DVD-Rezension: “Passion”

Von , 17. Dezember 2013 20:48

passionChristine, die Chefin einer Werbeagentur, versucht ihre aufstrebende Angestellte Isabelle, durch Machtspielchen und eine vorgetäuschte Freundschaft auf Distanz zu halten. Als Isabelle auf einer Geschäftsreise nach London eine Affäre mit Christines Liebhaber Dirk beginnt und gleichzeitig an Christine vorbei eine erfolgreiche Promotion landet, schlägt Christine zurück. Sie tut alles, um Isabelle vor den anderen Angestellten zu diskreditieren und lächerlich zu machen. Zunächst scheint Isabelle an dem Mobbing ihrer Chefin zu zerbrechen, und in eine Medikamentenabhängigkeit zu gleiten. Dann wird Christine ermordet und Isabelle ist die Hauptverdächtige…

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Der späte De Palma ist eine Wundertüte, in der viele seiner Anhänger aus früheren Zeiten nur noch faule Eier vermuten. Tatsächlich konnte er nun schon seit 20 Jahren keinen Erfolg mehr bei Publikum und Kritik verbuchen. Ausnahme: Sein vorletzter Film, die Irak-Krieg-Montage „Redacted„, die auf dem Filmfest in Venedig 2007 einige Preise (u.a. den silbernen Löwen) abräumte. Sechs Jahre dauerte es dann, bis de Palma seinen nächsten Film vorlegen konnte. Hierfür kehrt er ins Genre des Erotik-Thrillers zurück, das er zuletzt 2002 mit „Femme Fatale“ bediente. Bereits „Femme Fatale“ fiel bei Kritik und Publikum durch, obwohl der verspielte und nicht ganz ernstzunehmende Film, einige wunderbar genießerisch inszenierte Passagen enthielt. Mit „Femme Fatale“ teilt sich sein neustes Werk „Passion“ nicht nur die Figur der femme fatale (hier gleich dreifach anwesend), sondern auch die verwirrende Traumstruktur. Und ebenso wie bei „Femme Fatale“ kann de Palma in „Passion“ auf momentan populäre Darsteller zurückgreifen. Waren es im Film von 2002 Antonio Banderas und die gerade durch den ersten „X-Men„-Film populär gewordene Rebecca Romijn, so kann „Passion“ die grandiose Noomi Rapace und den aufsteigenden Stern Rachel McAdams vorweisen. Statt Frankreich ist diesmal Berlin der Handlungsort. Eine Entscheidung, die neben monetären Gründen (die deutsche Filmförderung hat Geld in das Projekt gepumpt), wohl auch deshalb getroffen wurde, weil das Original „Liebe und Intrigen“ von Alain Corneau, dem der Film zu Grunde liegt, aus Frankreich stammt.

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„Liebe und Intrigen“ ist mir bisher leider nicht bekannt, weshalb es mir nicht möglich ist, Vergleiche zu ziehen. Wie man aber allenthalben liest, hat sich de Palma gegenüber der Vorlage einige Freiheiten herausgenommen. Was durchaus löblich ist, will man ein eigenständiges Werk kreieren und nicht nur eine „amerikanisierte“ Kopie. Zunächst fällt die ungewöhnliche Besetzung auf. Im Original spielte die ältere und elegante Kristin Scott Thomas die Christine und die junge, mädchenhafte Ludivine Sagnier die Isabelle. Liest man, dass in „Passion“ die Rapace und McAdams mitspielen, kann man sich zunächst keine andere Lösung als Rapace als Christine und die McAdams als Isabelle vorstellen. De Palma dreht dies aber um und besetzt beide Schauspielerinnen gegen ihren Typ. Dies ist interessant, aber auf den ersten Blick nur bedingt erfolgreich. Während die Rapace überzeugend das Opfer gibt, aber einen vielleicht etwas zu starken und dominanten Eindruck macht, wirkt McAdams in der Rolle der eiskalten und intriganten Geschäftsfrau etwas zu jung und zart. Wobei man dies durchaus als Kommentar dahingehend auslegen kann, dass man niemals jemanden nur nach seinem Äußeren beurteilen soll. Tatsächlich passt die Rollenverteilung dann auf den zweiten Blick recht gut, denn Christine spielt durchaus mit ihrem zerbrechlich, hübsch-niedlichen Aussehen und Isabelle ist bei weitem kein schwaches Opfer, sondern weiß sich gut zu wehren, und andere für ihre Interessen auszunutzen. Was deutlich bei ihrer Beziehung mit der, von Karoline Herfurth dargestellten, Dani (im Original noch ein Mann) zum Tragen kommt.

