Blu-ray-Rezension: “Gorgo”

gorgo2Die beiden Schatztaucher Joe Ryan und Sam Slade (Bill Travers und William Sylvester) kommen vor der irischen Küsten durch Zufall einem dinosaurierartigem Wesen auf die Spur, welches sie einfangen und nach England verschiffen. Dort soll es in London gegen sehr gutes Geld in einem großen Zirkus als Attraktion ausgestellt werden. Doch dann stellt sich heraus, dass Gorgo, wie das Wesen getauft wurde, noch ein Baby ist. Und seine Mama ist ziemlich sauer darüber, dass jemand ihr Kind entführt hat…

Wenn der Film beginnt und in gewaltigen Scope-Lettern der Titel auf die Breitwand geworfen wird, wähnt man sich beinahe schon in einem Monumentalfilm. Doch davon ist „Gorgo“ weit entfernt. Seine Produzenten, die King Brothers, hatten zuvor vor allem Filme für die us-amerikanische Billig-Produktionsfirma Monogram produziert. Und obwohl „Gorgo“ demgegenüber sicherlich über ein weit höheres Budget verfügte, ist es doch ein eher kostengünstiges Monster-B-Movie mit einem „Mann im Monsteranzug“. Diese Vorgehensweise war von den beiden erfolgreichen ersten „Godzilla“-Filme aus Japan übernommen worden und löste das aufwändige Stop-Motion-Verfahren ab, welches Regisseur Lourié noch in seinen früheren Filmen verwendete. Doch während Godzilla durchaus bedrohlich aussah, fällt das Design des Gorgo-Monsters doch eher in die Rubrik „niedlich“. Mit seinen lustigen großen Ohren, starren, ab und zu rot leuchtenden Augen und den überproportional großen Klauen, wirkt er eher wie ein Urahn des Augsburger-Puppenkiste-Stars „Urmel aus dem Eis“. Dass es Regisseur Eugène Lourié aber trotzdem gelingt, dies in einigen durchaus stimmungsvollen Szenen vergessen zu machen, und dem eher lustig und doch sehr unecht aussehenden Monster eine Persönlichkeit zu verleihen, ist ihm hoch anzurechnen.

Insbesondere die Szenen in Irland zeichnen sich durch eine beunruhigende Grundstimmung aus, was neben Louriés Blick für eine effektive Filmarchitektur (z.B. das Haus des Hafenmeisters) auch der sauberen Kameraarbeit und dem ewig diesigen Wetter geschuldet ist. Bei „Gorgo“ wird Lourié stark durch einen bombastisch-eingänglichen Soundtrack unterstützt, der von dem Italiener Angelo Francesco Lavagnino komponiert wurde, und den ganzen Film gleich sehr viel teurer und epischer wirken lässt, als er eigentlich ist.

Regisseur Eugène Lourié flüchtete 1921 im Zuge der Bürgerkriegswirren aus seiner Heimat Russland und landete zunächst einmal in Frankreich, wo er Jean Renoir kennenlernte und für diesen als Filmarchitekt arbeitete. Gemeinsam flohen sie später vor den Nazis in die USA und setzten ihre Zusammenarbeit dort fort. Als Renoir nach Frankreich zurückkehrte, blieb Lourié. 1952 debütierte er als Regisseur mit dem Monsterfilm-Klassiker „Panik in New York“, in dem ein von Ray Harryhausen animierter Dinosaurier die amerikanische Metropole heimsucht. Dieser Film trat eine Welle von „Große-Monster-Filme“ los und war auch Inspiration für „Godzilla“, der wiederum später „Gorgo“ möglich machte. Lourié blieb dem Monster-Film treu und realisierte 1957 „Der Koloß von New York“ und ein Jahr später „Das Ungeheuer von Loch Ness“, indem ein riesiges Reptil – hier noch per Stop-Motion zum Leben erweckt – bereits kurz vor „Gorgo“ London heimsucht. Nach Gorgo wand er sich dann wieder ausschließlich der Filmarchitektur zu und arbeite dabei hauptsächlich für das Fernsehen.

Hauptdarsteller des Filmes sind Bill Travers und William Sylvester. Der Engländer Bill Travers ist vor allem mit dem 1965 gedrehten Tierfilm „Frei geboren“ bekannt geworden. Lustigerweise verschrieb er sich nach den Dreharbeiten zu „Frei geboren“ dem Tierschutz, gründete eine eigene Tierschutzorganisation und prangerte die Haltung und zur Schaustellung wilder Tiere in Zoos an. Quasi in genauer Umkehrung zu seiner Rolle in „Gorgo“.Der Amerikaner Sylvester hatte eine kleine, aber markante Rolle in Stanley Kubriks Meisterwerk „2001“, spielte aber sonst nur in preisgünstigen, unbekannteren Produktionen mit.

