DVD-Rezension: “Die Koch Media Giallo Collection Teil 2″

Von , 19. November 2013 19:32

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Da ist sie nun also. Die zweite Giallo-Box aus dem Hause Koch Media. Und wieder gab es bei den Fans im Vorfeld einiges Murren bezüglich der Filmauswahl. Tatsächlich ist wieder nur ein Film von dreien ein waschechter Giallo: „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“. Die anderen beiden Filme finden sich in einschlägigen Nachschlagewerken aber ebenfalls unter „Giallo“. Was auch nicht verkehrt ist, denn „Giallo“ steht in Italien ganz allgemein für „Krimi“ bzw. Thriller. Somit ist die „Giallo Box 2“ keine Mogelpackung. Mittlerweile wird der Begriff „Giallo“ aber mit einer ganz besonderen Art des Thrillers gleichgesetzt. Jener nämlich, die im Gefolge von „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ entstand und als Zutaten möglichst viele stylische Morde – vornehmlich an schönen Frauen -, einen geheimnisvollen Killer mit schwarzen Handschuhen und tolle Filmmusik aufweist. Auf „Blutiger Zahltag“ und „In the Folds of the Flesh“ triff dies nur bedingt zu, weshalb einige Leute diesen Filmen den „Giallo“-Status absprachen und über die Auswahl maulten. Besonders „Blutiger Zahltag“ traf es, der außerdem in Deutschland – wenn auch als Bootleg und in gekürzter Form – bereits verschiedene Veröffentlichungen erfuhr. Auch „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ war bereits in guter Qualität auf DVD zu kaufen gewesen – allerdings auf einer nicht lizenzierten Scheibe.

Dann erschien kurzfristig ein Cover der Box bei Amazon, auf dem statt „Blutiger Zahltag“ plötzlich Umberto Lenzis „Deadly Trap“ zu lesen war. Das schürte kurz die Verwirrung, stellte sich dann aber als früher Entwurf heraus, der auf geheimnisvollen Wegen ins Netz geraten war. Tatsächlich war ursprünglich „Deadly Trap“ geplant, doch da es hierzu nur ein gekürztes Master gab, wurde der Film erst einmal – für eine Veröffentlichung in einer möglichen dritten Giallo-Box – zurückgestellt. Als Untertitel der finalen Box prangt wieder ein martialischer Schriftzug auf der Vorderseite: „Die spektakuläre Box der blanken Messer“, was wieder völliger Quatsch ist, den potentiellen Käufer tatsächlich auf eine falsche Fährte lockt und zu Enttäuschungen führen könnte. Keine Enttäuschung ist auf jeden Fall die Bild- und Tonqualität der Filme, denn die ist hervorragend.

The Child – Die Stadt wird zum Alptraum (Chi l’ha vista morire, 1972)

In den französischen Alpen wird ein kleines Mädchen von einer mysteriösen, ganz in schwarz gekleideten Frau umgebracht. In Venedig ereilt dieses grausige Schicksal vier Jahre später auch die kleine Roberta (Nicoletta Elmi), Tochter des Bildhauers Franco Serpieri (George Lazenby). Voller Trauer und Selbstvorwürfen versucht der verzweifelte Vater herauszufinden, wer für den Tod seiner geliebten Tochter verantwortlich ist…

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Ich hatte ja ein wenig Angst, diesen Film wiederzusehen. Die erste Sichtung lag bereits über 15 Jahre zurück und mittlerweile reagiere ich extrem sensibel auf Themen wie Kindermord. Und so hinterließ die erste Szene, in der der brutale Mord an einem kleinen Mädchen gezeigt wird, gleich einen dicken Kloß in meinem Hals. Da ich wusste, was passiert, ging die weitere Betrachtung des Filmes relativ reibungslos von statten und in der zweiten Hälfte war ich dann auch wieder ganz beim Film. Trotzdem ist der Mord an der kleinen Roberta immer noch ein Schock, denn Regisseur Aldo Lado inszeniert die Szenen zwischen ihr und ihrem, von George Lazenby gespielten, Vater sehr gefühlvoll und mit viel Empathie. Zudem hat er mit der kleinen Nicoletta Elmi einen Trumpf im Ärmel, denn trotz ihres jungen Alters, ist sie bereits so etwas wie ein Veteran im Filmgeschäft und spielt die Roberta sehr liebenswert und natürlich.

