DVD-Rezension: “The Bay – Nach Angst kommt Panik“

Von , 4. Juli 2013 22:50

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2009 geschah in einer kleinen Stadt an der Chesapeake Bay eine grauenvolle Katastrophe. Von der Regierung unter den Teppich gekehrt, haben Aktivisten nun Filmmaterial zusammengeschnitten, welches zeigt, was damals vorgefallen ist. Kommentiert wird dies von der ehemaligen Journalistin Donna Thompson (Kether Donohue), einer der wenigen Überlebenden der damaligen Ereignisse. Sie war damals als junge Fernsehreporterin in die Stadt gekommen, um Aufnahmen von den Festlichkeiten zum 4. Juli zu machen, als plötzlich die Menschen einer grauenvollen Plage zum Opfer fielen…

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„Found Footage“ war einmal relativ neu und spannend. Damals als „Blair Witch Project“ herauskam und zeigte, wie man mit einer Handvoll Dollar und einer guten Marketing-Kampagne Millionen machen kann. Gut, neu war das Genre auch da schon nicht mehr, hatte doch z.B. Rainer Erler bereits 1970 mit „Die Delegation“ einen lupenreinen und intelligenten Found-Footage-Film hergestellt und auch Ruggero Deodato hatte 1980 bei seinem berüchtigten „Nackt und zerfleischt“ damit gespielt. Nach „Blair Witch Project“ brachen dann aber – erst langsam, dann immer schneller – alle Dämme, und der Markt wurde von „Found-Footage“-Filmen förmlich überflutet. Da waren die einen, die diese Art des Geschichtenerzählens nutzten, um eine ungewöhnliche Perspektive auf bekannte Genremuster einzunehmen („Cloverfield“, „[rec]“), andere entdecken einfach nur, dass man hier ohne große Hilfsmittel und für sehr wenig Geld einen Film auf die Beine stellen kann („Paranormal Activity“). Leider befanden sich unter letzteren auch sehr viele, nicht besonders talentierte oder originelle Filmemacher.

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Die Spannung ist also groß, wenn sich ein großer Hollywood-Regisseur diesem ausgelutschten Genre annimmt. Und Barry Levinson, der vor allem in den 80er und 90ern mit Hits wie „Rain Man“, „Good Morning, Vietnam“ und „Sleepers“ für Furore sorgte, ist beileibe kein unbeschriebenes Blatt. Auch wenn ihm in letzter Zeit nicht mehr der große Erfolg vergönnt war. Um es kurz zu machen: Auch Levinson erfindet das Genre nicht neu, aber er blamiert sich mit „The Bay“ auch nicht. Interessanterweise erinnert sein Kommentar in den Extras ein wenig an den Vorwurf, den einst Stephen King an Stanley Kubrick richtete, als dieser seinen Roman „Shining“ verfilmte. Dort beschwerte er sich, dass Kubrick sich im Horrorgenre nicht auskennen würde und seinen Film mit einer Pointe enden lies, die man so oder so ähnlich schon in Dutzenden Horrorfilmen gesehen hätte, die Kubrick aufgrund seines Desinteresses für das Genre aber natürlich nicht kennen würde und für etwas wahnsinnig Innovatives halten würde. Levinson spricht in den Extras voller Enthusiasmus davon, wie er das Prinzip des „Found Footage“ nutzen kann und wie sehr das doch helfen würde, einen glaubwürdigen Doku-Look zu kreiern. So weit stimmt das ja auch, ist aber mittlerweile ein wirklich alter Hut, der keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor lockt.

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Immerhin muss man Levinson aber zugute halten, dass er als Hollywood-Regisseur alter Schule, sein Handwerk versteht und sich „The Bay“ somit nicht in die uninspirierten Wackelkamera-Filme mit Amateurbesetzung einreiht. Tatsächlich gelingt es ihm ausgezeichnet, die verschiedenen Filmelemente dynamisch zu montieren und die Technik in den Dienst der Erzählung zu stellen und nicht andersherum. Natürlich geht er als großer Geschichtenerzähler dabei nicht konsequent vor, sondern unterlegt Szenen mit Soundeffekten und einem effektiven, zunächst unauffälligen Soundtrack. So entsteht aber nie das Gefühl, tatsächlich „gefundenes Material“ zu sehen, sondern eben „nur“ einen Film. Hier beißen sich dann Form und Inhalt, den Levinson legt den Film gänzlich als „objektive“ Dokumentation der Ereignisse an, weshalb er auf Identifikationsfiguren verzichtet (von der jungen Reporterin einmal abgesehen) und auf einen klassischen Spannungsbogen verzichtet. Die Spannung müsste also vor allem durch die Frage, ob das alles eventuell doch real ist – wie es durch eine clevere Marketing-Kampagne bei „Blair Witch Project“ der Fall war – entstehen. Doch dafür ist „The Bay“ zu gut gemacht und vor allem zu filmisch angelegt.

