DVD-Rezension: „Das schwarze Buch“

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Zur Zeit der französischen Revolution. Maximilian Robespierre (Richard Basehart) hat ein Schreckensregime errichtet. Zur Stärkung seiner Position lässt er den berüchtigten „Schlächter von Strassburg“, Duvall, nach Paris beordern. Dieser wird allerdings von dem Patrioten Charles D’Aubigny (Robert Cummings)umgebracht. D’Aubigny schlüpft in die Rolle Duvalls, um Robespierres Pläne auszuspionieren. Da weder Robespierre, noch sein Gehilfe Fouché (Arnold Moss)Duvall je zu Gesicht bekommen haben, geht der Plan auf. Robespierre gibt dem falschen Duvall eine Vollmacht und den Auftrag, koste es, was es wolle, sein geheimes „schwarzes Buch“ wieder zu finden, welches ihm von Unbekannten gestohlen wurde. In diesem Buch befinden sich die Namen aller, die Robespierre des Verrats verdächtig. Fiele dieses Buch in falsche Hände, könnte es zu einem Aufstand gegen Robespierre kommen. Mit der Hilfe seiner ehemaligen Geleibten Madelon (Arlene Dahl), macht sich D’Aubigny auf die Suche.

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Die, im übrigen sehr empfehlenswerte, Reihe „Film noir Collection“ aus dem Hause Koch Media, fasst den Begriff „Film noir“ gerne einmal etwas weiter. So fand sich in dieser Serie bereits Fritz Langs Krimi-Komödie „You and Me“ von 1938 wieder. Mit dieser teilt sich der mittlerweile 13. Beitrag der „Film noir Collection“ dann auch den Hauptdarsteller: Robert Cummings. Das Sujet des Filmes lässt allerdings zunächst einmal überhaupt nicht an einen „Film noir“ denken. „Das schwarze Buch“ (der in den USA sowohl als „The Black Book“, als auch unter dem Namen „Reign of Terror“ lief, während der deutsche Titel „Guillotine“ oder „Der Dämon von Paris“ lautete) ist ein lupenreiner Kostümfilm und spielt während der französischen Revolution. Trotzdem ist es legitim, „Das schwarze Buch“ in die „Film noir“-Serie einzureihen. Nicht nur behandelt Regisseur Anthony Mann die verbrecherischen Revolutionäre wie Gangsterbosse, auch seine Hauptfigur könnte ohne Probleme ein Undercover-Cop im Großstadt-Dschungel der 40er sein. Optisch orientiert sich der Film ebenfalls stark am deutschen Expressionismus der 20er Jahre, der die Grundlage für die Ästhetik des Film noir lieferte. Das Schwarz der Nacht und die Finsternis in den Häusern und Verliesen, scheinen ständig die handelnden Personen zu bedrängen und erinnern an die allgegenwärtige Gefahr, dass sich der Feind langsam aus den Schatten schälen könnte, oder im Dunklen verborgene Pläne geschmiedet werden, um die Handelnden ins Unglück zu stürzen. Das Paris des Filmes ist kein fröhliches, sondern ein ein finsterer Ort, an dem Furcht und Schrecken regieren. Ein Ort, an dem es keine Hoffnung gibt. Und wenn das Böse am Ende durch das Fallbeil hingerichtet wird, scheint auch nicht wieder die Sonne, sondern das Dunkel bleibt und in ihm erhebt schon der nächste Tyrann sein Haupt.

