DVD-Rezension: “Die Koch Media Italowestern-Enzyklopädie No. 2″

Von , 30. Juni 2013 00:29

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Kurz nach der häufig verschobenen ersten „Koch Media Italo-Western Enzyklopädie“ folgt nun die zweite Box. Im Vorfeld erhob sich in Fankreisen bereits ein großes Wehklagen, dass die Filme in der Box nicht unbedingt zu den Klassikern und „Must haves“ des Genres gehören würden. Und tatsächlich sind mit „Bleigericht“ und „Vier Teufelskerle“ zwei Vertreter des unteren Durchschnitts in die Enzyklopädie gewandert. Andererseits beibehaltet die Box mit „Der Mann aus Virgina“ aber auch ein melancholisches Meisterwerk, welches durchaus zu den Highlights des Italo-Western gezählt werden kann. Und mit „Die sich in Fetzen schießen“ liegt auch ein interessantes Werk bei, welches nicht nur die Blaupause für einen der ungewöhnlichsten Italo-Western überhaupt (dessen Veröffentlichung leider bis heute noch auf sich warten lässt) darstellt, sondern auch sehr atmosphärisch daherkommt. Insgesamt schwankt die Qualität der hier versammelten Filme nicht so sehr, wie in der ersten Box, auch wenn sie im Durchschnitt vielleicht etwas niedriger liegt.

Bleigericht (Dio li crea… Io li ammazzo!, 1968)

Wells City wird immer wieder von Bankräubern heimgesucht. Der Ältestenrat der Stadt beschließt, dies nicht länger hinzunehmen. Für ein üppiges Gehalt engagiert er den berüchtigten Revolverhelden Slim Corbett (Dean Reed), um den Räubern das Handwerk zu legen. Corbett findet recht schnell heraus, dass der Hintermann der Überfälle im Kreis der Stadtältesten zu finden ist. Doch dann gerät er selber in den Verdacht, mit der Bande unter einer Decke zu stecken.

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Paolo Bianchinis „Bleigericht“ stellt einen seltsamen Hybrid zwischen den klassischen Italo-Western mit US-Touch und den Spaßwestern dar, die zeitgleich mit den ersten Spencer-/Hill-Produktionen losgetreten wurden. Hier wird allerdings noch nicht geprügelt, sondern weiterhin scharf geschossen. Doch die Nonchalance und gute Laune, mit der hier der Held ganze Kohorten über den Haufen ballert, würde bereits gut in einen „Vier Fäuste“-Film passen.

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Dieser Held wird von Dean Reed gespielt, dessen Lebensgeschichte weitaus interessanter ist, als der hier vorliegende Film. Zunächst stieg der in Denver, Colorado, geborene Folk- und Country-Sänger in Südamerika zum Superstar auf und verwies dort selbst einen Elvis Presley auf die Plätze. Der überzeugte Kommunist engagierte sich für die sozialistische Bewegung in Argentinien und Chile und traf Che Guevarra. 1966 tourte er durch die Sowjetunion und nahm dort eine Platte auf. Dann ging er nach Italien, wo er in einigen Italowestern mitspielte. Ende der 60er Jahre zog er dann von Italien in den real existierenden Sozialismus. Er ließ sich in Ost-Berlin nieder und machte als „roter Elvis“ in der DDR Karriere. Anfang der 80er Jahre wurde er dann tot aus dem Zeuthener See in Brandenburg gezogen. Offiziell – und scheinbar auch ganz real – hatte er nach einem heftigen Streit mit seiner deutschen Ehefrau Selbstmord begangen, doch Gerüchte sprachen immer wieder davon, dass er von der Staatssicherheit oder der CIA aus dem Verkehr gezogen worden war. Reeds Lebensgeschichte ist in dem 2007 entstandenen Dokumentarfilm „Der rote Elvis“ von Leopold Grün festgehalten worden.