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Durch diesen Ansatz verliert der Film an Spannung, da die Konsequenzen der Ereignisse und auch das Schicksal einzelner Hauptfiguren vorweggenommen wird. Trotz des pseudodokumentarischen Anspruchs, wird trotzdem auf die üblichen Genre-Versatzstücke und Make-Up-Effekte, die aufgrund des technisch suboptimalen, „gefundenen“ Materials zum Teil sehr echt und ekelig wirken, zurückgegriffen. Etwas aufdringlich, aber absolut verzeihlich, ist der erhobene Zeigefinger mit dem dieser Öko-Thriller immer wieder auf Umweltsünden hinweist und die Katastrophe als vom raffgierigen, skrupellosen Kapitalismus erschaffen aufdeckt. Dass man in diesem Zusammenhang aber wieder – wie einst in „Der weiße Hai“ und zahlreichen Epigonen – den Bürgermeister, der alles vertuschen will, um den Tourismus nicht zu gefährden, als Symbolfigur für die blinde Raffgier aus der Mottenkiste hervorholt, ist vielleicht etwas zu viel. Die Chesapeake Bay gibt es wirklich, und diese Gegend ist berüchtigt dafür, für sein stark belastetes Wasser und die zerstörte Unterwasser-Fauna. Weiß man das, gibt es dem Film eine zusätzliche, realistische Ebene, in Deutschland aber dürfte man Chesapeake Bay allerdings für eine Erfindung des Drehbuchautoren halten.

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Das ambitionierte Drehbuch leidet leider unter einigen Schwächen. Das fängt schon damit an, wo denn bitteschön plötzlich das ganze Filmmaterial herkommen soll, welches ja eigentlich im Anschluss an die Katastrophe von der Regierung eingesammelt wurde. Und wer hat das alles so schön aneinandergeschnitten. Und seit wann werden Skype-Anrufe eigentlich als Film gespeichert? Auch verhalten sich einige Personen zwar genre-konform, aber im richtigen Leben (welches hier ja imitiert werden soll) würde man doch eher die Beine in die Hand nehmen und aus dem Ort verschwinden. Wie z.B. das Ehepaar mit dem Baby, bei dem der Vater noch die entstellten Leichen untersucht, während die Mutter mit der Kamera drauf hält. Man muss allerdings sagen, dass solche Szenen hier weitaus seltener vorkommen, als in vergleichbaren Filmen, und die Figuren häufig einen guten Grund haben, die Kamera nicht aus der Hand zu legen, bzw. wird die Aufgabe, Filmmaterial herzustellen, häufig von Überwachungskameras übernommen.

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Stören einen diese Dinge nicht sonderlich, unterhält „The Bay“ recht spannend, wobei auch die kurze Laufzeit von 85 Minuten hilfreich ist. Man merkt eben, dass hier mit Barry Levinson ein renommierter Profi am Werk war. Neues sollte man allerdings nicht erwarten. Dafür werden in „The Bay“ zu häufig altbekannte Klischees und Rollenbilder wiedergekäut. Und die Found-Footage-Technik gehört nun schon seit Jahren zum langweilig gewordenen Standard-Repertoire kostengünstiger B- und C-Produktionen. Diese überragt „The Bay“ qualitativ allerdings spielend.

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Zur Bildqualität der Koch Media-DVD kann man nicht viel schreiben, da diese aufgrund der Machart des Filmes natürlich stark schwankt und je nach Filmquelle mal mehr, mal weniger schlecht/gut ist. Als Extras gibt es mit dem 11-minütigen „Into the Unknown“ einen Monolog von Levinson über den Film, warum und wie er ihn gemacht hat. Der Trailer liegt auf deutsch und englisch bei, und der Film selber wird per Audiokommentar von Regisseur Barry Levinson begleitet.

 DVD und Blu-Ray kommen am 26. Juli in den Handel.

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