DVD-Rezension: “Zeder”

Stefano ist ein junger Schriftsteller, der von seiner Frau Alessandra zum Geburtstag eine gebrauchte, elektronische Schreibmaschine geschenkt bekommt. Beim ersten Schreibversuch streikt das gute Stück und Stefano entdeckt auf dem Farbband Texte des Vorbesitzers. Darin geht es um die, von einem Paolo Zeder in den 50er Jahren entdeckten, „K-Zonen“, in denen die Grenze zu zwischen Leben und Tod eingerissen werden soll. Neugierig, und auf eine gute Geschichte für sein nächstes Buch spekulierend, fängt Stefano an zu recherchieren. Auf der Suche nach einer der geheimnisvollen „K-Zonen“ gerät er ins Visier einer mächtigen Gruppe, die sich ebenfalls sehr für die „K-Zonen“ interessiert. Unwissentlich bringt Stefano dabei nicht nur sich in tödliche Gefahr…

Am Ende des letzten großen italienischen Horrorfilm-Zyklus, der mit „Woodoo – Schreckensinsel der Zombies“ begann, drehte Pupi Avati 1983 seinen Film „Zeder“. Obwohl dieser oftmals als Zombie-Film vermarktet wurde (z.B. in den USA unter dem Titel „Revenge of the Dead“), hat er doch nichts mit den Gedärme mampfenden Untoten zu tun, die sonst durch italienische Splatter-Kracher wanken. Im Grunde hat er mehr mit der mysteriösen, aber immer wieder faszinierenden Mischung aus Wissenschaft und dem Phantastischen zu tun, wie man sie aus den britischen Quartermass-Filmen kennt. Nur, dass hier kein Mann der Wissenschaft, sondern ein unwissender Schriftsteller in die unheimliche Handlung hineingezogen wird. Die Wissenschaftler, die das Übernatürliche für sich nutzen wollen und durch Unwissenheit eine gefährliche Macht in die Welt entlassen, tauchen nur am Rande auf. Somit kann man den Film fast schon als übernatürliche Detektiv-Geschichte bezeichnen, in der der Held Indiz für Indiz sammeln muss, um am Ende das große Rätsel zu enthüllen. Gleichzeitig weist der Film aufgrund der scheinbar allmächtigen und allgegenwärtigen Geheimorganisation, die im Hintergrund die Fäden zieht, auch Einflüsse des amerikanischen Paranoia-Kinos der 70er Jahre auf.

Die Grundidee der Geschichte, und insbesondere der bitter-süße finale Twist, scheinen zunächst aus Stephen Kings bekanntem Roman „Friedhof der Kuscheltiere“ übernommen worden zu sein. Allerdings kann man den Italienern hier ausnahmsweise nicht vorwerfen, ein bekanntes Werk plagiiert zu haben. Der Film „Zeder“ und das Buch „Friedhof der Kuscheltiere“ entstanden fast zeitgleich. Tatsächlich wurde Kings Roman fast auf den Tag genau, drei Monate nach der Premiere von „Zeder“ veröffentlicht. Hier scheint also tatsächlich der seltene Fall eingetreten zu sein, dass zwei kreative Menschen zeitgleich dieselbe Idee hatten.

Pupi Avati verzichtet in seinem Film weitgehend auf drastische Effekte. Morde geschehen zumeist im Off oder man sieht nur die Folgen der blutigen Tat. Statt also in Blut zu waten, beschränkt sich Avati in erster Linie auf Erschaffung einer unheimlich-bedrohlichen Stimmung. Dabei hilft ihm die Auswahl seiner Schauplätze. Zunächst der schier endlose Keller unter einer Villa in den 50er Jahren, später dann das verfallene Skelett eines nie fertiggestellten Hotels, welches sich bedrohlich vor der Dämmerung aufbaut. Gerade letzteres bleibt lange im Gedächtnis kleben. Über weite Strecken wirkt der Film wie ein abgefilmter Albtraum.

Leider hat Avati keine adäquaten Schauspieler zur Hand, die ihm helfen, den Film noch intensiver zu machen. Insbesondere die hölzerne Leistung des irgendwie unsympathisch erscheinenden Protagonisten Stefano, gespielt von Gabriele Lavia, vereitelt, dass man wirklich tief in den Film hinein gezogen wird. Auch die Nebendarsteller bleiben blass oder liefern, wie Enrico Ardizzone in seiner Sterbeszene, Schmierentheater ab, welches nicht zu der Ernsthaftigkeit der Handlung passen will. Eine Ausnahme stellt Aldo Sassi dar, der den gefallenen Priester Luigi Costa spielt. Hier zeigt sich mal wieder, dass weniger mehr ist. Ohne Dialog, mit sparsamem Make-Up (welches in erster Linie aus weißem Puder und fehlendem Zahnersatz besteht) kreiert er eine unglaublich unheimliche Präsenz.

Ebenfalls sehr irritierend ist der Schnitt des Filmes. Dieser erscheint amateurhaft abgehackt und unrhythmisch. Es wirkt ständig so, als ob einzelne Szenen vorne und hinten willkürlich abgeschnitten worden wären. Da Avati sich aber spätestens mit seinem großartigen Werk „Das Haus der lachenden Fenster“ von 1976 als ein hochtalentierter Regisseur bewiesen hat, könnte dieses scheinbare Manko durchaus Kalkül sein. Denn so wird der Zuschauer oftmals überrumpelt und fühlt sich ähnlich orientierungslos wie die Protagonisten.

Die Musik zu diesem Film stammt vom großen Riz Ortolani, der für den traumhaften Score zu „Cannibal Holocaust“ verantwortlich ist. Seine Musik zu „Zeder“ gehört nicht zu seinen Highlights, insbesondere da der Synthie-Score zwar bestens in die Erstehungszeit des Filmes passt, heute aber hoffnungslos veraltet klingt. Trotzdem besticht er durch einprägsame Motive.

Die DVD wurde von CMV Laservision als kleine Hartbox veröffentlicht und kommt mit einem guten, dem Alter des Films entsprechenden, Bild daher. Erfreulicherweise wurde nicht versucht, das Bild digital zu verschlimmbessern, so dass ein authentisches, leicht körniges 80er Jahre Gefühl rüberkommt.  Bei den Sprachen kann man zwischen Deutsch, Englisch und Italienisch (mit optionalen deutschen Untertiteln) wählen. Hier empfiehlt sich eindeutig die italienische Tonspur, denn die deutsche Synchronisation stellt unteres Mittelmaß da und wirkt zum Teil holprig und steif, was das hölzerne Spiel einiger Darsteller noch potenziert. Ein wunderbares Extra stellt die Bild-Dokumentation „Auf den Spuren der Zone K“ dar. Hier haben sich die Macher persönlich auf den Weg zu dem Drehort der unheimlichen Finales des Filmes gemacht, der Colonia Provincia Varese in Milano-Marittima. Das gespenstische Beton-Skelett wird mit Info-Tafeln, Fotos und Videoaufnahmen von 2011 ausführlich vorgestellt. Abgerundet wird die gelungene DVD von einem sehr straighten und hochinformativen Audio-Kommentar von Christian Keßler und Trailern zu „Zeder“, sowie Pupi Avatis Meisterwerk „Das Haus der lachenden Fenster“.

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