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1968 ahnte man von der erzählenswerten Zukunft des Herrn Reed aber noch nichts. In „Bleigericht“ (dessen DDR-Fassung angeblich den sowohl passenden – wenn man sich Reeds Babygesicht ansieht – als auch unpassenden Titel „Bleichgesicht“ trug) spielt Reed einen gnadenlosen Killer, Detektiv und Frauenheld. Seine Figur scheint an den damals recht populären „Kommissar X“-Filmen angelehnt. Und tatsächlich werfen sich dem smarten Reed die Damen gleich reihenweise und willenlos zu Füßen. Allerdings ist Reed kein Tony Kendall und somit wirkt sein weiches, kindliches Gesicht mit der blonden Föhnwelle für diese Rolle doch ziemlich unpassend. Immerhin kann er aber seine Athletik unter Beweis stellen und zeigt eindrucksvoll, wie gut er mit dem Colt jonglieren kann.

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Überhaupt zeichnet den Film eine gewisse Verspieltheit aus. Gerne wird mit dem Colt herumwirbelt, merkwürdig maskierte Männer und sogar ein Zwerg treten auf. Es wird gesprungen und getanzt, was mit dem hohen Bodycount und einigen sadistischen Einfällen nicht ganz vereinbar erscheint. Für letztere ist Peter Martell zuständig, der den Schurken gibt. Dies kann an dieser Stelle verraten werden, ohne damit eine große Überraschung zu verderben. Denn von Anfang an lässt Martell die Sau raus und keinen Zweifel daran, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Mit lautem Lachen und irrem Blick schmeißt er sich fast schon ein wenig zu sehr in die Rolle des Don José. Das ist zumindest sein Name in der deutschen Fassung. In der italienischen heißt er Douglas, was zu Verwirrung führt, wenn in den nicht-synchronisierten, ehemals gekürzten Stellen, der DVD die Namen aus der Originalfassung in den Untertiteln auftauchen. Mit seiner schicken grünen Jacke, einem zwergenhaften Helfershelfer und tödlichem Gehstock, wirkt Martell beinahe schon wie die Karikatur eines frühen Bond-Gegners. Martell hat – wie eigentlich alle Darsteller – sichtbar Spaß an seiner Rolle und geht darin voll auf.

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„Bleigericht“ gehört nicht zu den Speerspitzen des Genres, sondern sortiert sich im soliden unteren Mittelfeld ein. Da es ständig irgendwo knallt oder Sprüche geklopft werden, unterhält der Film über seine Spieldauer von 85 Minuten ganz anständig.

Mit den Extras lässt sich Koch Media auch diesmal nicht lumpen. Zunächst gibt es ein interessantes Interview mit Regisseur Paolo Bianchini, bei dem allerdings die abenteuerliche Lebensgeschichte des Dean Reed nur kurz angerissen wird. Da hätte man sich doch etwas mehr Infos gewünscht. Des weiteren wurde wieder der Filmhistoriker Fabio Melelli verpflichtet, der einiges über den Film und seine Einordnung ins Genre erzählen kann. Hier – wie auch bei den anderen Beiträgen von Herrn Melelli in dieser Box – tritt allerdings wieder ein Manko auf, welches bereits in der „Western Unchained“-Reihe und der „Italo-Western Enzyklopädie Vol. 1“ unangenehm aufstieß. Die Untertitel sind derartig gestelzt und umständlich, dass es zum Teil große Mühe macht, den Sinn des Gesagten zu erfassen. Nicht ganz so katastrophal wie bei der „Western Unchained“-Reihe, aber trotzdem sollte man hier einmal den Übersetzer wechseln. Vor allem, da die Untertitel der anderen Extras diese Schwäche nicht aufweisen.