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Der Film lebt auch stark von den Bildern eines tristen Venedigs im Herbst. Bereits ein Jahr vor „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ wird Venedig als unheimlicher, sterbender Ort voller Gespenster der Vergangenheit in Szene gesetzt. Einige Szenen, wie die Fahrt mit der Beerdigungsgondel zur Friedhofsinsel, sind zudem sehr ähnlich ins Bild gesetzt. So trägt Venedig sehr viel zur anfangs bedrückenden Stimmung des Filmes bei, spielt allerdings keine Hauptrolle, wie in Roegs Film. Zudem verliert die Stadt in der zweiten Hälfte als Schauplatz an Bedeutung. Hier bewegt sich der Film auch auf konventionellen Giallo-Pfaden mit seiner Mörderhatz durch einen Amateurdetektiv (dessen tragisches Motiv auch zusehends in den Hintergrund gedrängt wird) und seiner Vielzahl an skurrilen Charakteren, die rasch von Mordverdächtigen zu Mordopfern werden. Deshalb war es für mich wohl auch einfacher den zweiten Teil zu konsumieren, nachdem mir die Geschichte um die kleine Roberta und ihr trauriges Schicksal doch arg zu knabbern gegeben hat.

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Aus PR-Gründen wurde Ex-Bond George Lazenby für die Hauptrolle engagiert. Zwischen „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ und „The Child“ scheinen aber Welten zu liegen. Lazenby ist schrecklich dünn, fast schon abgemagert, was recht gut zu seiner Rolle passt. Wenn auch mehr zu dem gebrochenen Vater einer ermordeten Tochter, als zu dem Bohème, als der er zunächst erscheint. Sein Franco Serpieri ist alles andere als ein strahlender Held. Tatsächlich scheint er auch unter einer gewissen Sexbessenheit zu leiden, denn immer wieder werden seine Investigationen jäh gestoppt, weil er sich vom Anblick nackten Fleisches ablenken lässt. Nicht zu vergessen, dass er seine Tochter vor ihrer Ermordung allein lässt, um mit seiner Geliebten zu schlafen. In einer der intensivsten Szene des Filmes liegt er neben seiner Ehefrau (gespielt von der wunderschöne Anita Strindberg, die hier allerdings recht wenig zu tun hat). Beide weinen über den Verlust ihrer Tochter, dann schlafen sie völlig mechanisch und ohne Liebe miteinander, um mit ihrer Trauer fertig zu werden. Das tut einem beinahe schon weh.

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Danach verlegt sich Aldo Lado aber darauf, sich auf die Jagd auf den Mörder zu konzentrieren und diese zu nutzen, um einen Blick hinter die Kulissen der ehrenwerten, venezianischen Gesellschaft zu werfen. Diese stellt sich als ebenso verrottet und verfallen heraus, wie Venedig selber. Repräsentiert wird der dekadente, venezianische Geldadel vom großen Adolfo Celi, der den Kunsthändler Serafian zu einer seiner typisch überlebensgroßen Figuren macht. Auch sonst wimmelt es nur so vor Figuren, die ein Doppelleben führen und im Geheimen ihren Gelüste nachgehen. So könnte man „The Child“ durchaus auch als einen moralinsauren Film ansehen, der erzkonservativ predigt, dass Sex oder überhaupt jegliche Form von Lust, etwas schlechtes sei. Andererseits ist Aldo Lado ein zu intelligenter Regisseur, um sich auf diese einfache Propaganda einzulassen. Tatsächlich reißt es die Figuren in den Abgrund, dass sie ihre Sexualität nicht ausleben, sondern ganz verklemmt alles dafür tun, dass niemand mitbekommt, was sie da hinter verschlossenen Türen treiben. Dies trifft auch auf das (zugegeben an den Haaren herbeigezogenen) Motiv des Killers zu, der ebenfalls ein gewaltiges Problem mit dem Ausleben freier Sexualität hat. Nicht der Sex pervertiert, sondern seine Unterdrückung. Hierzu passt auch Lados beißende Kritik an der von einer moral-versessenen Kirche, welche allerdings durch ein – wie Lado im auf der DVD vorhandenen Interview bestätigt – nachträglich eingebauten Satz von den Produzenten relativiert wurde.

