Nachruf: Lina Romay (1954-2012)

Von , 24. Februar 2012 15:19

Vor einer Woche, am 15. Februar, starb für ihre Fans völlig unerwartet und unbemerkt Lina Romay mit nur 57 Jahren an einem Krebsleiden. Viele Leser werden sich jetzt vielleicht fragen: Lina… Wer? Die paar aber, die mit diesem Namen etwas anfangen können, werden von der Nachricht genauso geschockt gewesen sein, wie ich.

Lina Romay wurde 25. Juni 1954 als Rosa María Almirall Martínez in Barcelona geboren. Ihren Künstlernamen „Lina Romay“ (nach einer amerikansichen Jazz-Sängerin und Schauspielerin) erhielt sie von dem Mann, den sie für 40 Jahre inspirieren und lieben sollte und der wiederum sie zu seiner Muse und Göttin machte: Jesús Franco Manera, besser bekannt als Jess Franco. Franco wird in diversen Nachschlagewerken mit den wenig schmeichelhaften Titeln „Schmuddel-„, „Viel-“ oder „Trash“-Filmer bedacht. An ihm scheiden sich die Geister. Er wird von seinen Fans (zu denen auch ich mich zähle) verehrt oder in seltener Einigkeit von Kritikern und Zuschauern gleichermaßen verachtet, bestenfalls belächelt.

Lina Romay war ab 1972 nicht nur in weit über 100 Jess-Franco-Filmen als Schauspielerin präsent, sondern auch die Sonne, um die das merkwürdige Franco-Universum kreiste. Als sie sich trafen, befand sich Franco in einer tiefen Depression. Knapp zwei Jahre zuvor war seine andere große Muse: Soledad Miranda alias Susann Korda („Vampyros Lesbos„) bei einem Autounfall ums Leben gekommen und hinterließ ein schwarzes Loch in Francos Seele. Sein Zusammentreffen mit Lina Romay (die quasi das Gegenteil der stets etwas melancholisch und geheimnisvoll wirkenden, schlanken Soledad war) bei den Dreharbeiten zu „Eine Jungfrau in den Krallen von Frankenstein„, wo Lina eine kleine Rolle als Zigeunermädchen hatte, war der Urknall zu einer viele Jahrzehnte anhaltenden Liebe vor und hinter der Kamera. Es war einfach ein göttliche Fügung, dass der obsessive Voyeur Jess Franco auf die hemmungslose Exhibitionistin Lina Romay traf.



Wie perfekt sich beide ergänzten, sieht man schon daran, mit welcher Lebensfreude und absoluter Hingabe sich Lina in ihre Rollen warf und sich lüstern der Kamera ihres Lebensgefährten auslieferte. Es gibt wohl keine Stelle an Linas sehr fraulichen Körper, die dem Zuschauer geheim geblieben wäre. Zwar war sie auch spärlich für andere Regisseure aktiv gewesen (Erwin C. Dietrich in „Rolls Royce Baby“ oder Calos Aured in „Apocalipsis sexual„), aber das waren Ausnahmen. Bis zu ihrem Tod blieb sie ihrem Jess treu. Und er ihr. Auch als sie deutlich älter geworden war und mit einigen Kilo zuviel und raspelkurzem grauen Haar vor der Kamera stand, filmte Jess Franco sie immer noch wie das schöne, verrührerische Mädchen, das sie in den 70er und 80ern war. Dass sie sich weiterhin nackt vor der Kamera zeigte, war ihr egal. Für Jess und sie war es ganz natürlich und ich glaube nicht, dass sie jemals einen Gedanken, wie „Das tut man ihn unserem Alter aber nicht mehr“ gehabt haben könnten.

Ihre schönste Rolle waren die Vampirin Irina Karlstein in „Entfesselte Begierde„. Aber auch die zeigefreudige Schwindlerin in „Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt“ bzw. desssen Quasi-Remake „La noche de los sexos abiertos“ (in dem sie so schön wie nie war) bleiben durch ihre sextriefenden Darstellungen in Erinnerung . Sie konnte aber auch anders. Ihre Knastlesbe Roasaria in „Greta – Haus ohne Männer“ zeigte als hartes, gefährliches Mädels und in „Die Marquise von Sade“ liefert sie solch ein Schauspiel von Irrsinn ab, dass einem Angst und Bange wird. Vor allem wird sie aber auch für ihr komisches Talent in Erinnerung bleiben, in Filmen die ihrem fröhlichen Wesen wohl am nächsten kamen, wie „Celestine – Mädchen für intime Stunden.

Mitte der 80er zog sie sich mit Jess Franco nach Spanien zurück, wo sie zwar weiter Filme wie am Fließband drehten, diese aber außerhalb Spaniens kaum jemand mehr zu Gesicht bekam. In dieser Zeit drehte sie mit Jess Franco auch unter den Pseudonymen Candy Coster (welches sie schon Ende der 70er benutzte, wann immer sie sich eine blonder Perücke überstreifte) und Lulu Laverne Hardcorefilme. Als Lulu Laverne stand sie dabei auch selber hinter der Kamera.

Ende der 90er kam es dann zu einem Comeback. Teures Filmmaterial war inzwischen von den billigeren Video abgelöst worden und Jess Franco begann nun sein Werk (finanziert zum größten Teil von Fans) weiter zu führen. Natürlich mit Lina. Und natürlich war sie nicht mehr in der Form, in der sie als junges Mädchen war. Aber das hielt Franco nicht davon ab, sie weiterhin in erotischen Situationen zu filmen und Lina nicht, dabei sichtbar Spaß zu haben. Ihr letzter gemeinsamer Film war „Paula – Paula“ von 2010.

Ich hätte nie gedacht, dass sie vor dem in letzter Zeit stark kränkelnden Franco von uns gehen würde. Und wenn man bedenkt, wie tief die Beziehung zwischen beiden war, befürchte ich schon fast, ich weiß für wen ich den nächsten Nachruf schreiben muss. Mach’s gut Lina. Ich kann mir schon vorstellen, wie du gerade auf irgendeiner Wolke da oben Dein Kleidchen lupfst.

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Eine Antwort für “Nachruf: Lina Romay (1954-2012)”

  1. Stefan sagt:

    Toller Nachruf! Überhaupt Nix zu bekritteln.

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