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Der Mann aus Virginia (California, 1977)

Nach dem Bürgerkrieg wollen die, in den Kriegsgefangenenlagern der Nordstaaten inhaftierten, Südstaatler nur noch eins: Nach Hause und neu anfangen. Zu ihnen gehört auch ein Mann, der sich Michael Random nennt (Giuliano Gemma). Zunächst gegen seinen Willen, befreundet er sich mit dem jungen William Preston (Miguel Bosé). Dieser überredet ihn, sich gemeinsam zu Williams Familie durchzuschlagen. So ziehen sie dann zu Fuß durch das vom Bürgerkrieg zerstörte Land. Dabei begegnen sie Bob Whittaker (Raimund Harmsdorf) und seiner Gruppe von Kopfgeldjägern, die gesuchte Südstaatler für ein paar Dollar töten.

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Der Mann aus Virginia“ gehört zu den letzten großen Italo-Western. Daraufhin sollte nur noch „Silbersattel“ (ebenfalls mit Gemma und in der Koch Media „Italo Western“-Reihe erschienen) von Lucio Fulci, sowie einige vereinzelte, kommerziell leider wenig erfolgreiche Lebenszeichen („Die Rache des weißen Indianers“, „Djangos Rückkehr“, „Alles fliegt Dir um die Ohren“) folgen. Und man merkt deutlich, dass der Italo-Western hier an seinem Ende angekommen ist. Traurigkeit, Pessimismus und das schmerzhafte Abschiednehmen von einer glorreichen Vergangenheit, sind die Themen, die den Film durchziehen.

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Besonders in den ersten Szenen, wenn die Südstaatensoldaten im Gefangen-Camp von den Kriegsgewinnlern als Lohnsklaven angeworben werden, oder wenn sie auf dem Heimweg von skrupellosen Kopfgeldjägern für ein paar Dollar niedergemetzelt werden, ist die Luft von Traurigkeit und Resignation erfüllt. Humor findet man hier kaum, ebenso  Hoffnung. Die Farben sind ausgebleicht, der Boden vom Regen zu einer einzigen Matschlandschaft verkommen. Überall herrscht Hass und Misstrauen. Es ist keine schöne Welt, die Michele Lupo – eigentlich auf Komödien abonniert – hier zeigt. Er gibt dem Zuschauer auch nicht viel Anlass zu glauben, die Geschichte hier könnte am Ende irgendwie gut ausgehen. Zur Mitte des Filmes hin baut er dann auch noch einen treffsicheren Magenschwinger ein, nach dem man dann auf wirklich alles gefasst ist.

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Die zweite Hälfte des Filmes beginnt dann aber doch zunächst vorsichtig optimistisch. Aber die Schatten der vorangegangenen Ereignisse liegen trotzdem wie einen schwarzer Schleier über den Szenen. Und so kommt es wie es kommen muss. Zartes Glück zerbricht und der Film kippt in eine Rachegeschichte, welche entfernt an John Fords düsteren „Der schwarze Falke“ erinnert. Wie die legendäre Figur Ethan Edwards, macht sich auch Gemma auf eine Suche, von der man sicher sein kann, dass sie kein Happy End haben wird. Auch wenn der Film nun in konventionellen Bahnen läuft, so unterscheidet sich diese traurige Hoffnungslosigkeit doch deutlich von den Filmen, die noch einige Jahre zuvor entstanden. Insbesondere die Besetzung von Sunny-Boy Giuliano Gemma entpuppt sich dabei als perfekte Wahl, denn er erinnert uns einerseits an die locker-unbeschwerten Zeiten des „alten“ Italo-Westerns, als auch daran, wie sehr sich mittlerweile alles verändert hat.

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Gemmas Gegenspieler wird kraftvoll von Raimund Harmsdorf gegeben. Sein „Rope“ Whittaker ist eine todbringende Naturgewalt, der jegliches Maß für den Wert des Lebens abhanden gekommen ist. Aber auch er wird widersprüchlich gezeigt. Einmal äußert er Gemma gegenüber, dass auch er der Gewalt müde geworden sei, doch gezwungen wird, immer weiter zu machen. Und die Art und Weise, wie er sich mit Gemma befreundet, zeigt ihn durchaus von einer zunächst unerwarteten menschlichen Seite. Aber letztendlich gibt es in dieser trostlosen Welt keine Freundschaften mehr, und das Happy End ist vergiftet. Es zeigt uns zwei innerlich gebrochene Menschen, die keine Ahnung haben, wie es weitergehen könnte.

