DVD-Rezension: “Bessere Zeiten”

Von , 26. Juni 2012 20:40

Leena lebt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern ein scheinbar glückliches Leben. Doch ein Anruf ihrer todkranken Mutter, die sie ihrer Familie die ganze Zeit über verschwiegen hat, lässt alte Wunden wieder aufbrechen. Obwohl Leena sich weigert, ihre Mutter ein letztes Mal zu besuchen, überredet ihr Ehemann sie dazu, gemeinsam zur Mutter im fernen Ystad zu fahren. Die Fahrt dorthin wird für Leena zu einer schmerzvollen Reise in die Vergangenheit. Sie erinnert sich an ihre schon verdrängte Kindheit. An ihren kleinen Bruder Sakrai, ihren ständig betrunkenen Vater, der seine Ehefrau regelmäßig verprügelte… und an ihre Mutter, die all dies geschehen ließ.

Der deutsche Titel „Bessere Zeiten“ mutet wie ein zynischer Scherz an. Der Originaltitel trifft den Inhalt direkter: „Svinalängorna“, was man mit „Schweineställe“ übersetzen kann. Wobei in diesem Fall der deutsche Titel  nicht schlecht gewählt ist. Denn von den „besseren Zeiten“ sprechen hier alle. Der Vater, der mit dem Trinken aufhören möchte; die Mutter , die fest daran glaubt, dass in der Zukunft alles besser wird und schließlich die Tochter Leena, der mit dem Umzug in eine neue Wohnung auch „bessere Zeiten“ versprochen wurden. In der Gegenwart  scheint Leena diese tatsächlich doch noch irgendwann gefunden zu haben. Sie hat einen liebenden Ehemann und zwei muntere Kinder. Doch der Anruf der Mutter, den sie zum Beginn des Filmes erhält, reißt sofort alte Wunden auf und zeigt, wie stark sie verletzt wurde. Wie tief im Inneren die schlimme Kindheit noch immer ihr Leben bestimmt. Ganz beiläufig zeigt Regisseurin Pernilla August einmal zwei tiefe Narben auf den Unterarmen der erwachsenen Leena. Dies wird nicht kommentiert, aber welcher Zuschauer denkt dabei nicht an einen Selbstmordversuch? Überhaupt lässt Pernilla August Bilder sprechen. Sie zeigt, sie kommentiert nicht. Vieles bleibt lange im Dunkeln (Wo ist der Bruder? Wo der Vater?) oder wird gar nicht erst angesprochen (was geschah mit Leena in den folgenden Jahren?). Während ersteres die Spannung hochhält und gleichzeitig für ein permanent unangenehmes Gefühl sorgt, ist letzteres auch gar nicht nötig. Viele kleine Indizien lassen ein Gesamtbild erahnen, welches kraftvoll genug ist, um nicht vollständig ausgemalt werden zu müssen.

Damit der Film eine solch durchschlagende Kraft entfalten kann, ist Pernilla August auf ausgezeichnete Schauspieler angewiesen. Und die hat sie für ihr Regiedebüt gefunden. Pernilla August ist selber seit Ende der 70er Jahre eine vielgefragte Schauspielerin, die mit Ingmar Bergman („Fanny und Alexander“) zusammengearbeitet hat und Anakin Skywalkers Mutter in „Star Wars: Episode 1“ spielte. Ihre lange Erfahrung als Schauspielerin hat sie augenscheinlich für den Umgang  mit ihren Darstellern sensibilisiert. Jeder einzelne liefert eine fantastische Darstellung ab. Dabei hilft ein ausgewogenes Drehbuch (von Pernilla August zusammen mit Lolita Ray auf Basis eines Romans der finnisch-schwedischen Autorin Susanna Alakoski verfasst).

In dieser Geschichte gibt es kein eindeutiges Gut und Böse. Zwar sind Leenas Eltern Alkoholiker, die ihre Kinder verwahrlosen lassen und sich im Alkoholrausch prügeln, aber sie sind nicht per se schlechte Menschen. Immer wieder zeigt sich, dass sie im Grunde ihres Herzens nur das Beste wollen. Aber der Alkohol hat sie zu fest im Griff, als dass sie sich aus diesem befreien könnten.  Der Vater wird zwar als saufendes und prügelndes Untier gezeigt, aber es gibt auch diese unglaublich zärtliche Szene, in der er der jungen Leena vorm Schlafen seine Sonnenblumen-Aufzucht zeigt und man wirklich glaubt, er könne die Wende schaffen. Auch wenn man ihn hassen sollte, so überwiegt doch mehr Mitleid, wenn er sich in der neuen Heimat (er ist mit seiner Familie aus Finnland nach Schweden gezogen) nicht richtig artikulieren kann oder, fassungslos über seine eigenen Taten, verzweifelt versucht, einen normalen Anschein zu bewahren. Und obwohl er die Mutter schlägt, wenn er mal wieder völlig besoffen ist, so spürt man doch, dass er seine Frau im Grunde seines Herzens liebt. Aber er kommt mit seiner ganzen Situation einfach nicht mehr zurecht. Gleiches gilt für die Mutter. Ja, sie ist eine schwache Frau, die sich die kaputte Welt, in der sie lebt, schönzureden versucht. Aber auf der anderen Seite liebt sie ihre Familie, sie liebt ihren Mann und wünscht sich nichts sehnlicher als das normale Leben, welches sie sich und anderen vorgaukelt. Obwohl sie alles falsch macht, kann man auch sie nicht hassen. Wer schon einmal mit Familien zu tun gehabt hat, in denen es einen Alkoholiker gibt, wird diese ständigen Ausreden und Vorspielen einer schönen, heilen Welt, sehr gut kennen. Hier hat Pernilla August genau hingesehen und ein realistisches Trinker-Drama geschaffen.