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Nicht unerwähnt soll auch die wunderbare Musik Ennio Morricones bleiben, die gänzlich aus Kinderchören besteht, die er in den dramatischen Szenen mit einem bedrohlichen Basston unterlegt werden. In Kombination mit den Bildern, erreicht die Musik eine unheimliche Intensität. Gemeinsam mit der schönen Kameraarbeit von Franco Di Giacomo, der ein Jahr zuvor schon Dario Argentos „Vier Fliegen auf grauem Samt“ fotografierte, wird der ohnehin schon gute Film dadurch noch weiter veredelt.

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Der Film wird in 1:2,35 und guter Bildqualität präsentiert. Neben der deutschen Tonspur gibt es noch die italienische und eine englische. Als Extra findet sich auf der DVD ein sehr interessantes und aktuelles Interview mit Regisseur Aldo Lado (36 Minuten) in dem er eine Menge über den Film erzählt. Ein englischer und ein italienischer Trailer vervollständigen die Extras. Das von Dr. Markus Stiglegger geschriebene Booklet liegt in Posterform bei.

 

Blutiger Zahltag (La Ragazza Dal Pigiama Giallo, 1977)

Am Strand von Sydney wird eine halb verbrannte Frauenleiche in einem gelben Pyjama gefunden. Die Polizei setzt alles daran, das Opfer zu identifizieren. Sogar eine öffentliche Zurschaustellung der Leiche wird initiiert, führt aber, wie die übrigen Nachforschungen, zu keinem Erfolg. Erst der pensionierte Inspektor Thompson (Ray Milland) scheint eine Spur zu finden. In einem zweiten Erzählstrang hat die junge, lebenshungrige, ehemalige Prostituierte Glenda (Dalila Di Lazzaro) ein Problem. Sie unterhält gleichzeitig drei Liebhaber: Den reichen Professor Douglas (Mel Ferrer), den prolligen Roy (Howard Ross) und den sensiblen Antonio (Michele Placido). Sie heiratet Antonio, doch auch mit ihm wird sie nicht glücklich. Sie fühlt sich eingesperrt und ihre Vergangenheit lässt sie auch nicht los..

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Ein Film, der es einem nicht leicht macht und sein Publikum erst einmal verwirrt. Und dies nicht nur aufgrund seines unpassenden deutschen Titel, der Assoziationen an einen Gangsterfilm hervorruft. Was wohl durchaus beabsichtigt war, weist doch auch das Cover der alten deutschen VHS in diese Richtung. Noch verwirrter dürften allerdings diejenigen gewesen sein, die ihn später unter seinem Alternativtitel „Ein Mann gegen die Mafia“ sahen. Dieser blödsinnige und vollkommen sinnlose Titel (weder kommt hier die Mafia, noch ein sie bekämpfender Mann vor) sollte wohl von der ungeheuren Popularität Michele Placidos profitieren, der gerade auch im deutschen TV „Allein gegen die Mafia“ kämpfte. Im Originaltitel geht es um ein Mädchen im gelben Pyjama, und tatsächlich beruht der Film auf dem in Australien recht bekannten „Gelber Pyjama“-Fall, der sich in den 30er Jahren zugetragen hatte.

