DVD-Rezension: “La Soga – Unschuldig geboren”

Der kleine Luisito, Sohn des örtlichen Metzgers, wird Zeuge, wie sein Vater bei einem Streit mit Gangstern umgebracht wird. Jahre später gehört Luisito inoffiziell zu einer Polizei-Einheit, die dem General Colon unterstellt ist. Diese geht mit aller Härte und weit jenseits der Grenzen der Legalität gegen Straßengangs und Drogendealer vor. Wer immer auf der „Todesliste“ des Generals steht, wird von „La Soga“, wie Luisito nun genannt wird, liquidiert. Doch eines Tages muss „La Soga“ erkennen, dass er das Böse nicht nur bekämpft, sondern ihm auch dient…

Filme aus der Dominikanischen Republik sieht man ja nicht so häufig in Deutschland. Höchstens einmal auf Festivals, aber dann auch keine Actionfilme, sondern eher Sozialdramen. Von daher ist es fast schon ein kleines Wunder, dass Sun Entertainment „La Soga – Unschuldig geboren“ hier auf DVD und BluRay veröffentlicht hat. Wobei man nur bedingt von einem rein dominikanischen Film sprechen kann. Hauptdarsteller und Drehbuchautor Manny Perez ist zwar in der Dominikanischen Republik geboren, arbeitet aber schon seit vielen Jahren in den USA. Dort hat er häufig mit dem Produzenten Josh Crook kooperiert, der bei „La Soga“ auf dem Regie-Sessel Platz nahm. Sicherlich hatte die Entscheidung, einen Film in der Dominikanischen Republik zu drehen, auch finanzielle Hintergründe, da für „La Soga“ sicherlich nicht das Budget zur Verfügung stand, nach dem der fertige Film aussieht.

Andererseits erzählt Autor Manny Perez so liebevoll detailliert über das Leben in seinem Geburtsland, dass der Gedanke nahe liegt, dass er sich hier einen Herzenswunsch erfüllt hat. Angeblich soll „La Soga“ auf einer wahren Geschichte beruhen, was durchaus glaubwürdig ist. Regisseur Josh Crook findet auch genau die richtigen Bilder, um seinem Film einen realistischen Anstrich zu geben. Es wurde augenscheinlich direkt vor Ort in den Elendsvierteln gedreht. Auch kleine Details, wie die ärmliche Hütte von Luisito aka „La Soga“ wirken echt und authentisch.

Josh Crook hat aber auch den Schnitt des Filmes übernommen, und das hätte er dann doch jemand Anderem überlassen sollen. Gerade im ersten Drittel sieht der Film aus, als hätte ihn ein Filmstudent im ersten Semester in den Fingern gehabt. Viel zu viel unnötige Schnitte, die auf völlig unnötige Weise zu massiven Anschlussfehlern führen. Wenn sich eine Figur von Punkt A nach Punkt B bewegt, wird sie erst in der Totalen von vorn, dann Halbtotalen rechts, Halbtotalen links, Halbtotale von vorne, Totale von hinten usw. gezeigt. Ist man erst einmal auf diese Manierismen aufmerksam geworden, fangen sie schnell an zu nerven. Auch stopft Josh Crook den Film anfangs mit vielen überflüssigen Füll-Einstellungen aus. In der Folge hat er sich dann aber immer besser im Griff. Oder der Zuschauer vergisst darauf zu achten, denn die Geschichte zieht einen mit zunehmender Spielzeit immer mehr in den Bann.

Das liegt vor allem an Hauptdarsteller Manny Perez, der La Soga mit Leben ausfüllt. Perez bringt genau die richtige Mischung aus kindlicher Güte und eiskalter Professionalität mit, die die Rolle verlangt. Vergleiche zu Jean Renos legendärer Darstellung des „Leon“ liegen durchaus nahe. La Soga ist ein komplexer Charakter, den Perez in seinem Drehbuch geradezu liebevoll gezeichnet hat. Als Sohn eines Schlachters tötet er emotionslos seine Ware, ist aber selber Vegetarier und hält sich einen Stall mit Ferkeln als Haustiere. Er tötet eiskalt alle, die auf seiner „Todesliste“ stehen, aber weigert sich, einen offensichtlich Kriminellen einfach so hinzurichten. Seine stärkste Szene hat Perez, wenn er dabei zusieht, wie eins seiner potentiellen Opfer mit seinem Sohn spielt. Wie es ihn hin und her reißt und man sieht, dass hinter seinen Augen die Erinnerungen an die eigene Kindheit und den geliebten Vater aufsteigen, dann tut das beim Zusehen beinah weh.

Man hegt recht schnell tiefe Sympathien für diesen merkwürdigen Mann, der als Kind unfreiwillig zur Killermaschine gemacht wurde. Der davon überzeugt sein will, das Richtige zu tun und seine Augen davor verschließt, in was für einer korrupten Welt er lebt, und dass die Leute, die für ihn Familienersatz sind, auch nicht besser sind als die, die er schonungslos bekämpft. Wenn er dies alles dann erkennt und den Spieß wieder umdrehen will, spürt man, dass er nun in sein Verderben läuft und diese Geschichte einfach nicht gut ausgehen kann. Dass dieser sympathische Bursche keine Chance hat – weder davonzukommen, noch das System zu ändern – schmerzt.

Leider hat so wohl auch Manny Perez gedacht, als er das Drehbuch schrieb. Das schrecklich inkonsequente, ja lächerliche, Ende ist dermaßen ärgerlich, dass man fast geneigt ist, alles, was einem zuvor an „La Soga“ gefallen hat, zu vergessen und den Film in die Mülltonne zu werfen. Auch die dick aufgetragene patriotische Botschaft am Ende ist schlichtweg ganz großer Mist und betrügt die Kernaussage der Geschichte, die sich gegen das durch und durch korrupte System in der Dominikanischen Republik richtet. Das ist sehr schade.

Natürlich ist „La Soga“ auch sonst bei weitem kein Meisterwerk. Neben den angesprochenen Fehlern gibt es viel zu viele Ungereimtheiten. Z.B. erschießt La Soga  vor laufender Kamera einen Wehrlosen, was aber keinerlei Konsequenzen hat. Aber trotzdem: Der Film ist durchweg sympathisch, liefert einen Einblick in die dominikanische Gesellschaft und prangert auf effektive Weise die Korruption dort an – auch wenn am Ende dann doch der Schwanz eingekniffen wird.

Trotz aller Fehler ist „La Soga“ aber ein sehenswerter Film mit einem starken Hauptdarsteller.

Die DVD von Sun Entertainment liefert ein gutes Bild (eventuelle Schwächen liegen bei dieser Low-Budget-Produktion am Ausgangsmaterial) und guten Ton. Als Extras gibt es leider nur den Trailer. Schade, denn hier wären nähere Hintergrundinformationen zum Dreh in der Dominikanischen Republik, sowie den Motivationen von Hauptdarsteller und Drehbuchautor Manny Perez, sicherlich sehr spannend gewesen.

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