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Es wäre interessant zu wissen, warum der deutsche Titel die Wurzeln des Hauptcharakters von Kalifornien (im Original heißt Giuliano Gemmas Figur „California“ und dies ist auch der Originaltitel des Filmes) nach Virginia verlegt. Aber das wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben. Hervorzuheben ist noch die großartige Kameraarbeit von Alejandro Ulloa und der moderne, manchmal an Gialli oder die italienischen Horrorfilme der frühen 80er erinnernde, Soundtrack von Gianni Ferrio, der sofort im Gehörgang kleben bleibt. In den Extras befindet sich ein erhellendes Interview mit dem Drehbuchautor Mino Roli und auch Fabio Melelli hat wieder einiges zum Film und seine Entstehungszeit zu sagen.

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Die sich in Fetzen schiessen (Dio non paga il sabato, 1967)

Der Bandit Braddock (Furio Meniconi) steht kurz vor seiner Hinrichtung, da wird er von mehreren Bewaffneten befreit. Gemeinsam mit zwei seiner alten Komplizen, entledigt sich Braddock seiner Helfer. Nach einem Postkutschenüberfall fliehen sie mit der Beute in eine verfallene Geisterstadt. Dort erwartet sie auch schon seine Geliebte Shelley (María Silva). Kurze Zeit später erscheinen eine Frau, Mary (Daniela Igliozzi), und ein Mann namens Benny Hudson (Rodd Dana) in der Stadt. Braddock und seine Spießgesellen glauben, dass Hudson hinter ihnen her ist und foltern ihn. Doch Hudson wird von einer geheimnisvollen alten Frau befreit und schlägt zurück…

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„Der Mann aus Virginia“-Drehbuchautor Mino Roli war auch an „Die sich in Fetzen schiessen“ beteiligt. Wem die Geschichte bekannt vorkommt, der hat sicherlich den Kultfilm „Willkommen in der Hölle“ gesehen, der auf dem gleichen Drehbuch basiert. Tatsächlich sind die Szenenabbfolgen, und sogar manche Einstellungen, mit diesem drei Jahre später von Cesare Canevari gedrehten, psychedelischen Horrortrip identisch. Selbst die Kulisse und Ausstattung scheinen dieselbe zu sein. Inhaltliche Abweichungen zwischen „Die sich in Fetzen schiessen“ und „Willkommen in der Hölle“ sind dann auch nur marginal. Einmal wird der Bandenchef nicht von dem smarten und gut aussehenden Corrado Pani, sondern dem bulligen und bereits deutlich älteren Furio Meniconi gespielt. Auch ist es nicht der Bandenchef, der nach dem Postkutschenüberfall scheinbar erschossen zurück bleibt, sondern seine rechte Hand. Der größte Unterschied ist allerdings das Finale, welches hier im Original weitaus weniger spektakulär und wahnwitzig daherkommt, sondern eher konservativ. Auch hat der Held hier ein normales Schießeisen und keinen tödlichen Bumerang zur Hand.

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Der Amerikaner Rodd Dana (alias „Robert Mark“) spielt diesen Fremden, der in die Hände der Banditen gerät. Leider gehen ihm nicht nur Charisma, sondern auch die mythische Präsenz völlig ab, die Lou Castel im Remake auszeichnet und der Figur die geheimnisvollen Züge eines vom Himmel gesandten, strafenden Engels gab. Rodd Dana gibt den Fremden ausgesprochen bodenständig, traditionell und damit auch etwas langweilig. Maria Silva, die hier dieselbe Rolle spielt, wie die hocherotische Claudia Gravy in „Willkommen in der Hölle“, befindet sich allerdings mit ihrer „Nachfolgerin“ auf Augenhöhe und sorgt für schwitzige Hände. Auch weiß der comicartige Vorspann, der eingängige Titelsong „The Price of Gold“ von Roberto Matano und vor allem die Ausstattung sehr zu gefallen.

