“ abgehalten wird. Hier gewinnt Neale unter mysteriösen Umständen eine Torte, die ihm nach dem Auftauchen einen geheimnisvollen Mannes (Dan Duryea) wieder abgenommen werden soll. Neale weigert sich jedoch, die Torte wieder herauszugeben und macht sich mit dem Zug auf den Weg nach London. Auf dem Weg dahin wird er – als der Zug aufgrund eines Fliegerangriffs stehen bleiben muss – von einem angeblichen Blinden niedergeschlagen, welcher ihm die Torte stiehlt. Neale verfolgt den Dieb, welcher auf ihn schließt, bevor er von einer deutschen Fliegerbombe getroffen wird. In London angekommen versucht Neale auf eigene Faust herauszufinden, was hinter den seltsamen Vorgängen steckt…

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Hört man hierzulande den Namen Fritz Lang, so denkt man sofort an „Metropolis“, vielleicht noch seine beiden „Dr. Mabuse“-Filme aus den 20ern bzw. 30ern (weniger an seine letzte Regiearbeit aus den 60ern), und natürlich „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Manchen fallen vielleicht noch „Die Nibelungen“ ein. Generell wird Lang zumeist auf diese Großproduktionen der Weimarer Republik reduziert. Und auch bei seiner Rückkehr in die Heimat 1957 durfte er gleich wieder zwei exotische Großfilme inszenieren: „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das Indische Grabmahl“, ein Projekt, an dem er schon in den 20er Jahren interessiert war, welches dann aber von Joe May übernommen wurde. Eher wenig ist von seiner Schaffensphase zwischen Flucht und Rückkehr bekannt, als er in den USA zumeist bei kleinere Produktionen Regie führte, die allerdings zu seinen interessantesten Werken gehören. Vor allem im Film Noir schuf Lang Überdurchschnittliches und es ist sehr schade, dass diese Phase in Langs Karriere in der allgemeinen Wahrnehmung seiner Person bisher recht wenig Beachtung fand. Zumindest in Deutschland, wo er – siehe oben – noch immer hauptsächlich mit seinen deutschen Werken und hier eben „Metropolis“ identifiziert wird.

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In Frankreich hingegen liebte man Lang auch für solche Filme, wie „Ministerium der Angst“. Kleine B-Thriller, in denen er – wie sein Kollegen Robert Sidomak – den deutschen Expressionismus und eine pessimistische Weltsicht in die Welt des amerikanischen Thrillers transportierte und damit dieses Genre entscheidend prägten. Den langen Schatten des Expressionismus findet man in „Ministerium der Angst“ in den harten Schatten, dem Kontrast von Hell und Dunkel, der geometrischen Anordnung der Räume, den künstlichen Kulissen und dem schmalen Grad zwischen Wahn und Wirklichkeit. Der Held der Geschichte wird in ein Abenteuer geworfen, welches anscheint direkt einem verwirrten Geist entsprungen ist. Zu Beginn ist dem Zuschauer nicht klar, ob das, was er sieht, einer gestörten Wahrnehmung der Hauptfigur geschuldet und real ist. Am Anfang wird Stephen Neale aus einer Irrenanstalt entlassen. Warum er dort war, bleibt zunächst im Dunkeln. Somit besteht durchaus die Möglichkeit, dass der als geheilt Entlassene, sich in eine wilde Welt aus Spionen, Verschwörungen und Morden hinein träumt. Tatsächlich sprechen viele Indizien dafür. Der merkwürdig künstliche Jahrmarkt, auf dem die Besucher wie Statisten wirken, die nur den Zweck haben den Jahrmarkt zu füllen. Alle Besucher scheinen nur auf Stephen Neale gewartet haben, um ihm eine vordergründige Wirklichkeit vorzugaukeln, die aber nur wie eine Theaterbühne wirkt. Die bewusst künstlichen Studio-Kulissen, die Lang verwendet, unterstreichen diesen Eindruck noch.

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Ebenso verhält es sich mit dem Blinden, der sich scheinbar im Dampf der Lokomotive materialisiert und dann langsam als Sehender entpuppt, nur um sich später in einer ebenfalls irrealen Situation wieder durch einen Bombeneinschlag wieder zu dematerialisieren. Später sucht Neal die geheimnisvolle Mrs. Bellane, welche sich plötzlich als eine ganz andere Person entpuppt, jedoch behauptet mit der von ihm Gesuchten identisch zu sein. Sie zieht ihn spontan in einen vollbesetzten Raum, in welchen augenblicklich eine unheimliche Séance stattfindet. Diese entpuppt sich dann zwar später als aufwändige Falle, doch zu diesem Zeitpunkt könnte es durchaus auch nur eine paranoide Fantasie in einer unzuverlässig erzählten Geschichte sein, die lediglich die Geisteswelt des paranoiden Protagonisten ist. Verursacht durch sein schlechtes Gewissen. Denn ohne große Not, schreit er hier heraus, dass er am Tod seiner Frau schuld sei. Leider gibt der Film kurz darauf seine Ambivalenz auf. Er erklärt Dinge und verortet sie in einer fiktiven Wirklichkeit. Obwohl Lang später immer wieder zu traumartigen Bildern zurückkehrt – wie bei der überdimensionalen Schwere eines sinisteren Schneiders – wird dem Publikum klar gemacht, dass Stephen Neale sein Abenteuer tatsächlich erlebt und es keine Hirngespinste sind, die ihn bedrohen.

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So wandelt sich der Film nach einem Drittel von einer ambivalenten Albtraum-Situation in einen lupenreinen Paranoia-Thriller. Dabei verharrt Lang jedoch in der von ihm anfangs geschaffenen künstlichen Welt mit ihren stilisierten Überhöhungen und leeren, dunklen Orten, was dem Film eine besonders bedrohliche Stimmung verleiht. Obwohl Lang sich zunächst sehr für die Regie des Filmes, der auf einem Roman des von ihm verehrten Graham Greene beruht, interessierte, soll er später versucht haben, die Regie abzugeben. Grund dafür war das Drehbuch, welches viele dunkle und beklemmende Elemente des Romans eliminierte und die Geschichte massentauglicher machte. Vielleicht verlegte sich Lang darum auf die sorgsame Gestaltung der Bilder, welche dem Film eine Finsternis und Bedrohlichkeit wiedergeben, welche das Drehbuch nur noch bedingt liefert. Ganz nebenbei schuf er dabei einen visuell aufregenden Film, dessen expressionistische Bilder lange im Gedächtnis haften bleiben.

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Mit „Ministerium der Angst“, seinem dritten Anti-Nazi-Propagandafilm hintereinander, kreierte Fritz Lang einen visuell aufregenden, expressionistischen Film Noir, der insbesondere im ersten Drittel durch die Ambivalenz seines Hauptcharakters gewinnt. Aber auch in der Folge kann der Film mit seiner wunderbaren Bildgestaltung als Paranoia-Thriller überzeugen.

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Die DVD, die nun neu als 18. Film in der Reihe „Film Noir“ aus dem Hause Koch Media erschienen ist, weißt eine für das Alter des Filmes hervorragende Bild- und Tonqualität auf. Leider wurde an den Extras gespart. Hier gibt es, neben einer Bildgalerie mit Werbematerial, nur einen Trailer.

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