DVD-Rezension: “Die Zukunft heißt Frau”

Von , 16. Januar 2014 22:03

Die-Zukunft-heisst-Frau_dvd_coverDie Werbefrau Anna (Hanna Schygulla) und der für städtische Gärtnereiprojekte zuständige Gordon (Niels Arestrup) führen eine recht harmonische Ehe, in der Anna allerdings von der Leidenschaft ihres Ehemannes eher gelangweilt ist. Eines Tages begegnet Anna der schwangeren Malvina (Ornella Muti), die gerade Schwierigkeiten mit einigen jungen Männern hat. Sie nimmt sie mit nach Hause, wo sich Malvina bald in die Ehe von Anna und Gordon drängt….

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Anfang der 80er Jahr beschloss Erwin C. Dietrich, sich ein wenig seriöse Reputation durch die Produktion von Arthouse-Filmen zuzulegen. Zu diesem Zwecke schloss er mit dem italienischen Skandal-Regisseur Marco Ferreri einen Vertrag über zwei Filme ab. Ferreri eilte der Ruf eines deftigen Provokateurs voraus, was ja recht gut mit dem Haupt-Output der Dietrich-Schmiede korrespondierte. Der erste Film war „Die Geschichte der Piera„, der auch in Cannes gezeigt wurde. Dort kam es zum Eklat, als Ferreri seinem Produzenten – so das empfehlenswerte Buch „Mädchen, Machos und Moneten – Die unglaubliche Geschichte des Schweizer Kinounternehmers Erwin C. Dietrich“ von Benedikt Eppenberger und Daniel Stapfer – mit falschen Informationen über die Anfangszeit der Filmpremiere versorgte, so dass Dietrich zu spät kam und sich durch den Hintereingang ins Kino quetschen musste, statt über den roten Teppich zu flanieren. Dietrich war sauer und enttäuscht, musst aber trotzdem Geld für die zweite Zusammenarbeit „Die Zukunft heißt Frau“ zur Verfügung stellen. Vielleicht erklärt das die recht stiefmütterliche Behandlung des Filmes innerhalb der „Cinema Treasures“-Reihe der Firma Ascot.

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Verglichen mit seinen exzentrischen Exzessen wie „Das große Fressen“ oder „Affentraum“ ist „Die Zukunft heißt Frau“ für Ferreris Verhältnisse beinah schon zahm. Wieder einmal geht es um die Beziehung Mann – Frau, in welcher der Mann das schwächste Glied der Kette darstellt und allein die Frau – wie der Titel hier schon verrät – die Zukunft ist. In „Die Zukunft heißt Frau“ treibt Ferreri diese Anschauung auf die Spitze und prophezeit eine Welt, in der der Mann nicht mehr gebraucht wird. Die perfekte Familie besteht aus Müttern. Einer biologischen und einer spirituellen. Der zwischen zwei Frauen stehende Gordon, wird von Anfang an als sich selbst überschätzender Schwächling gezeigt. Gleich zu Beginn gibt er sich als leidenschaftlicher Romantiker aus, der seine geliebte Frau auch mit verbundenen Augen findet, da er ohne sie nicht leben kann. Bei ihr sieht das aber gleich ganz anders aus. Anna mag sich die Augen nicht verbinden lasse. Sie möchte den klaren Blick bewahren. Als sie sich mit der Begründung weigert, sie könne ihren Gordon mit verbundenen Augen sowieso nicht finden, beklagt dieser sich, dass er für sie gar nicht existieren würde, wenn sie ihn nicht sehen würde.

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Anna lebt ihr Leben unabhängig und entscheidet selber, was sie tun möchte und was nicht. Dadurch wirkt der klammernde Gordon wie ein lästiges, nervendes Anhängsel. Als die schöne Malvina in ihr Leben tritt, sieht Gordon dies zunächst einmal als Möglichkeit zu einer heißen Menage-a-trois, in der er die Hauptrolle einnimmt. Dabei realisiert er aber erst sehr spät, dass er doch nur das fünfte Rad am Wagen ist. Konsequenterweise bleibt Niels Arestrup als Gordon dann auch gegenüber den beiden Hauptdarstellerinnen blass und wirkt hilflos. Ferreri scheint diese Wirkung noch unterstützen zu wollen, den ständig fällt Arestrups eher geringe Körpergröße auf und sein Abgang aus der Geschichte wird ebenso grotesk, wie beiläufig inszeniert. Wie unwichtig er für die Frauen geworden ist, sieht man, wenn Anna stauresque vor dem Schornstein eines Krematoriums fotografiert wird und von Gordon im wahrsten Sinne des Wortes nur noch heiße Luft geblieben ist.