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In der, wie gewohnt, informativen Vorstellung des Filmes durch den Filmhistoriker Fabio Melelli wird Regisseur Tanio Boccia als „Ed Wood des Italo-Western“ tituliert. Was, wenn man sich „Die sich in Fetzen schießen“ ansieht, doch stark verwundert. Denn der Film ist kompetent gemacht und schafft es tatsächlich, eine morbid-unheimliche Stimmung zu erzeugen. Interessant auch der ungewöhnliche Ansatz, dass man in der ersten Hälfte mit den, nicht gerade sympathischen, Antagonisten allein gelassen wird und der nominelle Held erst sehr spät auftaucht. Dies dürfte zur Entstehungszeit des Filmes ein Novum gewesen sein.

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Als Extras ist der DVD ein 23-minütiges Interview mit der Darstellerin der Heldin, Daniela Igliozzi – und leider nicht Maria Silva – beigegeben. Diese erzählt hauptsächlich von ihrer Karriere, aber auch von den Dreharbeiten zu „Die sich in Fetzen schiessen“. Ferner gibt es noch das oben erwähnte Essay von und mit Fabio Melelli.

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Vier Teufelskerle (Campa carogna… la taglia cresce, 1973)

Bei einem brutalen Überfall fallen dem Banditenführer Angelo Gonzales (Simon Andreu) reichlich Waffen, Munition und die Tochter (Teresa Gimpera) des Arztes von Fort Apache in die Hände. Die US-Army setzt Captain Chadwell (Stephen Boyd) und seine beiden besten Männer (Howard Ross und Harry Baird) auf die Banditen an. Unfreiwillig unterstützt werden die drei dabei von dem Söldner Aladin (im Original „Corano“, gespielt von Gianni Garko), der die Belohnung für die Ergreifung Angelo Gonzales gerne für sich allein hätte.

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Vier Teufelskerle“ entstand 1973, also zu einer Zeit, in der sich das Genre langsam tot ritt und vom Comedy-Western übernommen wurde. Das merkt man „Vier Teufelskerle“ dann leider auch an. Gleich zu Anfang wird eine lange Prügelei à la Spencer/Hill eingebaut und auch später gibt es immer wieder Klamauk-Einsprengsel, die aber zumTeil seltsam unpassend wirken. Die kalauernden deutsche Synchro tut dann auch ihr Bestes, um den Film endgültig auf die Comedy-Schiene zu bugsieren. Da wird aus der Hauptfigur „Corano“ kurzerhand mal „Aladin“ und auch so manch anderer Figur werden kesse Sprüche in den Mund gelegt.

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Allerdings scheint sich der Film nicht auf die Spaß-Elemente allein verlassen zu wollen und so werden einige harte Szenen eingebaut, die im Blödel-Kontext reichlich zynisch wirken. Da gibt es beispielsweise den von Daniele Vargas gespielten österreichischen Operetten-General mit Napoleon-Fimmel, der in der deutschen Fassung auch schon mal „Äch bin derrr grrrrösste Feldääär allär Zeiten“ schnarrt. Dass gerade diese lächerliche Figur (warum folgen die mexikanischen Revolutionäre/Banditen diesem Kasper überhaupt) kaltblütig eine unschuldige Sympathieträgerin meuchelt, wirkt dann doch irgendwie deplatziert und führt die Mission der „Vier Teufelskerle“ vollends ad absurdum. Vor allem, da dies später mit keiner Silbe mehr erwähnt wird und im Gute-Laune-Ende untergeht.

