Blu-ray-Rezension: “Die gelbe Hölle des Shaolin”

gelbehoelleNachdem er einen Mörder dem Gericht übergeben hat und dieser hingerichtet wurde, wird der Schwertkämpfer Nan Kun (Yueh Hua) mit einem fürchterlichen Massaker konfrontiert. Seine gesamte Familie ist umgebracht und seine seine Schwester entführt worden. Nur sein kleiner Neffe hat das Blutbad überlebt. Nan Kun begibt sich, mit dem kleinen Jungen im Schlepptau, auf die Suche nach den Verantwortlichen. Bald schon stellt sich heraus, dass der Vater des Hingerichteten hinter allem steckt. Um Nan Kun aufzuhalten, setzt dieser nun ein Kopfgeld auf den Schwertkämpfer aus. Dieses will sich auch ein finsterer und skrupelloser Profi-Killer (Philip Ko) und den Nagel reißen, was nicht nur Nan Kun, sondern auch seinen kleinen Neffen in eine tödliche Gefahr bringt…

Neben den großen Studios Shaw Brothers und seinem kleineren Konkurrenten Golden Harvest, tummelten sich im Hongkong der 70er Jahre auch zahlreiche Billiganbieter, die ihre Erzeugnisse zumeist im kostengünstigen Taiwan drehen ließen. Oftmals kamen dabei nicht mehr als bestenfalls durchschnittliche Werke mit Dauergekloppe und unbekannten Darstellern heraus, die dann mit Beginn des Videobooms in Deutschland direkt mit Billig-Synchros versehen in die Videotheken gekippt wurden. „Die gelbe Hölle des Shaolin“ hatte zwar sogar 1981 eine Kinoaufführung spendiert bekommen, wurde dann allerdings von Videolabel zu Videolabel gereicht. Produzent war ein gewisser Jimmy Shaw, bei dem allerdings keine Verwandtschaft zu den berühmten Shaw Brothers besteht. Regisseur Fu Di Lin stammt aus Taiwan und hatte dort Anfang der 60er Jahre mit Dramen seine Regie-Laufbahn begonnen. Später stellte er vor allem billige Kung-Fu-Filme her, von denen es meines Wissens nach allerdings nur „Kung Fu – Die Rache der Gefürchteten“ ebenfalls nach Deutschland schaffte und hier 1981 ebenfalls ins Kino kam, bevor er dann als Videotape die Runden machte und auf DVD bei MIB in zahlreichen Low-Budget-Kung-Fu-Kollektionen eine Heimat fand.

Die Synchronisation des Films „Die gelbe Hölle des Shaolins“ stammt von dem berühmten – vielleicht auch berüchtigten – Uwe Schier, der die deutschen Tonspuren gerne durch eine Extraportion „Schmier“ anreicherte. Hier hält sich das Synchrondrehbuch spürbar zurück, dafür wird es bei den Schlägereien sehr laut. Dort knallt und kracht es, dass man die Lautstärke besser etwas runter regelt – auch auf die Gefahr hin, dann die Dialoge nicht mehr verstehen zu können. Generell ist es mit dem Verständnis bei diesem Film so eine Sache. Das Drehbuch wurde laut IMDb von Lung Ku geschrieben, der für einige großartige Klassiker der Shaw Brothers Schmiede verantwortlich war. U.a. schrieb er die Drehbücher für die wundervollen wuxia-Filme die Yuen Chor (aka Chu Yuan) mit Ti Lung in der Hauptrolle inszenierte, wie z.B. „Die Herrschaft des Schwertes“ oder „Das Unbesiegbare Schwert der Shaolin„. Das Lung Ku etwas mit diesem kleinen Film zu tun haben soll, halte ich auf dem ersten Blick für unwahrscheinlich, auf dem zweiten Blick offenbart die Geschichte allerdings zahlreiche Elemente, die für seine Arbeiten typisch sind. Wie z.B. die übernatürlichen Kräfte, der Grusel-Touch und die vielfältigen Verflechtungen unterschiedlicher Clans/Familien. Fast scheint es so, als habe jemand ein Drehbuch von Lung Ku bekommen, dieses dann aber verloren und so gut es geht versucht, nachzuerzählen. Wobei derjenige immer wieder ins Straucheln gerät oder Dinge vergisst. So bleibt es das größte Mysterium des Filmes, was eigentlich aus der Schwester des Helden wird, die ja zu Beginn der Grund für seine Reise war. In älteren Reviews wird gemutmaßt, das die Antwort auf diese Frage den Kürzungen der alten deutschen Videofassung zum Opfer gefallen sei. Nach Begutachtung der ungeschnittenen DVD-Fassung aus dem Hause filmArt muss man dies allerdings verneinen. Die gute Frau, die sowieso nie auftaucht, spielt plötzlich keine Rolle mehr und wird im letzten Drittel dann auch gar nicht mehr erwähnt.

