DVD-Rezension: “Shame“

Brandon ist gutaussehender Mittdreißiger mit einem guten Job in New York. Er weiß, wie man bei Frauen landet und macht davon auch reichlich Gebrauch. Brandon ist sexsüchtig. Hat er mal keinen One-Night-Stand, dann bestellt er sich Prostituierte oder sieht sich Pornos im Internet an. Als eines Tages seine Schwester, die emotional labile Sängerin Sissy, vor der Tür steht und ein paar Tage in seiner Wohnung bleiben möchte, beginnt Brandon die Kontrolle über sein perfekt getaktetes Leben zu verlieren…

Nach dem großen Erfolg des Gefängnisdramas „Hunger“ ist „Shame“ nun bereits die zweite Kollaboration des britischen Regisseurs Steve McQueen und des in Heidelberg geborenen Deutsch-Iren Michael Fassbender. Wieder ist es eine Geschichte über Extreme, die den Schauspieler Fassbender – nachdem er sich für „Hunger“ bis auf die Knochen abmagerte – wieder psychisch und physisch fordert.

„Hunger“ war der große Durchbruch Fassbenders, der ihm die Türen zu Großproduktionen wie „Inglourious Basterds“, „X-Men: First Class“ oder – aktuell im Kino – „Prometheus“ aufstieß. In „Shame“ spielt er einen Sexsüchtigen. Und was McQueen hier seinem Darsteller abverlangt, ist – wie gesagt – extrem. Nicht nur körperlich zeigt sich Fassbender nackt, er offenbart auch seine Seele. Bis in die tiefsten Abgründe seiner Figur lässt er den Zuschauer blicken. Oftmals vergisst man, dass man hier „nur“ einem Schauspieler zusieht, so natürlich, kontrolliert und ungeniert zeigt sich Fassbender dem Publikum.

Auf den reißerischen Zitaten auf dem Cover wird „Shame“ mit „American Psycho“ verglichen und dieser Vergleich ist gar nicht so weit hergeholt. Ähnlich wie Patrick Bateman, lebt auch Brandon ein leeres Leben. Und wie Bateman, hat auch er sich ein Ventil für seine Begierden geschaffen, die jeden seiner Gedanken, jeden seiner Pläne, jede seiner Handlungen bestimmen. Zwar bringt Brandon niemanden um, aber die Art und Weise, wie er seine „Opfer“ aussucht und ihnen Fallen stellt, hat schon etwas von einem Serienkiller. Auch Brandon hat sein System über die Jahre perfektioniert. Dies wird am deutlichsten, wenn er mit seinem Chef loszieht, der in der Manier eines Schmalspur-Casanovas versucht, mit billigen Sprüchen attraktive Frauen aufzureißen. Brandon beobachtet dieses Spiel mit einem amüsierten, siegesgewissen Lächeln. Er weiß, sein Boss hat keine Chance. Und tatsächlich ist er es, der wenig später Sex mit einer der Auserkorenen hat, während sein Boss schon allein auf dem Weg zu seiner Familie ist.

Auch für die Zeit zwischen seinen One-Night-Stands und den Prostituierten hat Brandon minutiös geplant. Der Laptop mit den Pornoseiten, die Mastrubationsrituale am Morgen und im Büro. All dies geschieht mechanisch ohne jegliche Leidenschaft. Brandon ist ein Getriebener seiner Sucht, der keine Lust, sondern nur noch Befriedigung erfahren kann. Als dann einmal echte Gefühle dazwischen kommen, und er tatsächlich mal so etwas wie Sympathie für einen Mitmenschen entwickelt, muss er zwangsläufig versagen. Diese Situation überfordert ihn dann derartig, das sie zu einem sexuellen Amoklauf führt, bei dem er mehr zu verlieren droht, als nur seine Potenz.

Brandons sorgfältig auf seine Sucht ausgelegtes Leben erfährt einen radikalen Schock, als sich seine Schwester Sissy – äußert lebendig und explosiv von Carey Mulligan gespielt, die auch gerade in „Drive“ eine hervorragende Figur macht – bei ihm einquartiert. Sie ist das genaue Gegenteil des kühl berechnenden und gefühlskalten Brandon. Sissy ist impulsiv, hoch emotional und dabei doch genauso verloren wie er. Während Brandon alles tut, um seine Umwelt an seiner äußeren Schale abprallen zu lassen, sucht Sissy ständig den Kontakt zu ihren Mitmenschen, um ihnen ihr Innerstes zu offenbaren. Damit stellt sie für Brandons Welt eine Gefahr dar. Durch sie kommen die Menschen zu nah an ihn heran.

