DVD-Rezension: “Faust”

Von , 1. Juli 2012 15:22

Dr. Heinrich Faust ist auf der Suche nach Wissen und der Seele des Menschen, von der er allerdings mittlerweile überzeugt ist, dass sie nicht existiert. Ebenso wie Gott. Frustriert von der ihm zu engen Welt und geplagt von Geldsorgen, will er sich vergiften. Doch da durchkreuzt ein geheimnisvoller Wucherer seine Pläne, der ihm im Austausch für seine Seele zu Diensten sein will.

Aleksandr Sokurov ist einer der bedeutendsten gegenwärtigen Regisseure Russlands. In seiner seit Ende der 70er Jahre andauernden Karriere ist er bei uns vor allem durch sein Experiment „Russian Arc“ von 2002 bekannt geworden. Sein 90-minütiger Film besteht aus einer einzigen Plansequenz. In den letzten Jahren arbeitete er an seiner sogenannten „Macht“-Tetralogie, dessen Abschluss nun die Literaturverfilmung „Faust“ darstellt.

Wobei man hier mit dem Prädikat „Literaturverfilmung“ vorsichtig umgehen sollte. Wer eine wort- und szenengetreue Adaption von Goethes Meisterwerk erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Denn Sokurov adoptiert das Stück nicht, sondern interpretiert es ganz nach seinen eigenen Vorstellungen. Es tauchen zwar die bekannten Figuren auf, wie Wagner und Gretchen, und auch der Faden der Geschichte hangelt sich an der Goethe’schen Geschichte entlang, aber Sokurov nimmt sich sehr viele inhaltliche Freiheiten, um seine Vision einer faust‘schen Geschichte auf die Leinwand zu bannen. Dabei bringt er auch Motive aus dem – leider weniger bekannten und gespielten – epischen zweiten Teil der Tragödie mit ein (z.B. Wagner und sein Homunculus).

Optisch überrascht der Film zunächst durch die Entscheidung Sokurovs, den Film ganz klassisch im Seitenverhältnis 1:1,33 zu drehen. Dieses bis in die 60er Jahr als Standard genutzte Format wird heute fast gar nicht mehr verwendet. Sokurov unterstreicht dieses „Altmodische“ noch dadurch, dass die Ecken des Bildes leicht abgerundet sind, wie man es von Super8 oder Stummfilmen kennt. Will Sokurov hier eine Brücke zu Murnaus fantastischer „Faust“-Verfilmung (die allerdings auf der deutschen Sage, nicht auf Goethes Stück beruhte) von 1926 schlagen? Verwendet er ein „klassisches“ Format für einen klassischen Stoff? Wahrscheinlicher ist, dass er dieses Stilmittel benutzte, um eine gewisse Enge zu erzeugen. Denn die Enge des Raumes und der Welt in der Heinrich Faust lebt, wird immer wieder thematisiert. Sei es durch Menschenmassen, die sich durch einen schmalen Tunnel drängen müssen oder in Dialogen, in denen Faust immer wieder betont, dass ihm diese Welt zu eng ist. Eine hübsche Metapher für das Suchen nach Erkenntnis und Wissen über die Grenzen der eigenen, kleinen Welt und über das Sichtbare hinaus. Dieses Streben ist ja letztendlich in diesem Film auch Fausts innerer Antrieb, der ihn zum Pakt mit dem Teufel Mephistopheles verführt.

Mit seinem Symbolismus übertreibt es Sokurov aber auch gerne mal. Wenn z.B. Fausts Vater, ein Arzt, in der Vagina einer älteren Patientin ein Ei findet, welches diese inbrünstig verspeist, so ist dies schon etwas dick aufgetragen. Leider muss man Sokurov für seinen ganzen Film unterstellen, dass er dazu neigt, ihn mit Symbolen und Metaphern förmlich zuzukleistern. Einige gute Ideen, wie das Verzerren des Bildes, wenn die bösen Mächte ins Spiel kommen und Fausts Sinne und Verstand ebenfalls verzerren werden. Leider wird diese im Grunde feine Idee immer und immer gebracht, was schnell zu Abnutzungserscheinungen führt. Die durchaus beeindruckenden Bilder des Films erscheinen oftmals vollgestopft mit Ideen und Details zu sein, was einerseits die oben angesprochene Enge unterstreicht, andererseits den Film aber auch völlig überfrachtet.

Auch in seinen Themen scheint es bei Sokurov keine wirkliche Konstanz zu geben. Es wird förmlich von Idee zu Idee, Interpretationsansatz zu Interpretationsansatz gesprungen, ohne das ein wirklicher roter Faden sichtbar wird. Dementsprechend wirkt dann auch das Finale, welches mit Goethe nun gar nichts mehr zu tun hat, konstruiert und nicht unbedingt stimmig.

Im Großen und Ganzen wirkt der Film wie die Inszenierung des Theaterstückes durch einen typischen Vertreter des berühmt-berüchtigten Regie-Theaters. Nur, dass statt auf einer leeren, schwarzen Bühne, die Figuren hier in einer wunderbar gestalteten und liebevoll ausgestatteten realistischen Kulisse agieren. Dennoch benehmen sie sich in keinster Weise natürlich, sondern spielen weiterhin Theater. Mit all den kleinen Ticks und Irritationen, die man aus modernen Aufführungen kennt. So wälzen sich Mephistopheles und Faust auf dem Bett und tasten sich ab, während sie ihren Text deklamieren. Das kann bei einer Laufzeit von über 2 Stunden hier und dort nervig, im besten Falle langweilig wirken. Vor allem, wenn man keine Motivation hinter dieser Art der Inszenierung erkenne kann, außer den Ursprung des Stoffes als Theaterstück zu betonen.