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Aber vor allem die Handlung sorgt zunächst für Verwirrung und macht es dem Zuschauer nicht leicht, sich mit dem Film anzufreunden. Er beginnt mit dem Fund einer teilweise verbrannten Leiche an einem Strand in Australien. Diese Szene ist noch ausgesprochen stimmungsvoll und durchaus gialloesque gefilmt. Nun beginnen die Polizeiarbeiten, um die Identität der Leiche herauszufinden und auf die Spur des Mörders zu kommen. Wenn sich Ray Milland als alter, bereits pensionierter Ex-Kommissar einmischt, bekommt das Ganze fast schon Colombo-ähnliche Züge. Milland spielt den Ex-Inspektor Thompson mit einem permanenten Augenzwinkern. Man merkt ihm an, dass er viel Spaß am Set hatte, aber den Film nicht besonders ernst genommen hat. Giallo-Elemente sucht man nun fast vergeblich. Am Ehesten erinnert noch Riz Ortolanis wunderbare Musik, die zwischen Keyboard-Beats und klassischem Score wechselt, an einen Giallo. Eine Szene, in der die verbrannte Leiche vor Hunderten von Schaulustigen ausgestellt wird, ist hervorragend in Szene gesetzt. Sie zeigt das Ausgeliefertsein der Toten, und wie ihr von den Blicken der Gaffer die letzte Würde genommen wird.

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Doch immer wieder schneidet der Film zu einer Parallelhandlung, die auf dem ersten Blick scheinbar gar nichts mit dem Mord zu tun hat. Hier folgt man auf einmal der Geschichte einer junge Frau, die drei Liebhaber hat und letztendlich denjenigen der Drei heiratet, der als einziger romantische Gefühle für sie hegt und von den beiden Anderen nichts weiß. Der junge Michele Placido spielt diesen italienischen Einwanderer mit viel Schmerz in den samtenen Augen. Auch seine Wandlung zur konservativen Sofakartoffel gelingt ihm sehr gut. Die junge Frau wird von Dalila Di Lazzaro gegeben, die man als dekoratives Beiwerk in diversen Genreproduktionen kennt. Fiel sie dort nur durch ihr gutes Aussehen auf, muss man ihr in „Blutiger Zahltag“ bescheinigen, dass sie eine wirklich gute Schauspielerin ist, deren Leistung sich zum Ende des Filmes hin kontinuierlich steigert. Ihren älteren Liebhaber spielen Mel Ferrer, der nicht viel zu tun hat und mehr oder weniger nur seinen Namen fürs Filmplakat zur Verfügung gestellt hat. Der andere Liebhaber wird von Howard Ross recht überzeugend als unangenehmer, proletenhafter Macho gespielt.

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Trotzdem fragt man sich die ganze Zeit, warum der Film immer wieder für längere Zeit zu diesem Liebesdrama zurückkehrt, wo doch die Krimigeschichte ungleich interessanter ist. Natürlich ahnt man, dass beide Geschichten miteinander zu tun haben, die Zusammenhänge weiß Regisseur Flavio Mogherini aber lange Zeit gut zu verschleiern. So gut, dass man einige „Fehler“ für Unzulänglichkeiten der Inszenierung hält und manchmal von der „schlampigen“ Erzählweise etwas genervt ist. An dieser Stelle muss ich leider etwas deutlicher werden, was Menschen, die den Film noch nicht gesehen haben, den Spaß nehmen könnte. Daher schnell ein Kurzfazit: Der Film hat mich überrascht und nachdem ich lange dachte, er wäre gedankenlos konstruiert und seine Dramageschichte ausgesprochen belanglos, wurde ich im letzten Drittel eines Besseren belehrt und litt mit den Protagonisten förmlich mit. Jetzt möchte ich aber des Filmes unkundigen Lesern raten, zur nächsten Rezension zu wechseln.