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Selbstverständlich hilft das Spiel mit den Schatten den Filmemachern auch, das niedrige Budget zu kaschieren. Gedreht wurde in den übriggebliebenen Kulissen des epischen „Jean D’Arc“-Films von Victor Fleming mit Ingrid Bergman. Einem Kassenflop, an dem auch „Das schwarze Buch“-Produzent Walter Wanger beteiligt war. Somit liegt der Verdacht nahe, dass „Das schwarze Buch“ vor allen Dingen produziert wurde, um noch schnell die teuren Kulissen zu nutzen. Was Regisseur Anthony Mann und Kameramann John Alton, zusammen mit den Drehbuchautoren Philip Yordan und Aeneas MacKenzie, daraus gemacht haben, ist allerdings ein kleines Meisterwerk. Einen großen Anteil daran hat sicherlich auch das große Mastermind William Cameron Menzies, der hier zwar offiziell nur als Produzent aufgeführt wird, inoffiziell aber auch bei der Art direction die Finger mit im Spiel gehabt haben soll. Menzies war als genialer Ausstatter z.B. bei der 1940er Version von „Der Dieb von Bagdad„, berühmt geworden. Und er kreierte den Look von „Vom Winde verweht„, wo er nicht nur als Produktionsdesigner und Storyboard-Autor tätig war, sondern auch die berühmte „Brand von Atlanta“-Szene inszenierte. Er setzte für Hitchcock die von Dali entworfene Traumsequenz in „Ich kämpfe um dich“ um und war selber als Regisseur bei den beiden stylischen SF-Filmen „Things to come“ und „Invasion vom Mars“ tätig. Kameramann John Alton (eigentlich Johann Altmann und ungarisch-österreichischer Herkunft) dreht einige der einflussreichsten „Noirs“ und prägte den Stil des Genres. Gemeinsam mit Anthony Mann hatte er bereits bei dem ebenfalls optisch und atmosphärisch beeindruckenden „Schritte in der Nacht“ (Rezension hier) zusammengearbeitet. Diese Kollaboration großer Talente machte aus „Das schwarze Buch“ einen der bestaussehenden „Noirs“ der 40er Jahre. Jede Einstellung möchte man sich am Liebsten einrahmen und über das Bett hängen. Die Licht- und Schattenspiele, verkanteten Perspektiven, die kleinen, symbolhaften Details im Hintergrund und ausdrucksstarken, verschwitzen Gesichter im Vordergrund vereinen das Beste miteinander, was Expressionismus und Film noir zu bieten haben.

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Unterstützt werden die intensiven Bilder von einer spannenden und überraschend gut recherchierten Geschichte. So sind die Ereignisse, die zu Robespierres Enthauptung führten, relativ akkurat, wenn auch natürlich in das Korsett der Geschichte geschnürt. Auffällig ist die Brutalität, die gezeigt wird. Von Folteropfern, über blutige Kopfschüsse bis hin zum Zerschmettern des Kiefers Robespierres zeigt der Film weitaus mehr, als man es von einem Post-Hayes-Code-Film erwarten würde. Interessant auch die Ambivalenz des Filmes, der zur Hochphase der McCarthy’schen Hexenjagd auf Kommunisten entstand. So kann man die Geschichte über die Todesliste im schwarzen Buch Robespierres durchaus als kritischen Kommentar auf den berüchtigten Senator McCarthy oder das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ sehen. Andererseits bietet es sich aber auch an, den Film als Warnung vor totalitären Systemen, wie eben dem stalinistischen Regime in der kommunistischen Sowjetunion und dem Kommunismus an sich – die Revolutionäre sind ja „Bürgerliche“, die eine Herrschaft des Volkes errichten wollen – zu verstehen. Neben dieser politischen Analogie, glänzt der Film aber auch mit zwei großen Suspense-Szenen, die direkt aus einem Hitchcock-Film stammen könnten. Einmal, wenn D’Aubigny und Madelon aus dem Gefängnis flüchten und am Gefängnistor von einem tatterigen Greis aufgehalten werden. Während dieser in seinem gewaltigen Bund nicht den richtigen Schlüssel für das Tor findet, wartet direkt vor dem Tor eine ältere Frau, die mit nur einem Wort die Tarnung der Beiden auffliegen lassen könnte. Diese Szene ist genussvoll und nervenzerfetzend in die Länge gezogen, gänzlich ohne Musikbegleitung, nur mit den Geräuschen des Schlüsselbundes unterlegt. In der zweiten Szene legt sich der böse Saint Just in einer Hütte zur Ruhe, ohne zu wissen, dass unter seinem Kissen das von ihm gesuchte schwarze Buch versteckt ist. Die Versuche der Helden, an dieses zu gelangen, sind ebenfalls absolut eines Hitchcocks würdig.

