DVD-Rezension: „Henry – Portrait of a Serial Killer“

Von , 4. November 2012 21:25

Henry (Michael Rooker) ist ein Serienmörder. Er fährt durch das Land und tötet wahllos. Zusammen mit seinem alten Knastbruder Otis (Tom Towles) wohnt er in einer kleinen Wohnung in Chicago. Eines Tages zieht Otis Schwester Becky (Tracy Arnold) bei ihnen ein. Becky ist fasziniert von dem stillen, schweigsamen Henry. Sie ahnt nicht, was hinter dessen gutaussehender Fassade vor sich geht.

Als „Henry – Portrait of a Serial-Killer“ im Jahre 1990, nach drei Jahren im Regal der Produktionsfirma und einem Jahr im Festival-Zirkus, endlich ins Kino kam, löste er einen Schock aus. In unbehauenen, fast dokumentarisch anmutenden Bildern musste man den Taten des titelgebenden Henry zusehen, für den das Töten so normal ist, wie sich im Geschäft um die Ecke, einen Schokoriegel zu kaufen. Dabei ist der Film – bis auf wenige Ausnahmen – nicht besonders explizit. Aber die Bilder der Opfer, unterlegt mit einer verstörenden Tonspur auf denen verzerrt ihr Todeskampf zu hören ist, macht das Zusehen schwer erträglich. Henry ist kein Monster wie Freddy oder Jason. Er ist der unscheinbare Mann von nebenan. Ein nicht mal unsympathischer, gutaussehender Typ – aber innen drin ein Fleischwolf auf zwei Beinen. Immer bereit in der nächsten Sekunde einen weiteren, bestialischen Mord zu begehen. Gerade dies macht „Henry“ so unangenehm. Er zieht einem die Sicherheit unter den Füßen weg. Normalerweise sehen Killer in Filmen auch wie Killer aus. Dadurch entsteht eine Barriere zwischen ihnen und dem Publikum. Bei Henry ist das anders. Henry könnte auch der Typ, der neben Dir im Kino sitzt, sein und Du sein nächstes Opfer.

Verstärkt wird diese Wirkung noch durch die Figur des Otis. Otis ist ein Proll, wie er im Buche steht und man sieht ihm deutlich an, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Er ist nicht nur äußerlich ein eher unangenehmer, ungepflegter Zeitgenosse, sondern er benimmt sich auch so, wie man es von solch einer Type erwartet. Mit Otis würde man kein Bier trinken gehen und träfe man ihn auf der Straße, würde man darüber nachdenken, die Seite zu wechseln. Nicht so bei Henry. Henry wirkt demgegenüber vollkommen normal, was es für das Publikum noch weitaus unheimlicher und verstörender macht. Man erkennt das Böse nicht mehr, es kann überall sein.

Durch seine ruhige Art, die im krassen Gegensatz zu Otis‘ aufbrausendem Temperament steht, wirkt Henry im Vergleich fast schon sympathisch. Man ist unwillkürlich auf seiner Seite, auch weil der Film keine andere Alternative anbietet. Da ist noch Becky, aber durch ihre naive Art taugt auch sie nicht zur Identifikation. Becky ist auch deutlich als Opfer stigmatisiert, und wer will sich schon mit einem Opfer identifizieren? Nein, der stille, aber höchst charismatische Henry ist es, der uns durch die Geschichte führt. Und gerade darum wirkt die Brutalität und Beiläufigkeit seiner Taten so grenzenlos schockierend. Man lechzt förmlich danach, dass der böse Henry sich besinnt und vielleicht die Liebe seinen Taten ein Ende setzt. Dass Regisseur John McNaughton einem diesen Ausweg verweigert, deprimiert einerseits und macht andererseits Angst. Henry könnte überall und jeder sein. Was kann ihn aufhalten? Nach diesem Film sieht man seine Umwelt mit anderen Augen und dürfte ein ganzes Stück paranoider sein.

Getragen wird McNaughtons Spielfilmdebüt durch eine überzeugende Darsteller-Riege. Allen voran Michael Rooker, der später auf die Rolle des besten Kumpels des Helden abonniert war. Während der Zeit, in der „Henry“ noch auf eine Veröffentlichung wartete, kursierten bereits Filmausschnitte mit Rooker, welche ihm die Türen zu größeren Rollen in größeren Filmen öffneten. Rooker verschmilzt so sehr mit Henry, dass man Mühe hat, den „Henry“ aus dem Kopf zu bekommen, wenn man ihn einmal in anderen Rollen sieht. Er spielt Henry nicht nur, er ist Henry. Auch Tom Towles in der Rolle des Otis weiß zu gefallen, auch wenn seine Psychopathen-Rolle etwas konservativer angelegt ist und Towles dem Affen ordentlich Zucker gibt. Doch er schafft es, dieser irgendwo auch komischen Figur so viel Schmierigkeit und dumpfes Proletentum zu verpassen, dass man sich unangenehm dabei fühlt, ihm zuzusehen. Tracy Arnold als Becky kann ebenfalls vollends überzeugen. Mit ihrer zögerlichen Haltung, der Flucht vor Verantwortung und dem naiven Glauben, dass alles gut wird, gibt sie ein glaubwürdiges Portrait eines „White Trash“-Girl, bei dem Gewalt in der Familie an der Tagesordnung ist und die trotzdem (oder gerade deswegen) immer wieder zu den falschen Männern Vertrauen fasst.