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Für alle anderen noch ein paar Anmerkungen. Mich störte zunächst extrem, dass in der „Dramahandlung“ die zeitlichen Abläufe überhaupt nicht mit denen aus der „Krimihandlung“ übereinstimmten. Wenn man am Ende weiß, dass die beiden Handlungen nicht parallel ablaufen, sondern das Drama die Vorgeschichte zum Krimi ist, macht das natürlich wieder Sinn. Aber in den ersten zwei Dritteln habe ich mich über diese scheinbare Nachlässigkeit schon geärgert. Das letzte Drittel hat es dann mächtig in sich. Wenn man erkennt, wie die Zusammenhänge sind, und dass Glenda ihrem Tod entgegen geht, zieht nicht nur die Spannungsschraube kräftig an, sondern man empfindet auch tiefes Mitleid für diese verzweifelte Person, die nach und nach erkennen muss, dass sie von allen nur ausgenutzt und als reines Sexobjekt betrachtet wurde. Vor diesem Hintergrund macht die bereits oben schon einmal beschriebene Szene, in der ihr toter Körper ausgestellt und von Hunderten Neugierigen beglotzt wird, einen noch viel stärkeren Eindruck. Und wenn sie in einem Akt der Verzweiflung, Trauer und Resignation ihren Körper für ein paar lumpige Dollar an zwei widerwärtige Typen und deren minderjährigen Neffen verkauft, so tut das Zusehen fast schon weh. Flavio Mogherinis Regie und Dalila Di Lazzaros Schauspielkunst gehen hier eine kongeniale Liaison ein. „Blutiger Zahltag“ ist ein Film der überrascht und begeistern, wenn man sich auf ihn einlässt. Als Krimi oder gar Giallo funktioniert er aber nur bedingt, was durchaus in der Intention von Flavio Mogherini gelegen haben kann. Es geht eben um die Höllenfahrt einer freiheits- und lebensliebenden Frau, die nicht in gesellschaftliche Konventionen von Moral und Anstand passt und auch nicht passen will.

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Das Bild der DVD ist überdurchschnittlich gut. Sehr klar und mit kräftigen Farben. Auch der Ton bietet kein Anlass zum Meckern. Die Tonspur enthält wieder Deutsch, Italienisch und Englisch. In einem 12-minütigen Interview berichtet Renato Rossini alias „Howard Ross“ von seiner Karriere und den Dreharbeiten. Wobei er ziemlich stark betont, was für ein toller Kerl er doch ist. Daneben gibt es wieder einen italienischen und einen englischen Trailer, die allerdings inhaltsgleich sind. Das „Poster-Booklet“ enthält einen Text von Stefan Groß und Claus Rehse.

 

In the Folds of the Flesh (Nelle pieghe della carne, 1970)

Der flüchtige Gangster Pascal Gorriot (Fernando Sancho) wird, kurz bevor ihn die Polizei schnappt, Zeuge, wie die schöne Lucille (Eleonora Rossi Drago) in dem Garten ihres burgenähnlichen Anwesens eine Leiche vergräbt. Dreizehn Jahre später wohnt Lucille gemeinsam mit ihrem Neffen Colin (Emilio Gutiérrez Caba) und ihrer Ziehtochter Falesse (Anna Maria Pierangeli) noch immer dort. Der Besitzer des Anwesens und Vater von Falesse, André, verschwand in der selben Nacht, in der Gorriot das heimliche Begräbnis beobachtete. Seit dieser Nacht ist Falesse ein nervliches Wrack, das zu mörderischen Aussetzern neigt. Auch Colin ist nicht ganz ohne, was einige Gäste der Familie schmerzvoll erfahren müssen. Plötzlich steht auch Gorriot wieder vor der Tür und will die Familie mit seinen damaligen Beobachtungen erpressen. Das bringt die ohnehin schon sehr ungesunde Stimmung zum Überkochen…