Durch die ersten 30 Minuten des Films muss man sich förmlich quälen. Es passiert viel zu viel auf einmal. Die Familie eines mächtigen Mannes wird ermordet, dieser beauftragt einen Schwertkämpfer den Mörder dingfest zu machen. Der Mörder wird schnell aufgespürt und es kommt zu einem Duell. Der Schwertkämpfer siegt, der Mörder wird ausgeliefert, zum Tode verurteilt und geköpft. Daraufhin schwört der Vater des Mörders (ebenfalls ein mächtiger Mann) Rache, lässt die Familie des Schwertkämpfers abschlachten und dessen Schwester entführen. Und dann sind gerade mal 8 Filmminuten vergangen. Der Schwertkämpfer macht sich nun auf die Suche nach den Mördern und seine Schwester, immer wieder gefolgt von seinem minderjährigen Neffen, was später zu einigen dezenten „Lone Wolf and Cub„-Reminizenzen führen wird. Leider ist diese Suche von unspektakulären, reichlich hölzern ausgeführten Kämpfen und viel zu dunklen Szenen begleitet. Man möchte schon abschalten, als man einer halben Stunde das Gefühl bekommt Regisseur Fu Di Lin hätte sich gesagt: „An dem, was ich bisher zusammengefilmt habe, ist nichts mehr zu retten – also was soll’s“.

Plötzlich bevölkern bizarre Gestalten die Szenerie und ein unheimlicher, ganz in schwarz gekleideter Mann mit großen Hut und ganz kleinen Skrupeln taucht auf. Immer mehr gerät der Film zu einer fast schon wahnsinnigen Trash (ich mag das Wort wirklich nicht, aber hier passt es einmal)-Show, die einem die Sinne raubt. Da fliegen deutlich als verkleidete Sandsäcke zu erkennende Körper wild durch die Luft, in Supersupersupersuperzeitlupe fällt ein Baum um, der vorher gar nicht berührt wurde, eine Figur wird von einer kleinen Puppe gedoubelt über das Wasser gezogen und, und, und… Hier wird auf ein Mal das Gaspedal fest durchgedrückt und in Richtung Irrsinn abgebraust. In einer Szene, die mein Herz augenblicklich gewonnen hat, wird der Held von einem Greifvogel angegriffen. Nach einigen fuchteligen Bewegungen mit dem Schwert, fällt plötzlich ein sauber gerupfter Truthahnbraten zu Boden, während es um den Helden herum Federn regnet. Großartig!