Einmal stimmt Sissy in einer wunderbaren, in Echtzeit und ohne große Schnitte gedrehten, Szene, in einer Edel-Lounge eine sehr langsame, jazzig und höchst gefühlvolle Version von „New York, New York“ an. Man sieht wie unangenehm es Brandon ist, mit den Gefühlen dieses ihm nahestehenden Menschen konfrontiert zu werden. Er windet sich und möchte am liebsten davon laufen. Als Sissy sich dann noch von den plumpen Verführungsversuchen seines Chefs beeindrucken lässt und in Brandons Wohnung mit diesem schläft, bricht seine Welt ein Stück weit zusammen. Doch wieder sucht er nicht die Konfrontation, sondern läuft lieber einsam durch die Nacht (wieder eine eindrucksvoll gefilmte Szene). Anders kann er seinen Gefühlen, seiner Wut, seiner Enttäuschung keinen Ausdruck verleihen. Brandon ist ganz Körper, was in ihm brodelt, lässt er auch nur durch seinen Körper hinaus. Die Kamera unterstützt diese abweisende Einsamkeit. Die Bilder sind grün-bläulich, kalt. Auch Brandons Wohnung ist karg bis auf die wenigen Accessoires seiner Ablenkung. Seinen Fernseher, die Plattensammlung und natürlich der immer griffbereite Laptop.

Für einen Film, der viel nacktes Fleisch und wüsten Sex zeigt, ist er merkwürdig unerotisch. Sex ist nur eine automatisierte Handlung, wie Bügeln oder Kaffeekochen. Die einzige Ausnahme ist die Szene zwischen Brandon und seiner Arbeitskollegin, für die er vorsichtige Gefühle hegt. Diese endet für ihn in einer gewaltigen Frustration, die einen wahrhaft selbstzerstörerischen Sex-Amoklauf nach sich zieht. Hier zeigt sich überdeutlich die Botschaft des Filmes: Ohne Liebe und Zuneigung kannst Du kein glücklicher Mensch sein. Hab den Mut, Dich Deinen Gefühlen zu stellen.

Mit „Shame“ ist Steve McQueen nach „Hunger“ ein weiterer großer Wurf gelungen, der nicht nur technisch überzeugt, sondern auch von einem grandiosen Schauspielerensemble (allen voran Fassbender und Mulligan) getragen wird. Man darf gespannt sein, was sein nächster Film „Twelve Years a Slave“ bringen wird, der von einem Mann handelt, der im 18. Jahrhundert in New York gekidnappt wird und sich auf einer Sklavenfarm im Süden wiederfindet. Fassbender ist auf jeden Fall wieder an Bord.

Leider kann ich die DVD von Prokino wieder nicht richtig besprechen, da mir nur ein Pressemuster  mit reduzierter Bild- und Tonqualität vorliegt, bei dem das Bild zusätzlich noch links durch ein riesiges Prokino-Logo und rechts durch einen gewaltigen Timecode-Balken verunziert ist (darum diesmal auch keine Screenshots, sondern nur offizielle Pressebilder). Ich hoffe aber, dass sich die Tonabmischung beim finalen Produkt noch verbessert, denn die Musik ist gegenüber den Dialogen viel zu laut abgemischt. Als Extras gibt es zwei ultrakurze Interview-Vignetten (3:13 und 2:34 Minuten), die in dieser kurzen Zeit natürlich keinen wirklichen Erkenntnisgewinn bringen können und daher, meiner Meinung nach, überflüssig sind. Allerdings kann man hier kurz den O-Ton hören (die Presse-DVD hatte nur deutschen Ton) und dieser ist unbedingt vorzuziehen. Allein schon wegen Carey Mulligans toller rauchig-rauer Stimme.

Die DVD und BluRay sind ab dem 13. September im Handel erhältlich.

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