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In diesem Film regiert der Wahnsinn. Schon in der ersten Szene rollt ein abgeschlagener Kopf vor die Füße zweier jungen Mädchen, und ein Knabe wird mit vor Schrecken geweiteten Augen Zeuge dieser blutigen Untat. Dann gibt es noch ein Freud-Zitat über Traumatisierung und schon weiß man, dass hier keiner ungeschoren davonkommt. Auch nicht Fernando Sancho, der hier ausnahmsweise nicht den mexikanischen Banditen, sondern einen flüchtigen Gangster auf dem Motorrad gibt. Ansonsten ändert sich für ihn aber nicht viel, er darf die Familie ebenso terrorisieren, wie er es z.B. in „Eine Pistole für Ringo“ getan hat. Nur ist sein Schicksal hier ein weitaus perfideres. Was die Darstellung der Morde angeht, so sind diese einerseits drastisch inszeniert, andererseits sieht man deutlich, dass die abgeschlagenen Köpfe aus Pappmaché sind. Es wurde sich nicht wirklich großartig Mühe gegeben, diese in irgendeiner Form naturalistisch erscheinen zu lassen. Und wenn sich einer Leiche im Säurebad entledigt wird, so muss dies auch gar nicht expliziert gezeigt werden, um seine Wirkung zu erzielen. Da reicht es kurz einen geschmolzenen Wachskopf hochzuhalten und grüne Suppe in einen Eimer laufen zu lassen. Mit ähnlichen Aktionen wie im vier Jahre später entstanden „Trio Infernal“ oder gar dem ultraharten „Sado – Stoß das Tür zur Hölle auf“ hat das nicht viel zu tun, aber das wäre in dem verspielt-irren Kontext des Filmes auch eher unpassend gewesen.

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Der Irrsinn spricht nicht nur aus den Taten der Protagonisten, sondern auch aus der knallbunten Einrichtung und den psychedelischen Klamotten, die Colin und Falesse tragen. Überhaupt ergeht sich der Film in vielen bildgestalterischen Spielereien und inszeniert finstere Pop-Art par excellence. Allerdings hat Regisseur und Drehbuchautor Sergio Bergonzelli, zusammen mit seinen beiden Mitstreiter Mario Caiano und Fabio De Agostini, seine Geschichte so sehr mit Wendungen, Täuschungen und Überraschungen zugepflastert, dass er am Ende scheinbar selber den Überblick verloren hat. Immer wieder wird eine neue Enthüllung aus dem Hut gezaubert und wichtige Personen tauchen plötzlich auf, von denen zuvor nie die Rede war. Auch die Morde, die einige der wahnsinnigen Protagonisten verüben, scheinen am Ende keine Rolle mehr zu spielen. Aber das kennt man ja schon aus Filmen wie „Das Gauen kommt nachts“ oder „Die Grotte der vergessenen Leichen„. Wahnsinn tropft auch aus dem Drehbuch und sprüht aus den Augen von Anna Maria Pierangeli alias Pier Angeli.

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Die auf Sardinien geborene Anna Maria Pierangeli war einst die Geliebte von James Dean. Sie trat in den 50er Jahren in zahlreichen Hollywoodfilmen auf, ohne aber den Durchbruch zu schaffen. 1960 kehrte sie nach Italien zurück, wo sie in zahlreichen Genreproduktionen mitspielte. „In the Folds of the Flesh“ war ihr drittletzter Film. Ein Jahr später, bei den Dreharbeiten zu „Octaman„, verstarb sie an einer Überdosis Schlaftabletten. „In the Folds of the Flesh“ ist kein Ruhmesblatt für ihre schauspielerische Fähigkeiten. Ihr Aufgabe besteht vor allem darin, apathisch in die Gegend zu starren oder hysterische Anfälle zu bekommen. Ihre schreckliche Perücke trägt auch nicht dazu bei, sie besonders seriös wirken zu lassen. Andererseits passt dies alles auch gut zu ihrer Rolle, denn Falesse ist ein Ausbund an Traumata und Neurosen. Etwas besser schlägt sich da der Spanier Emilio Gutiérrez Caba, der ihren Cousin spielt. Auch er weiß, wie man dramatische Nervenzusammenbrüche simuliert und kreuzt dabei mehr als einmal die Grenze zum Schmierentheater. In den ruhigen Szenen wirkt er aber kontrollierter als seine Partnerin, die permanent wie unter Drogen agiert. Als Fels in der Brandung agiert die schöne Eleonora Rossi Drago, die zum Zeitpunkt des Filmes bereits 45 war und ihrer Darstellung mehr Würde gibt, als es die Rolle verlangt. Leider war „In the Folds of the Flesh“ ihr letzter Film. Unzufrieden mit ihrer Karriere setzte sie sich nach dem Film zur Ruhe und heirate einen reichen Geschäftsmann.

