DVD-Rezension: “Flesh+Blood”

Von , 8. September 2013 10:50

FleshBlood

Westeuropa, 1502: Nachdem Arnolfini (Fernando Hilbeck) mit Hilfe von Söldnern seinen ehemaligen Besitz wieder in seine Gewalt bringen konnte, zwingt er den Anführer der Söldner, Hawkwood (Jack Thompson) , diese zu verraten und aus der Festung zu treiben. Aus Rache überfallen einige der Söldner, unter der Führung von Martin (Rutger Hauer), eine Eskorte. Dabei verletzten sie Arnolfini schwer und entführen unwissentlich die hübsche Agnes (Jennifer Jason Leigh), die Arnolfinis Sohn Steven (Tom Burlinson) heiraten sollte. Steven beginnt, zusammen mit dem widerwillig folgendem Hawkwood, die Söldner durch das pestverseuchte Land zu jagen. Diese erobern eine Burg und schwelgen im erbeuteten Luxus. Agnes hingegen muss sich ihrer Haut wehren und tut dies, indem sie Martin verführt. Doch liebt sie ihn wirklich, oder versucht sie nur zu überleben? Währenddessen nähern sich Steven und seine Männer der Burg…

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Als ich das erste Mal „Flesh+Blood“ sah, hatte mich der Film nachhaltig beeindruckt. Insbesondere die Szenen mit der Alraune und dem pestverseuchten Hundekadaver im Brunnen hat mich lange beschäftigt. Paul Verhoevens Intention, keine romantisierte Version des Mittelalters zu zeigen, sondern den Schmutz, die Unmoral und die Gewalt, war voll aufgegangen. Verhoevens Filme haben immer eine sehr brachiale Wucht, was auch für „Flesh+Blood gilt, der allen Hollywood-Konventionen mit Schmackes gegen das Knie tritt. Da sterben Kinder und Hunde, die hübsche Hauptdarstellerin zeigt sich mit Vorliebe nackt, die Menschen sind nicht schön, die „Helden“ vergewaltigen und morden Unschuldige. Unter den nominellen Helden gibt es ein homosexuelles Pärchen, was angenehmerweise gar nicht spekulativ, sondern völlig normal in Szene gesetzt wird. Allerdings ist Verhoeven auch nicht der erste, der das Mittelalter auf diese Art und Weise porträtiert. Das hatten vor ihm schon Monty Pythons mit „Ritter der Kokosnuss“ und nochmal Terry Gilliam mit „Jabberwocky“ getan. An diese Filme erinnert „Flesh+Blood“ dann auch irgendwie, ist ihnen gegenüber aber bitterernst und äußerst brutal in Szene gesetzt.

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Ist der Film aber gut gealtert, und besitzt er immer noch seine Sprengkraft wie früher? Bedingt. Mittlerweile haben ja beinahe alle Filme, welche im Mittelalter spielen, den Anspruch eben dieses besonders dreckig und grausam zu zeigen. Auch wenn heute kaum jemand auf den Gedanken kommen würde, eine Liebesszene vor den zerfetzten Kadavern zweier Gehenkten zu inszenieren, so wie Paul Verhoeven es hier tut. Auch muss man sagen, dass die handelnden Personen noch immer einen Tick zu sauber und gut aussehen. Doch für die Zeit, in der „Flesh + Blood“ entstand, war diese Inszenierung durchaus ein Novum, auch wenn – wie bereits geschrieben – Terry Gilliams frühe Mittelalter-Komödien „Flesh+Blood“ in Punkto Hässlichkeit, Dreck und Scheiße weit übertrafen. Auch die Brutalität wirkt heute nicht mehr ganz so brachial, wie beim ersten Mal. Obwohl Verhoeven sie ohne jegliche Zurückhaltung filmt und Gewalt erschreckend beiläufig eingesetzt wird. Auch hier ist man heute – auch durch Verhoevens spätere Filme – anderes gewohnt. Doch in Zusammenspiel all dieser Elemente weiß „Flesh+Blood“ noch immer zu packen, auch wenn die einzelnen Teile für sich genommen, vielleicht nicht mehr so grenzüberschreitend wirken, wie noch vor 30 Jahren.

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Dafür sind die Anspielungen, die Verhoeven einbaut, noch immer aktuell. So kleiden sich Martins Männer allesamt in kommunistisches Rot, um ihre Gleichheit hervorzuheben. Doch schon bald versucht jeder Erster unter Gleichen zu werden. Vor allem Martin macht kein Hehl daraus, dass er sich als Anführer der unterprivilegierten Truppe sieht. So streift er dann bei der erstbesten Gelegenheit mit den lakonischen Worten, seine Kleidung wäre schmutzig geworden, das Rot ab, um im strahlendem Weiß seine Einzigartigkeit zu betonen. Die Heuchelei der Kirche wir durch den leicht irre wirkende Geistlichen verkörpert, der keine Skrupel kennt, den Gegner wie Vieh abzuschlachten und dabei noch fromme Worte auszustoßen. In allem und jeden sieht er ein Zeichen Gottes, wodurch er die Gruppe nach seinem Gutdünken lenken kann und hofft, Martin zu seiner Strohpuppe machen zu können. Ihm stellt Verhoeven den jungen, idealistischen Steven entgegen, der an die Wissenschaft glaubt, dessen skurrilen Erfindungen mehr Unglück als Gewinn bringen. Beide Seiten, Wissenschaft und Kirche, bringen niemanden voran und führen nur in die endgültige Niederlage. Erst als sich Steven in eine geschundenes Tier verwandelt, seine hehren Ansprüche ablegt und allein seinem Instinkt folgt, kann er etwas ändern.