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Das größte Verbrechen ist es allerdings, die von Gianni Garko mal wieder souverän und mit Augenzwinkern verkörperte Figur des „Corano“ so sträflich zu vernachlässigen. Wie überhaupt mit den „Vier Teufelskerlen“ etwas beliebig umgesprungen wird. Statt Garko, rücken schnell die drei Soldaten in den Vordergrund, die den Auftrag haben, den revolutionären Bandenchef dingfest zu machen. Angeführt werden sie von dem einstmals berühmten Stephen Boyd, der in der Rolle des Messala Charlton Hestons Ben Hur das Leben schwer gemacht hat. Seit diesen Tagen ist Boyd nicht nur erschreckend abgemagert, sondern auch sichtlich gealtert. In den „Vier Teufelskerlen“ trägt er zudem einen gewaltigen Schnauzbart und ein Nest auf dem Kopf, für das er in jeder Armee der Welt unehrenhaft entlassen worden wäre. Ihm zur Seite stehen mit Howard Ross und Harry Baird zwei Veteranen aus der hinteren Reihe. Doch ihre Figuren bleiben mehr oder weniger Statisten. Dass Harry Baird z.B. wohl ein genialer Sprengstoffexperte sein soll, wird den ganzen Film über nicht einmal erwähnt und so wundert man sich (oder auch nicht, weil es sowieso egal ist), dass er am Ende des Filmes mit Sprengstoffkugeln um sich wirft.

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Am Schlimmsten trifft es aber, wie gesagt, Garkos Figur des muslimischen und ständig aus dem Koran (daher sein Name im Original) zitierenden Söldners, die gar nicht mal so uninteressant ist und durchaus Potential hat. Doch anscheinend weiß Regisseur Giuseppe Rosati nicht recht, was er damit anfangen soll. Mal ist Corano ein überlegener, eiskalter Profi, dann benimmt er sich wieder tolpatschig wie der letzte Depp. Einmal wird ihm ein Sonnenschirm-Maschinengewehr untergejubelt, welches sehr viel mehr zu seiner Paraderolle „Sartana“ passen würde. Unnötig zu sagen, dass solch ein Gadget nur einmal Verwendung findet, und dieses Element dann wieder komplett aus dem Film verschwindet.

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Zwar ist in „Vier Teufelskerle“ immer genug los, um den Zuschauer bei der Stange zu halten, aber insgesamt wirkt der Film einfach zu uneinheitlich und zusammengestückelt, um wirklich zu überzeugen. Auch das ständige Bäumchen-wechsel-dich-Spiel mit dem Banditenführer Angelo Gonzales langweilt mit der Zeit etwas. Für Garko war es der letzte Italo-Western, und obwohl er seine Sache innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen recht gut macht, hätte man ihm doch einen kraftvolleren Abschied von dem Genre, welches ihn groß gemacht hat, gewünscht.

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In den Extras gibt es diesmal ein langes Interview mit dem Komponisten der ausgesprochen gelungenen Filmmusik. Insbesondere Garkos Thema pfeift man noch lange vor sich hin und das von Stephen Boyd höchstpersönlich gesungene Lied „The Wind in My Face“ geht einem auch nicht so leicht aus dem Gehörgang. Des weiteren kommt auch ein letztes Mal Fabio Melelli zu Wort und muss gegen suboptimale Untertitel kämpfen. „Vier Teufelskerle“ ist der schwächste Streifen in der Box, aber immerhin kein (wenn auch interessanter) Totalausfall, wie „Roy Colt und Winchester Jack“ in der ersten „Italo Western Enzyklopädie“.

Eine Antwort für “DVD-Rezension: “Die Koch Media Italowestern-Enzyklopädie No. 2″”

  1. Es wäre interessant zu wissen, warum der deutsche Titel die Wurzeln des Hauptcharakters von Kalifornien (im Original heißt Giuliano Gemmas Figur „California“ und dies ist auch der Originaltitel des Filmes) nach Virginia verlegt. Aber das wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben.

    Vielleicht wollte man sich an die Figur des Virginian anhängen, eine der Hauptfiguren in DIE LEUTE VON DER SHILOH RANCH (im Original THE VIRGINIAN). Die Serie lief in den 70er Jahren erfolgreich im ZDF als Konkurrenz zu BONANZA.

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