DVD-Rezension: „Der Mönch“

Spanien im 18. Jahrhundert. Ambrosio wird als Findelkind vor der Tür eines Klosters gefunden. Die Mönche nehmen ihn auf, und Ambrosio entwickelt sich zu einem gottesfürchtigen und tugendhaften Mönch mit einem natürlichen Talent für Predigten. Von überall her kommen die Menschen, um ihn sprechen zu hören. Als eines Tages ein neuer Novize, der sein schrecklich entstelltes Gesicht hinter einer Maske verstecken muss, ins Kloster aufgenommen wird und gleichzeitig eine junge Nonne durch Ambrosios Schuld ums Leben kommt, scheint das Böse Einzug ins Kloster zu halten…

Mit „Der Mönch“ realisierte der französische Regisseur Dominik Moll nach „Harry meint es gut mit Dir“ und „Lemming“ seinen dritten Spielfilm und realisiert damit erstmals einen Kostümfilm. Seinen Stil hat er dabei aber beibehalten. Wie im direkten Vorgänger „Lemming“ zeichnet sich auch „Der Mönch“ durch eine dichte, aber langsame Erzählweise aus, bei der nie so richtig klar wird, ob sich die Geschehnisse nun in der Realität oder nur in der Vorstellung des Protagonisten abspielen. Erstmals arbeitet Moll mit einer Vorlage. Sein aktueller Film basiert auf einer berühmten „Gothic-Horror“-Novelle des Engländers Matthew J. Lewis aus dem Jahre 1796. Den Horror kann man auch in der Adaption fühlen, aber hier kommt dieser eher aus dem Inneren des Mönches Ambrosio. Der Roman ist bereit 1972 unter dem Titel „Der Mönch und die Frauen“ von Adonis Kyrou mit Franco Nero und Nathalie Delon in der Hauptrolle verfilmt worden (1990 gab es noch eine kleine spanisch-englische Produktion, die ebenfalls auf dem Buch beruhte). Dies sollte scheinbar ursprünglich ein Projekt des großen Luis Buñuel werden, da dieser das Drehbuch zusammen mit seinem langjährigen Partner Jean-Claude Carrière schrieb. Auch in Molls Version sieht man, was den Kirchenkritiker Bunuel an dem Stoff gereizt haben muss.

Ist es nur Ambrosios unterdrückte Lust, die die scheinbaren Geister und finsteren Mächte auf den Plan rufen? Existieren die fantastischen Elemente dieser Geschichte wirklich oder sind sie Ausläufer eines durch einen Insektenbiss hervorgerufenen Fiebers, welches Ambrosios stoische Ehrbarkeit erschüttert und ihn zum Sklaven seiner verborgenen Triebe macht? Hat ihn wirklich der Teufel verführt oder haben die Erzählungen der Sünder bei der Beichte etwas in ihm zum Leben erweckt, was er nur mühsam unterdrücken kann? Stammen daher seine mörderischen Kopfschmerzen?

Moll inszeniert das Ganze zwar als klassischen Gruselfilm, lässt aber nie einen Zweifel daran, dass die ganze Geschichte auch ganz natürliche Ursprünge haben kann. Dass es eigentlich die lustfeindliche und lustunterdrückende Kirche ist, die den tugendhaften Mönch Ambrosio zerstört und nicht irgendwelche Teufel und Dämonen aus der Hölle. Manchmal verzettelt sich Moll etwas in kleinen Spielereien, bringt seine Geschichte ansonsten aber ruhig und konsequent zu Ende.

Zunächst ist man als Zuschauer etwas irritiert, da drei – scheinbar nur am Rande miteinander verknüpfte -Geschichten erzählt werden. Neben dem ehrbaren Mönch wird noch über ein junges Pärchen berichtet, welches sich über Standesunterschiede hinwegsetzen muss, und von einer jungen, entehrten Nonne. Doch relativ schnell wird klar, wie diese Geschichten miteinander in Verbindung stehen. Und dies ist dann auch ein Punkt, den man durchaus kritisieren kann. Überraschungen gibt es in „Der Mönch“ keine. Wenn erst einmal die ersten kleinen Knoten entwirrt sind, sieht man schon gleich das ganze Strickmuster vor sich. Wenn der geheimnisvolle, maskierte Valerio im Kloster auftaucht, dann wird es wohl nur sehr wenige Zuschauer geben, die nicht sofort dessen Maskerade durchschauen (insbesondere in der deutschen Fassung, wo die Synchronstimme einen gleich auf die richtige Fährte lockt). Und von diesem Punkt aus führt die Linie ganz schnell zum endgültigen Untergang Ambrosios, welches dann ebenfalls komplett überraschungsfrei bleibt.

Trotzdem schafft es Moll den ganzen Film über, sein Publikum durch seine Inszenierung mit sicherer, ruhiger Hand und durch sein Auge für ausdrucksstarke Bilder in den Bann zu ziehen. Dabei hilft ihm auch die unwirkliche, karge, spanische Landschaft, die das Kloster umgibt. Ein Symbol für das asketische, lustfeindliche Denken der Mönche hinter ihren Klostermauern. Demgegenüber ist die Welt, in der sich die Liebenden tummeln, bunt. Auch Ambrosio hat sich mit seinem kleinen Rosengarten ein Stück Gefühlsleben, abgetrennt vom Klosterleben, bewahrt. Viel Symbolismus also, aber keiner, der dem Betrachter ständig penetrant ins Gesicht springt.

Große Unterstützung hat Moll in seinem Hauptdarsteller Vincent Cassel. Dessen hagere, asketische Gesichtszüge – hinter denen das permanente Lodern einer unterdrücken Leidenschaft zu spüren ist – passen perfekt zu seiner Rolle. Zudem spielt Cassel dankeswerterweise sehr zurückhaltend, ja fast minimalistisch. Dies tut der Rolle gut und bietet einen angenehmen Kontrast zu seinen übertrieben körperlichen Darbietungen in z.B. „Eastern Promises“.Ferner sollte noch die passende Musik von Almodovars Hauskomponist (und Träger des Bremer Filmpreises 2010) Alberto Igleasias erwähnt werden, die natürlich – wie sollte es bei diesem Thema auch anders sein – Choräle benutzt und die Handlung punktgenau kommentiert.

Wer allerdings einen ausgewachsenen Horrorfilm erwartet, der wird zwangsläufig enttäuscht und gelangweilt sein. Wer allerdings offen für ein feingesponnenes, psychologisches Drama mit übernatürlichen Akzenten, über Selbstverleugnung und die Repressionen des Zölibats, ist, der wird belohnt werden.

Die DVD ist bis auf die bei Ascot Elite fast schon standardmäßige leichte Schwarzschwäche – zumindest sind auf meinem Panasonic Plasma-Fernseher die Schwarztöne immer nur ein sehr dunkles Grau – mit einem sehr guten Bild ausgestattet. Der O-Ton ist dynamisch und in den Musikpassagen vielleicht etwas zu laut abgemischt. Einen richtigen Bock hat Ascot Elite allerdings bei den Extras geschossen. Da wird ein „Making Of und Interviews mit Vincent Cassel und Dominik Knoll (sic!)“ angekündigt. Dieses 33-minütige Dokument befindet sich auch tatsächlich auf der DVD, leider wurden hier die Untertitel vergessen. So sind das, sicherlich spannende und aufschlussreiche, Making Of und die Interviews für Nicht-Französischsprechende vollkommen nutzlos.

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