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Unter den Schauspielern zeigt Jennifer Jason Leigh eine starke Leistung. Nicht nur wird ihr von Verhoeven so einiges abverlangt, sie muss auch einen Großteil der Zeit ihre Rolle im Evas-Kostüm spielen. Doch dies tut sie mit einer großen Natürlichkeit und Ambivalenz. Einerseits zuckersüß und naiv, kann sie im Bruchteil einer Sekunde in bösartig und durchtrieben wechseln. Nie kann man sich wirklich sicher sein kann, woran man bei ihr ist. Hat sie sich tatsächlich in den rücksichtslosen Abenteurer Martin verliebt, oder tut sie nur so und leidet still, um ihr Leben zu retten? Im Inneren weiß sie es wohl selbst nicht so genau, und gerade diese Zerrissenheit bringt Leigh durch ihr Schauspiel wunderbar zum Ausdruck. Demgegenüber wirkt Rutger Hauer in der Rolle des Martin eher gelangweilt. Oftmals hat man das Gefühl, dass er auf Autopilot spielt und an der Motivation seiner Figur nicht wirklich interessiert ist. Es fällt auch auf, wie uneinheitlich Martin inszeniert ist. Mal eindeutig Held und selbstsicherer Haudrauf, mal wieder niederträchtiger Schurke. Besonders deutlich wird dies dann im Schlussbild, welches sich nicht wirklich in die zuvor gezeigten Szenen einfügen möchte. Vielleicht liegt diese Inkonsequenz in der Inszenierung auch an dem großen Streit, den er mit Verhoeven über den Film führte und der die Partnerschaft so stark beschädigte, dass sie nach fünf gemeinsamen Filmen, nie wieder zusammen arbeiteten.

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Zwei weitere Faktoren arbeiten gegen den Film und Verhoevens Plan ein realistisches Bild des Mittelalters zu zeigen. Einmal wenn Steven für seine Befreiung so mir nichts, dir nichts einen Blitzeinschlag nutzt (wahrscheinlich gewinnt er ebenso spielend auch im Lotto) und dann die überdramatische Musik des großen, und leider viel zu früh verstorbenen, Basil Poledouris, die in der Tat so stark an den parodistisch-pathetischen Soundtrack von „Ritter der Kokosnus“ erinnert, dass es schwer fällt, bei den Schlachtszenen nicht zu grinsen. Schade auch, dass Verhoevens ursprüngliche Intention, den Film um die verratene Freundschaft zwischen Martin und dem von Jack Thompson souverän gespielten Hawkwood kreisen zu lassen, aufgrund Intervention der Produktionsgesellschaft, nicht realisiert wurde. Dies ist nur noch in rudimentärer Form zu erahnen und allein aus dem Grunde traurig, als das Hawkwood neben Agnes die interessanteste Figur des Filmes ist und ein weitaus größeres Potential mitbringt, als in dieser finalen Version von „Flesh+Blood“ genutzt wird. Vielleicht liegt es auch in diesem frühen Einmischen der Produktion, die darauf bestand, die Liebesgeschichte in den Vordergrund zu rücken, dass die Figur des Martin so inkonsequent gezeichnet ist.

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Doch sieht man von diesen Schwächen ab und betrachtet „Flesh + Blood“ im Kontext seiner Zeit, macht es große Freude Verhoeven dabei zuzusehen, wie er auf unkonventionelle Art auf Moral und „political correctness“ pfeift. Zusammen mit Jenifer Jason Leighs schauspielerischen Leistung und der Fülle an guten Ideen, wirkt „Flesh + Blood“ noch immer kräftig und unterhaltsam. Es ist ein typischer Verhoeven und ein wichtiges Puzzleteil auf seinem Weg von Holland nach Hollywood und zurück. Getragen wird der Film auch von Jan de Bonts dynamischer Kamera, die den Bildern eine ganz eigene Wucht verleiht.

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Die DVD aus dem Hause Koch Media hat zwar kein brillantes, aber auch kein schlechtes Bild, was den rauen Charakter des Filmes betont. Der Original Stereo-Ton ist in HD remastert. An Extras muss der Käufer der normalen DVD mit dem Audiokommentar des Regisseurs vorlieb nehmen. Wer allerdings das dreifache investiert, kann mit dem Media-Book glücklich werden, welches den Film auf DVD und Blu-ray enthält (eine absolut schwachsinnige Kombo, da der Blu-ray-Besitzer die DVD als Bierdeckel nehmen kann und, wer nur einen DVD-Player sein eigenen nennt, nichts mit der Blu-ray anfangen kann). Ferner enthält das teure Mediabook noch eine Bonus-DVD, die mit tonnenweise interessanten Extras gefüllt ist.

Eine Antwort für “DVD-Rezension: “Flesh+Blood””

  1. Zensurgegner sagt:

    Der Film müsste hier genau wie in Frankreich ab 12 Jahre freigegeben werden!

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