Interessanterweise wird keiner der beiden Helden besonders positiv gezeichnet. Beide sind vor allem auf Profit aus und verhalten sich anderen gegenüber barsch und drohend. Sympathieträger sind sie beide nicht. Und während der von William Sylvester gespielte Sam Slade zumindest in der zweiten Hälfte der eine oder andere Gewissensbiss quälen darf, bleibt Bill Travers‘ Joe Ryan der große Draufgänger, dem außer dem eigenen Interesse so ziemlich alles egal ist. Die Rolle des Helden im eigentlichen Sinne übernimmt der 12jährige Vincent Winter, als Waisenkind Sean, der sich mit dem Monster befreundet. Obwohl solche Rollen gerade in Horrorfilmen oftmals sehr nerven, hält sich dies bei Vincent Winter noch im Rahmen, da seine Figur auch nicht inflationär eingesetzt wird.

Die große Pointe des Filmes – die verraten werden kann, da der Film sowieso nicht großartig auf Spannung, sondern eher auf Spektakel setzt – ist es, dass der am Anfang gefangene Gorgo trotz seiner beeindruckenden Größe nur ein Baby-Gorgo ist und seine Mutter nicht gerade amüsiert über die Entführung ihres Kindes ist. Wenn dann diese riesige Kreatur auftaucht, rappelt es ordentlich im Karton. Sie bewegt sich auf einem Pfad der Zerstörung (von dem man aus Kostengründen mehr zu hören als zu sehen bekommt) auf London zu. Ist sie in der britischen Hauptstadt angekommen, setzt es eine wunderbare Zerstörungsorgie, die den besten Godzilla-Filmen Konkurrenz macht und das Herz des Monsterfilm-Fans höher schlagen lässt. Wie Gorgo die Metropole auseinandernimmt, ist mit viel Liebe zum Detail und Auge für sensationelle Bilder umgesetzt worden. Der Film mündet in einem wunderschönes Schlussbild, welches, offensichtlich als Hommage an „Gorgo“, in dem 30 Jahre später entstandenen „Godzilla Vs. Mechagodzilla II“ (bei Splendid erscheinen, Review folgt in nächster Zeit) übernommen wurde. Wie überhaupt „Gorgo“ die Godzilla-Reihe stark beeinflusst hat, denn nach dem großen Erfolg des britischen Filmes in Japan, wurde dort von Toho der seit sechs Jahren ruhende Godzilla-Franchise wieder zum Leben erweckt und (die beiden US-Remakes nicht mitgezählt) bis 2006 ganze 26 weiteren Filme mit dem (der?) großen Grünen gedreht.

„Gorgo“ ist ein sehr sympathischer Monsterfilm, der sehr offensichtlich bei „King Kong“ abkupfert und sich auch deutlich vom ersten „Godzilla“ inspirieren ließ. Trotz seines eher lustig-albern aussehenden Monsters, schafft es Regisseur Eugène Lourié diesem einen Charakter zu geben und neben den spektakulären Zerstörungsszenen, auch einige recht unheimliche Szenen atmosphärische Bilder zu zaubern. Ferner wartet Gorgo“ mit einer netten Geschichte und einem bombastischen Soundtrack auf, der den Film sehr viel teurer wirken lässt, als er wirklich ist.

Das Bild der Blu-ray ist in vielen Szenen nicht wirklich überragend und wirkt häufig so, als wären hier 16mm auf 35mm aufgeblasen worden. Es ist zwar klar und frei von Verschmutzungen, wirkt aber auch etwas schwach und sehr körnig. Aber nicht in allen Szenen, sondern vor allem in denen, in welchen sich die Protagonisten anfangs auf dem Meer befinden. Die gute HD-Bearbeitung lässt jedes Mal, wenn jemand vor dem Green-Screen agiert, Spuren der grünen Leinwand um ihn herum erkennen. Besser wird der Film nie mehr aussehen, da die Schwächen beim Ausgangsmaterial und nicht der Aufbereitung zu suchen sind. Der Ton liegt auf Deutsch und Englisch vor, wobei ich die deutsche Tonspur in manchen Dialogen etwas schwer zu verstehen fand. Als Extras gibt es ein recht informatives „Making Of“ von 30 Minuten, welches ursprünglich wohl für die Veröffentlichung des amerikanischen Labels VCI produziert wurde, von der dann auch die restlichen Extras stammen. Ferner kann man als nettes Gimmick eine animierte amerikanisches„Gorgo“-Comicheft und einen französischen Foto-Comic schauen.

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