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Auf Seiten der Frauen sich – die hier erschreckend mager aussehende – Hanna Schygulla und die wunderschöne Ornella Muti ein. Die Muti soll scheinbar eine geheimnisvolle Mischung aus Engel und Verführerin darstellen. Oftmals wird angedeutet, dass mehr hinter ihrer Figur steckt. Die Rolle der Malvina erinnert an den schönen Fremden aus Pasolinis „Teorema“ (Kritik hier), der ebenfalls in eine Familie eindringt und durch seine Verführung die Familienmitglieder aus ihren erstarrten Rollen befreit,ins Unglück oder in die Freiheit entlässt. Nur erreicht Ferreris Werk nie die hohe Komplexität des Pasolini-Films. Was auch daran liegt, dass die Muti hier zu oft wie ein rein dekoratives Beiwerk wirkt. Zwar erfährt man auch über sie nichts, und so sie bleibt sie eine geheimnisvolle Figur, doch von einer mysteriösen Aura ist zumeist nichts zu spüren. Die Schygulla spielt so, wie man es von ihr gewohnt ist, immer etwas viel Theater in Stimme und Geste, aber voller Hingabe. Sie ist der emotionale Kern der Geschichte. Hin- und hergerissen zwischen ihrem alten Leben mit Gordon, in dem sie sich gemütlich eingerichtet hatte, und der für sie faszinierende Anziehungskraft Malvinas. Trotzdem will der Funke zwischen den Beiden auf der Leinwand nicht überspringen. Auch wen sie gemeinsam durch das Nachtleben bummeln und in einer Disco eine große Show abziehen, wirkt das Ganze immer wie eine Folge der sehenswerten TV-Doku-Serie „Durch die Nacht mit..“ in der die Chemie der beiden Nachtschwärmer nichts stimmt und beide nur durch das Konzept der Sendung und die eigene Professionalität zusammengehalten werden.

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Als Zeitdokument der 80er Jahre wirkt „Die Zukunft heißt Frau“ fast schon erschreckend. Alle modischen Sünden dieser Dekade werden zelebriert. Beginnend bei den hoch gestylte Haaren der Schygulla, über die enormen Schulterpolster der Muti (bei denen man immer Angst hat, dass sie nicht durch die nächste Tür passt), hin über das kalte Neonlicht der Discos, den Muscle-Shirts und der schrecklich synthetischen Italo-Plastikpop-Musik. Dadurch wirkt der Film weitaus älter, als Ferreris Werke aus dem 70ern, die sich etwas Zeitloses bewahrt haben. Auch die sehr plakative Art und Weise, wie Männer dargestellt und die Frauen zu überlegenen Wesen stilisiert werden, hat einen eher plumpen Touch. Es passt auch nicht ganz zum doch eher realistisch-ernsten Ansatz des Filmes, wenn Anna und Malvina in einer Disco plötzlich von einem Rudels scheinbar durch die eigene Geilheit völlig unzurechnungsfähig gewordenen jungen Männern gejagt werden. Oder sich bei einem Konzert des italienischen Folksängers Pierangelo Bertoli die Masse plötzlich in einen tödlichen Mob verwandelt. Das soll wohl verstören, wirkt aber in diesem Fall zu gewollt und aufgesetzt. Immerhin kleidet Ferreri seine Botschaft in erlesene Bilder, die von Tonino Delli Colli eingefangen wurden.Dieser war nicht nur Pasolinis-Stammkameramann, sondern stand auch bei den späten Fellinis und bei Leones „Zwei glorreiche Halunken“ hinter der Kamera. Für das Production-Design wiederum war der großartige Dante Ferretti  (der ebenfalls viel mit Fellini und Pasolini, aber auch Scorsese zusammenarbeitete) zuständig. Leider zollt das Bild der Ascot DVD dem nicht unbedingt Respekt.