Neben den offensichtlichen Albernheiten, hält der Film aber auch noch eine überraschend tragische Geschichte bereit. Nach 2/3 der Laufzeit wendet sich das Drehbuch plötzlich von unserem Helden ab, ja scheint ihn für einen Augenblick regelrecht zu vergessen. Stattdessen wird der Zuschauer mit einer Nebenfigur bekannt gemacht, die zuvor einige Mal aufgetaucht war. Ein junger Mann, der den Helden für ein üppiges Kopfgeld töten will, damit er endlich seine große Liebe heiraten kann. Diese versucht erfolglos ihn davon abzuhalten. Natürlich verliert der junge Mann – dessen Waffen kleine Bomben sind – gegen den Helden, der ihn aber großmütig ziehen lässt – aber nicht, ohne ihn durch einen Schwertstreich zweiter Finger zu berauben und ihn dadurch kampfunfähig zu machen. In einer rührenden Szene, versöhnen sich der junge Mann und seine Geliebte, gestehen sich ihre ewige Liebe und der Weg ins Reich des Glückes wäre frei. Wenn da nicht der gut behütete Bösewicht auftauchen und das Glück auf brutale Weise zerstören würde. Überraschenderweise ist diese Passage ziemlich souverän und – wenn man zur Sentimentalität neigt und ein Herz für romantischen Kitsch besitzt – recht herzergreifend umgesetzt worden. Dass dann minutenlang „Jill’s Theme“ aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf der Tonspur zu hören ist, irritiert etwas. Ebenso wie die Sprenkel elektronischer Synthesizermusik, die ich nicht recht identifizieren konnte und in die „Alan Parson’s Project“-Ecke packen würde. Dass aus der jungen Frau dann noch in den letzten Minuten eine knallharte Rächerin wird, verwundert nicht mehr groß und wird gerne angenommen. Zum Schlusskampf zaubert der Film dann noch ein schier unbesiegbarer Endgegner aus dem Hut und endet mit einer schönen Umkehrung des „Lone Wolf & Cub“-Motives, wenn der kleine Junge seinen, in einer kleinen Karre hockenden Onkel, durch die Gegend zieht.

Nach einem überaus holprigen und schlecht choreographierten Beginn, bei dem gerne mal schwarz gekleidete Männer in einer mondlosen Nacht gegeneinander kämpfen, glaubt man schon nicht mehr, dass der eher konventionelle Film noch große Überraschungen aufbieten könnte. Dann aber macht er eine 180-Grad-Wende in Richtung Irrsinn und brennt ein Feuerwerk an wahnwitzig-grotesken Ideen und miserablen Effekten ab, dass man wahlweise aus dem Staunen oder dem Kopfschütteln nicht mehr herauskommt. Wenn das unsägliche Wort vom „Trash“ einmal angebracht ist, dann hier.

FilmArt hat diesen Film nur auf Blu-ray veröffentlicht, was etwas verwundert, denn eine solch ein brillantes HD-Bild wäre im hier vorliegenden Fall gar nicht nötig gewesen. Vor allem, weil einige Szenen extrem unscharf sind. Was aber wohl nicht an der Aufbereitung des Filmmaterials, sondern tatsächlich am Kameramann liegt. Denn es fällt auf, dass die Unschärfe nur einzelne Szenen und dort zumeist dann auch nur den Gegenschuss betreffen, während der Rest zum Teil so brillant klar ist, dass man die Maserung auf dem Holz erkennen kann. Als Extra liegt der Film auch in einer unbearbeiten, also mit vielen Filmdefekten und Laufstreifen gesegneten, Fassung vor. Der Ton ist auf Deutsch (gefiltert und ungefiltert) und auf Englisch enthalten, wobei die englische Syncho recht steif und unnatürlich ist. Als Extra wird auch das Booklet von Frank Faltin angekündigt. Hier hätte es aber nicht geschadet, wenn noch mal jemand drüber geschaut hätte, bevor es in den Druck gegangen ist. Es wimmelt nur so von ganz offensichtlichen Grammatik- und vor allem Kommafehlern, dass es schlichtweg ein Graus ist und den Lesefluss empfindlich stört. Da fragt man sich in der Tat, warum da niemand die Zeit gehabt hat, einmal Korrektur zu lesen. Ein Makel, der aber auch andere filmArt-Booklets – wenn auch nicht in diesem Ausmaß – betrifft und wo noch ordentlich Raum zur Verbesserung ist.

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