Star des Filmes – und wahrscheinlich auch der Grund, warum der Film nach zwei Jahren endlich eine deutsche DVD-Auswertung erfährt – ist Noomi Rapace, die als „Lisbeth Salander“ in der „Millennium“-Trilogie nach den Romanen von Stieg Larsson weltberühmt wurde.  Rapace ist mit ihrem schönen, aber herb-geheimnisvollen Aussehen die Idealbesetzung für die ältere Leena. Jederzeit spürt man, wie es bei unter der Oberfläche brodelt, welche Narben ihre Seele hat und wie nahe sie am Abgrund balanciert. Ihre Zerrissenheit zwischen Liebe zur Mutter und Abscheu gegenüber der Frau, die so viel Leid über sie und ihren Bruder gebracht hat. Dieses Schwanken zwischen Kälte und emotionalem Ausbruch bewerkstelligt Rapace perfekt. Sie bleibt in jeder Szene absolut glaubwürdig und lässt ohne große mimische Verrenkungen den Zuschauer wissen, was für Kämpfe, welche Ängste in ihr toben.

Die große Entdeckung des Filmes ist allerdings die junge Tehilla Blad, die die junge Leena mit einer faszinierenden Natürlichkeit spielt. Tehilla Blad spielte übrigens auch in der bereits erwähnten „Millenium-Trilogie“ die jüngere Ausgabe von Noomi Rapace. Tatsächlich besitzen beide auch eine entfernte Ähnlichkeit. Sie nimmt diese schwierige und fordernde Rolle ganz an und verschmilzt förmlich mit ihrer Figur. Eine tolle, junge Schauspielerin, der man gewiss eine große Zukunft voraussagen kann. Tehilla Blad stammt aus einer Schauspieler-Großfamilie. Ihre sieben Geschwister sind alle künstlerisch tätig. Ihr jüngerer Bruder Junior spielt in „Bessere Zeiten“ ihren Film-Bruder Sakari. Obwohl diese Rolle keine großen Anforderungen stellt (die meiste Zeit sitzt Sakari apathisch vor dem Fernseher oder in der Badewanne), so ist es doch beeindruckend, wie Junior Blad von Pernilla August in Szene gesetzt wird. Von Anfang an, auch wenn Sakari noch als munter spielendes Kind gezeigt wird, weiß man, dass diese Geschichte nicht gut ausgehen wird.  Im Laufe des Filmes verblasst Sakari immer mehr. Wie eine Kerze, die langsam verglüht. Die letzten Blicke, die der Zuschauer auf Sakari werfen kann, sind schon so bedrückend, dass man sein späteres Schicksal nicht gezeigt bekommen muss, um zu wissen, wie es aussah.

„Bessere Zeiten“ ist bedrückendes und realistisches Alkoholiker-Drama. Aber auch ein mit prallem Leben gefülltes Familien-Portrait, das seine Figuren nie verrät und selbst die Schwächsten unter ihnen mit großer Liebe und viel Einfühlsamkeit zeichnet, weiß auf breiter Front zu überzeugen. Nur einige inszenatorische Spielereien hätte sich Pernilla August bei ihrem Regiedebüt sparen können. Wie die Dogma-inspirierte Kameraarbeit am Anfang oder die Szenen, in denen die junge und die alte Leena symbolisch gemeinsam auftreten. Aber dies sind nur untergeordnete Kritikpunkte für einen  starken, einfühlsamen und sensiblen Film, der von grandiosen schauspielerischen Leistungen getragen wird. Etwas, was auch vom Publikum honoriert wurde. So war der Film bereits vor seiner schwedischen Premiere auf den Filmfestivals in Hamburg und in Lübeck zu sehen, wo er jeweils Preise gewinnen konnte. Umso schöner, dass er nun auch in Deutschland, dank DVD-Veröffentlichung, auch einem breiten Publikum zugänglich gemacht wird.

Die DVD, die von EuroVideo  vertrieben wird, weiß durch eine gute Bild- und Tonqualität zu gefallen. Leider gibt es bis auf den Trailer keinerlei Extras. Schade, denn gerade bei diesem Film hätte man doch gerne mehr Hintergründe erfahren.

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