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In „Die Zukunft heißt Frau“ beschäftigt sich Marco Ferreri wieder einmal mit seinem Lieblingsthema: Der Überlegenheit der Frau und die Lächerlichkeit des Mannes. Im Gegensatz zu früheren Werken fehlt hier aber das Radikale, deftig Groteske. Der Film ist für Ferreris Verhältnisse beinahe zahm. Erschwerend kommt die mangelnde Chemie der Darsteller hinzu. Interessant ist vor allem der Zeitkolorit und die kunstvollen Bilder.

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„Die Zukunft heißt Frau“ ist der bisher der anspruchsvollste Film, der in der „Cinema Treasures“-Reihe – die bisher vor allem Actionware beinhaltete – veröffentlicht wurde. Leider ist die DVD auch die mit weitem Abstand technisch schwächste. Das Bild ist unterdurchschnittlich und scheint aus einer VHS-Quelle zu stammen. Im Original soll der Film laut filmportal.de ein Format von 1:1,66 besitzen, welches für die DVD auf 1:1,33 beschnitten wurde – was fairerweise nicht auffällt. Manchmal sieht man mal am oberen, mal am unteren Bildrand einen dunklen Streifen, der das 4:3-Bild möglicherweise annähernd in Richtung 1:1,66 drücken soll. Insgesamt ist das Bild blass, gräulich und nicht besonders scharf. Zudem neigt es bei kräftigen roten oder blauen Farben zum Flimmern. Da passt es dann, dass auch nur der deutsche Ton vorhanden ist, und es bis auf eine Trailershow keinerlei Bonus gibt. Schade.

2 Antworten für “DVD-Rezension: “Die Zukunft heißt Frau””

  1. Sören sagt:

    Habe mir diesen Film jetzt mal angesehen. Toll ist dieser gerade nicht und irgendwie kommt es mir vor das der Ton sehr schlecht klingt.

  2. Martin Zopick sagt:

    Marco Ferreri, das Enfant Terrible des Films hatte 1984 wieder mal zugeschlagen. Dieser Film könnte ganz oben auf der Liste der Emanzipation stehen, weil er fast alle Tabus der bürgerlichen Gesellschaft bricht und schon im Titel eine Lanze für die Frau bricht.
    Ein Paar, Anna (Hanna Schygulla) und Gordon (Neils Arestrup), das keine Kinder will, freundet sich mit der schwangeren Malvina (Ornella Muti) an.
    Anna und Malvina verlieben sich, Gordon bleibt außen vor und kommt um. Malvina gebiert am Strand und übergibt Anna ihr Kind. Malvina zieht wortlos davon. Ein Dreiecksverhältnis der besonderen Art. Kühl und radikal wird mit den Emotionen gespielt, die doch an der Oberfläche bleiben. Ein soziales Konstrukt, das schockieren und abstoßen will. Dem Mann bleibt nur die Rolle einer Drohne. Hat er seine Schuldigkeit getan, wird er überflüssig und muss weg.
    Die drei Hauptdarsteller bemühen sich um den Spagat zwischen ihren animalischen Trieben und einer möglichen, hingebungsvolle Zuneigung. Dabei verlieren sie ihr hedonistisches Ego nie aus den Augen. So entsteht eine sterile, beinahe asexuelle, kalte Welt. Voyeure kommen hier nicht auf ihre Kosten. Schygulla/Muti/ Arestrup vermeiden Peinlichkeiten, weil sie distanziert bleiben. Allein der Plot steht im Vordergrund. Neben dem Was? rückt das Wie? an die zweite Stelle und hier ist eine Identifikation mit einer der Figuren nicht leicht.
    Hier stehen menschliche Wärme und Geborgenheit der absoluten Freiheit und der Rücksichtlosigkeit gegenüber, wobei die Verantwortung auf der Strecke bleibt. Was für eine Zukunft! Dagegen war ja Ferreris Letzte Frau mit der Selbstkasteiung noch ein reiner Kindergeburtstag.

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