Der Film wurde auf Deutsch mit deutschen und österreichischen Schauspielern gedreht. Lediglich Mephistopheles (der Russe Anton Adasinsky) und Fausts Vater (der Isländer Sigurður Skúlason) werden von nicht-deutschsprechenden Schauspielern dargestellt und nachsynchronisiert. Ob es eine glückliche Entscheidung war, als Stimme Mephistopheles‘ Santiago Ziemer zu engagieren, die deutsche Synchronstimme von Steve Urkel und SpongeBob, mag jeder für sich selber entscheiden. Ich fand die Wahl ausgesprochen unglücklich, da sie einerseits viel zu jung klingt und man andererseits unweigerlich diese beiden Figuren vor Augen hat. Mephistopheles heißt in Sokurovs Version Maurizius. Er wird von Anton Adasinsky gespielt, der von Beruf eigentlich Clown ist. Was man in einigen Szenen leider auch deutlich merkt, weil sein Mephistopheles hier weniger diabolisch, sondern eher lächerlich anlegt ist.

Dabei bringt Adasinsky genau die richtige Physionomie für eine diabolische Rolle mit. Sein Gesicht ist ausgemergelt, die großen Augen pechschwarz und das Haar hängt schüttern über dem fast kahlen Schädel. Trotzdem setzt Sokurov noch einen drauf, indem er Adasinsky in einen unförmigen Bodysuit steckt und ihn sich in einer Szene in einem Wäschereihaus entkleiden lässt. Zur Schau gestellt wird dabei ein entstellter Körper ohne Genitalien, aber mit kleinem Schweineschwanz. Nein, ein charismatischer Verführer ist dieser Mephistopheles wahrlich nicht. Seine Versprechen nach Geld und Macht sind es, die ihn, den deformierten Kretin, der sich auch gerne mal vor der Kirche erleichtert, für seine Mitmenschen – wie die Frauen in dieser Wäschereiszene -, begehrenswert machen. Das kann man so natürlich inszenieren, es wirkt aber, wie so vieles andere auch, einfach zu direkt und unelegant.

Ebenfalls unverkennbar ist, dass Sokurov Mephistopheles platt mit dem Kapitalismus gleichsetzt, welcher die Macht über die Welt besitzt und die Menschen verführt. Dies wird nicht nur dadurch überdeutlich, dass er aus dem Teufel einen Pfandleiher und Wucherer gemacht hat, sondern auch zur stereotypen Karikatur eines jüdischen Kaufmanns. Auch hier gilt: Das feine Schnitzmesser wäre angebrachter gewesen als die Axt.

Nahezu jede Figur steht symbolisch für etwas und wird dadurch in ein Korsett gepresst, welches eine Charakterentwicklung – wie sie im Stück durchaus gegeben ist – nicht zulässt. Zudem stellt sich ein gewisses Gefühl der Bevormundung durch den Regisseur ein.

Eine Begründung hierfür liefert vielleicht das aufschlusseiche 3SAT-Interview, welches sich als Extra auf der DVD befindet. Hier erklärt Sokurov, dass er den Film gegenüber der Literatur als weit unterlegen empfindet. Vielleicht rührt hierher der Drang, den Zuschauer permanent auf die eigenen Symbolismen und Metaphern zu stoßen.

Über die schauspielerischen Leistungen kann man streiten, da sie bewusst theatralisch und damit „gekünstelt“ angelegt sind.

Aller Kritik zum Trotz muss aber festgehalten werden, dass Sukurow einen genialen Kameramann (Bruno Delbonnel, “Die fabelhafte Welt der Amélie“, „Harry Potter und der Halbblutprinz“) zur Hand hatte, der es versteht, wunderschöne, sich ins Gedächtnis des Zuschauers grabende, Bilder zu erschaffen. Die Art und Weise wie er Gretchen (die aus vielen deutschen TV-Produktionen bekannte Isolda Dychauk) in überirdischer Schönheit während der Verführungsszenen mit Faust einfängt, sind atemberaubend schön.

An der DVD von Ascot Elite gibt es nicht viel auszusetzten. Das Bild ist überzeugend und dankenswerterweise im Originalformat von 1:1,33 belassen. Nur der Ton weiß nicht gänzlich zu gefallen. Er ist in den Dialogen viel zu leise, bzw. dann in den wenigen Szenen mit Geräuscheffekten wiederum viel zu laut. Außer der originalen deutschen Tonspur werden keine anderen angeboten, ebenso sind Untertitel Fehlanzeige. Als Extras gibt es einige Impressionen vom Dreh (6:33 Minuten) und das schon oben erwähnte, hochspannende Interview (7:10 Minuten) mit Sokurov, bei dem das 3SAT-Logo noch oben links ins Bild ragt. Sokurov gibt einige Statements von sich, die man auf jeden Fall kontrovers diskutieren kann. Ich für meinen Teil würde ihm bei vielem, was er sagt, energisch widersprechen, aber gerade das macht die Sache ja auch interessant. Die DVD besitzt ein Wende-Cover, um das dicke FSK-Zeichen verschwinden zu lassen und beinhaltet eine Postkarte mit einem Motiv des Filmes.

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