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Gewöhnungsbedürftig ist die Optik des Filmes. Obwohl die durchaus bekannten Namen der beiden Hauptdarstellerinnen darauf hindeuten, dass der Film nicht unbedingt als Low-Budget-Produktion durchgehen kann, sieht er doch genauso aus. Während die erste Hälfte einen flachen TV-Look aufweist, und durchaus aus einer einheimischen Fernsehfilm-der Woche-Produktionen stammen könnte, so erinnert der zweite Teil seltsam an semi-professionelle Produktionen, in denen Geld Mangelware, aber guter Wille im Überfluss da ist. Vielleicht ist es auch die kalte HD-Video-Ästhetik, die diese Assoziation hervorruft. Doch insbesondere Szenen, wie die, in der Isabelle Christine in ihrem dunkelblau ausgeleuchteten Büro aufsucht und die Kamera schräg gekippt wird, haben wenig von großer Leinwand, sondern mehr von ambitionierter, selbst-produzierten Videoware. Dies verwundert insbesondere, wenn man weiß, dass Pedro Almodóvars Kameramann  José Luis Alcaine für die Bilder verantwortlich ist.

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Man kann De Palma zwar nicht absprechen, dass er einige nette Einfälle hätte, der große Wurf – der seine früheren Filme auszeichnete – fehlt allerdings komplett. Auch wenn er sich an einigen Stellen selbst zitiert, wirkt dies eher wie das Werk eines De-Palma-Fans, als das des Meisters selber. Ein Splitscreen-Szene in der ein Mord mit einer Ballett-Aufführung kombiniert wird, erzielt keine Wirkung, da die Ballett-Szene, leblos und wie in einer Turnhalle gedreht wirkt, und der Mord keine Suspense aufweist. Eine lange Plansequenz ist zwar optisch reizvoll, aber völlig spannungslos und an dieser Stelle unnötig. Wenn sie dann auch unmotiviert durch einen unspektakulären Schnitt aufgelöst wird, wirkt es noch beliebiger. Diese selbstreferenziellen Spielereien scheinen dann auch mehr augenzwinkernde Parodien zu sein, und ein vorsätzliches Enttäuschen der Erwartungshaltung. einzig eine fast 1:1 übernommene Szen aus „Dressed to Kill“ verfehlt ihre Wirkung nicht. Interessanterweise zitiert De Palma sich nicht nur selber, sondern auch den auslöser der großen „Erotik-Thriller“-Welle Anfang der 90er, „Basic Instinct„. So läßt er Kleidung und Frisur der Christine häufig der einer gewissen Catherine Tramell ähneln.

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Da der Film in Co-Produktion mit Deutschland entstand und einige Fördergelder aus Brandenburg abgriff, finden sich in der Besetzungsliste auch mehrere deutsche Schauspieler, u.a. zwei „Tatort“-Kommissare. Dominic Raacke („Tatort“-Berlin) gibt des Chef des Unternehmens, in dem Isabelle und Christine arbeiten, Benjamin Sadler („Tatort“-Hannover) spielt den Staatsanwalt und Rainer Bock den ermittelnden Kommissar. Alle drei bleiben aber weit unter ihren Möglichkeiten. Sie machen den Eindruck, als ob sie frisch von der Schauspielschule kommen, und ihre ersten Gehversuche im Filmgeschäft unternehmen. Sie spielen nicht laienhaft, das nicht. Aber steif und auf ganz unnatürliche Art „natürlich“. Besonders fehl am Platze wirkt allerdings der Brite Paul Anderson, der den Liebhaber Christines spielt. Bei ihm denkt man, er könne jemand sein, der einfach so von der Straße gecastet wurde, weil er ein interessantes Aussehen hat. Dieser „kaputte Look“ würde zwar großartig in einen Klaus-Lemke-Film passen, aber mit seiner überbetonte Lässigkeit wirkt er wie ein Fremdkörper in De Palmas artifiziellen Welt. Karoline Herfurth macht das Beste aus ihrer Rolle, doch auch sie schwankt seltsam zwischen den von ihr gewohnten brillanten Momenten und einer seltsamen Mischung aus über- und unteracting. Was im übrigen auch für die beiden Hauptdarstellerinnen gilt.

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„Passion“ ist ein merkwürdiger Fehlschlag. Trotz einer im Grunde guten Besetzung und durchaus vorhandenem Potential, will er nicht so recht zünden. Neben der kompletten Abwesenheit von Spannung und einer wirren Traumstruktur, leidet der Film besonders an der uninspirierten Kameraarbeit, die ihn weitaus billiger erscheinen lässt, als er vermutlich war. Zwar baut De Palma einige augenzwinkernde Momente für die Kenner seines Werkes ein, doch auch dies wirkt leider eher bemüht.

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Die DVD aus dem Hause Ascot Elite weißt ein gutes Bild und gute Tonqualität auf. Die Extras erscheinen zunächst reichhaltig, doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich das Featurette als knapp 4-minütiger Werbeclip, und die Interviews als Promo-Blah-blah, in dem die Beteiligten den Film und seinen Regisseur über den grünen Klee loben. Der Informationsgehalt geht, wie bei so etwas üblich, gegen Null.

Eine Antwort für “DVD-Rezension: “Passion””

  1. […] Zeitung veröffentlichen kann? Schön, dass es auch Menschen gibt, (hier z.B. oder hier, hier und hier), die etwas genauer hinschauen und analysieren, wie ein Film funktioniert und was er mit ihnen […]

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