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Bei der Besetzung finden sich keine große Namen. Der bekannteste dürfte Richard Basehart sein, der bereits in Manns „Schritte in der Nacht“ (ebenfalls bei Koch erschienen) den überlegenen Schurken spielt. Hier wirkt er als Maximilian „Don’t call me Max“ Robespierre zwar etwas steif, was allerdings hervorragend zur Rolle passt und nicht weiter ins Gewicht fällt, da Basehart eine unbedingte Autorität ausstrahlt, die eines Robespierre angemessen ist. Robert Cummings hat bereits zweimal bei Hitchcock gespielt, der mit seinem „leading man“ allerdings nicht ganz zufrieden war. Er fand, Cummings habe ein „komisches Gesicht“. Sein Charles D’Aubigny ist kein überragender Charakter und bleibt, wie die meisten Helden, gegenüber den charismatischeren Schurken blass. Trotzdem erledigt Cummings seine Aufgabe routiniert und durchaus überzeugend. Vor allem wird dem Zuschauer Arnold Moss in Erinnerung bleiben, der den durchtriebenen, schlangenhaften und doch irgendwo sympathischen Fouché spielt. Eine Rolle, die an Claude Reins Captain Renault in „Casablanca“ erinnert. Moss ist das dunkle Herz des Filmes, und man ist regelrecht enttäuscht, wenn er scheinbar aus der Handlung verschwindet. So fällt seine nicht gerade logische Wiederauferstehung dann auch gar nicht negativ auf. Während Fochés Abwesenheit zaubern die Drehbuchautoren mit dem teuflischen Saint Just einen neuen Schurken aus dem Hut. Jess Barker steht das diabolisch-verschlagene nicht so sehr ins Gesicht geschrieben wie Arnold Moss, doch er füllt die Rolle des Saint Just mit genug unterschwelliger Boshaftigkeit und Sadismus aus, so dass er einen überzeugenden und Angst einflößenden Bösewicht abgibt. Die schöne Arlene Dale verkörpert eine starke Heldin, die erfreulicherweise die Fäden selbst in der Hand behält und dem Helden auch mal aus der Patsche hilft und nicht andersherum.

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Normalerweise halte ich mich mit einer solchen Superlative zurück, aber in diesem Falle mache ich gerne eine Ausnahme und nenne „Das schwarze Buch“ ein Meisterwerk des „Film noir“. Optisch höchst beeindruckend, mit Bildern für die Ewigkeit. Gleichzeit spannend und vielschichtig erzählt, sowie, insbesondere auf der Seite der Bösen, mit eindrucksvollen Charakteren besetzt. Empfehlung.

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Die, wie üblich in einem buchähnlichen Cover, bei Koch Media erschienene DVD zeichnet sich durch ein sehr gutes Bild und Ton aus. Zwar weist das Bild hier und dort kleine Schäden und Laufstreifen auf, doch insgesamt ist es sehr scharf und klar. Als Extras findet man nur einen Trailer zum Film und eine Bildgalerie. Entschädigt wird man aber durch ein ausgezeichnet geschriebenes und hoch informatives Booklet von Thomas Willmanns.

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2 Antworten zu DVD-Rezension: „Das schwarze Buch“

  1. david sagt:

    Einer der Mann-Alton-noirs, die ich noch nicht gesehen habe, und diese Besprechung macht mich nur noch neugieriger (besonders diese Schlüsselsuch-Szene). Alton war, soweit ich es überblicke, sowieso der „extremste“ und radikalste aller noir-Kameramänner, und hat auch jenseits seiner Arbeit mit Anthony Mann wundervoll düstere Bilder geschaffen, die manchmal fast an Abstraktion grenzten.
    Einen kleinen, vermutlich „Freudschen“, Fehler möchte ich dennoch anmerken: der berüchtigte Senator aus Wisconsin, den du erwähnst, war McCarthy, nicht McCartney (Joseph hätte Paul höchstwahrscheinlich nicht leiden können ;-). Und das „Komitee zur Untersuchung unamerikanischer Aktivitäten“ war ein Komitee des Repräsentantenhauses, nicht des Senats. Es war zwar durchaus ein zentraler Akteur der passend benannten McCarthy-Ära (und verfolgte besonders auch vermeintliche Kommunisten in Hollywood), war aber mit dem Senator institutionell nicht direkt verbunden, und wirkte zeitlich auch schon vor dessen Kampagnen, die der Ära den Namen gaben.

  2. Marco Koch sagt:

    Hi david! Danke für die interesanten Anmerkungen. Ich habe das gerade einmal entsprechend angepasst.

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