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Die übrigen männlichen Darsteller, bis auf den oben bereits erwähnten Fernando Sancho, kann man vernachlässigen. Sie tauchen auf und verschwinden, ohne dass man so recht weiß, welche Funktion sie überhaupt haben. Außer eben rasch unter die Erde zu kommen. Was leider auch für den immer wieder gern gesehen Luciano Catenacci gilt, der zwar eine prägnante, aber viel zu kurze Rolle hat. Die einzige Ausnahme ist Alfredo Mayo in der Rolles des „Derek“. Allerdings bleibt auch er nur in Erinnerung, weil er auf mysteriöse Weise eingeführt wird und von zentraler Bedeutung für das letzte Viertel des Filmes ist. Wobei man schon sämtliche Logik außer acht lassen muss, wenn Lucille nur durch einen Blick in Dereks Augen den – wesentlich jüngeren und muskulöseren – André erkennt. Die kurz eingestreute Naziploitation-Szene und die Verwendung von Zyklon B sind schon recht geschmacklos, passen aber dann irgendwie doch in dieses wahnsinnige Potpourri aus abgeschlagenen Köpfen, Vergewaltigung und Inzest, dessen Geschichte mehr Haken schlägt als ein Hase auf der Flucht. Dabei bleibt der Film aber, wenn schon nicht ernstzunehmend, jederzeit schwer unterhaltsam und versteht es, den Zuschauer sich immer wieder mit großen Augen und herabhängender Kinnlade gegen die Stirn schlagen zu lassen.

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Man darf dabei auch nicht unterschlagen, dass der Film in technischer Hinsicht (lässt man einmal die künstlichen Köpfe außer acht) sehr professionell und mit viel Liebe zum Detail umgesetzt worden ist. Von daher ist es schön, dass Koch Media für diese deutsche Erstveröffentlichung auf ein sehr gutes Master zurückgreifen konnte, in dem die kräftigen Farben des Filmes in voller Pracht erstrahlen. Da der Film zuvor nicht in Deutschland veröffentlicht wurde, gibt es auch keine alte Synchronisation, weshalb als Tonspur lediglich Italienisch und Englisch vorliegen. Natürlich mit deutscher Untertitelspur. Leider gibt es bei dieser dritten Scheibe in der „Giallo Collection 2“ außer dem italienischen Trailer augenscheinlich keinerlei Extras. doch wenn man mal genau hinschaut, entdeckt man auf der DVD auch einen Ordner, in dem sich eine .pdf mit einem italienischen Fotoroman zum Film befindet. Das Poster-Booklet wurde vom Italo-Experten Christian Keßler verfasst, der hierfür einen seiner alten Splatting-Image-Artikel aktualisierte.

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Eine Antwort für “DVD-Rezension: “Die Koch Media Giallo Collection Teil 2″”

  1. […] hierbei handelt es sich um eine Neuverpackung der alten Koch-Media-DVD. Diese war bisher nur in der „Koch-Media-Giallo-Collection Teil 2“ zusammen mit „The Child – Eine Stadt wird zum Albtraum“ und „In the Fold of the Flesh“ […]

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