„Henry“ zeichnet ein düsteres, trostloses Bild einer Welt, in der es kein Regulativ gibt (Polizei oder sonstige Ordnungskräfte sucht man vergeblich). Eine Welt aus den Fugen, ohne Moral, in der der Tod blitzschnell und brutal um die Ecke kommen kann und niemand etwas dagegen tun kann. Wo jeder Schritt vor die Tür bedeutet, dass ein Irrer einen ins Visier nehmen kann und auch das eigene Heim keine Sicherheit mehr bietet. Eine Welt ohne Hoffnung, die einerseits wie ein böser Traum, andererseits aber auch sehr real wirkt.

Mit „Henry – Portrait of a Serial-Killer“ ist John McNaughton ein erschreckendes Debüt gelungen, welches, getragen durch starke Schauspieler und einem dreckig-realistischen, manchmal fast dokumentarischen Look, eine brutale Welt ohne jegliche Hoffnung zeigt. Obwohl die Gewalt häufig nur im Off oder aus der Distanz gezeigt wird, geht jede dieser Szenen doch unter die Haut. Unterstützt von einem eindringlichen Sounddesign ist „Henry“ ein gnadenloser Albtraum, den man mit offenen Augen erlebt.

Die Doppel-DVD von Bildstörung ist eine wahre Offenbarung. Hier bleiben keine Wünsche offen, die Edition ist vollgestopft mit interessanten Extras (die das Bonusmaterial der US-amerikanischen Veröffentlichung von MPI/Dark Sky und der britischen von Optimum zusammenfassen) und dürfte als die beste Veröffentlichung dieses Filmes weltweit gelten. Das Bild (in 4:3) ist dem Thema des Filmes angemessen unschön, was aber die Intention des Regisseurs war. Der Look ist rau und blass, und wurde nicht künstlich aufgehübscht, wofür man Bildstörung nur dankbar sein kann.

Die Extras erschlagen einen förmlich: Da ist zunächst ein höchst informatives 53-minütiges „Making Of“, das alle Aspekte der Produktion und der Rezeption des Filmes abdeckt. Zwei lange, zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommene Interviews mit John McNaughton (30 und 22 Minuten) ergänzen dieses perfekt. Deleted Scenes und Outtakes (20 Minuten) lassen den interessierten Zuschauer einen noch tieferen Blick in den Film und ursprüngliche Intentionen (wie die homoerotische Beziehung zwischen Otis und Henry, welche für den fertigen Film fallen gelassen wurde) werfen. Um Henrys Vorbild im wahren Leben, Henry Lee Lucas, geht es in einer etwas älteren Dokumentation von 1995 für das US-Fernsehen (26 Minuten). Des Weiteren gibt es noch ein Featurette über die britische Zensurgeschichte des Filmes (15 Minuten), Storyboards (5 Minuten) und einen Audiokommentar von John McNaughton. Nicht unerwähnt bleiben soll auch das – mal wieder – umfangreiche, 23-seitige Booklet, welches einen Beitrag von Stefan Höltgen (ein Auszug aus seinem Buch „Schnittstellen – Serienmord im Film“), die Akte aus dem deutschen Indizierungsverfahren von 1994 und das Schreiben mit der Begründung der Listenstreichung von 2012 enthält. Die Limited Edition enthält darüber hinaus noch eine CD (22 Tracks, 45:30 Minuten) mit dem intensiven, manchmal an John Carpenter erinnernden Soundtrack. Mit anderen Worten: Die perfekte Veröffentlichung! Ich ziehe meinen Hut vor dem Label „Bildstörung“!

Eine Antwort für “DVD-Rezension: „Henry – Portrait of a Serial Killer“”

  1. Schade sagt:

    Ich finde Henry überhaupt nicht attraktiv. Nur weil ein Mann glattrasiert ist, macht ihn das noch lange nicht schön. Marco Koch scheint nach dem naiven Denkmuster „rasiert = attraktiv & sympathisch, Gesichtsbehaarung = böse & hässlich“ zu leben.

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