Mein (immer noch) unbetiteltes Filmtagebuch: Woche 12/2010

Tja, wie das immer so ist. Kaum entschließe ich mich, einen wöchentliches „Filmtagebuch“ zu schreiben, da meldet sich auch schon mein restliches Leben. Daher habe ich es in dieser Woche gerade mal auf vier Filme gebracht, von denen ich hier berichten kann. Dafür hatte es aber der Letzte in diesem Quartett aber dann auch so richtig in sich. Dazu aber später mehr.

Zunächst einmal konnte ich am Anfang der Woche meinen Plan in die Tat umsetzen, auch noch die beiden letzten verbliebenen Filme in meiner Giallo-Box von „Blue Underground“ zu schauen (den sehr schönen vierten Film, „Short Night Of The Glass Dolls„, hatte ich bereits vor einem halben Jahr gesehen).

Los ging’s mit „The Blood-Stained Shadow“ von Antonio Bido, der eigentlich nur zwei bekannte Filme gedreht hat. Diesen hier und seinen Vorgänger „The Cat’s Eye„, ein lupenreines Dario-Argento-Plagiat. Auch „Shadow“ atmet noch den Geist eines frühen Argento-Giallos, erinnerte mich aber auch an Fulcis 70er Jahre Ausflüge in dieses Genre. Allerdings ohne die für den Herrn Doktore typischen Gore-Exzesse. Gerade hier hält sich „Shadow“ doch, gemessen an den beiden genannten Vorbildern, deutlich zurück. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein (SEHR) junger Kunst-Professor kehrt in seine Heimatstadt zurück, wo sein (DEUTLICH) älterer Bruder das Priesteramt inne hat. Letzterer wird Zeuge eines Mordes und in der Folge von einem unbekannten Drohbriefschreiber in Atem gehalten. Brüderchen spielt Amateur-Detektiv und es geschehen weitere Morde, die scheinbar mit einem früheren Verbrechen (das kennt man ja in dem Genre) in Verbindung stehen. Die Auflösung ist dann zwar einigermaßen abstrus und an den Haaren herbeigezogen, aber Kenner dürften den Braten schon lange gerochen haben. Reizvoll ist der Schauplatz der Geschichte. Ein kleine Vorstadt von Venedig. Deutlich weniger pittoresk als die Lagunenstadt, dafür mit einem ganz eigenen, merkwürdigen Flair. Die Musik von Stelvio Cipriani wurde von der Gruppe Goblin eingespielt, die durch ihre Soundtracks für die Argento-Filme „Blood Red“ und „Suspiria“ bekannt wurde. Der Film hat so einige Längen und insbesondere zwei schrecklich uninspirierte Liebesszenen. Fazit: Kein Ruhmesblatt des Genres, aber auch keine totale Gurke. Irgendwie Blah in der Mitte.

Da ist „Who Saw Her Die?“ von ganz anderem Kaliber. Immerhin hat der Film auch denweitaus talentierteren Regisseur. Aldo Lado kennt man vor allem von dem schon eingangs erwähnten „Short Nights Of The Glass Dolls“ und der „Last House on the Left„-Variante „The Night Train Murders„. Lado liefert eigentlich immer gutes bis sehr gutes, doppelbödiges Handwerk ab. „Who..“ ist da keine Ausnahme, auch wenn ich den Film sehr viel besser in Erinnerung hatte, als er jetzt bei der zweiten Sichtung nach etlichen Jahren war. Ich habe gerade eine uralte Review (wahrscheinlich von 1998, so genau kann ich das nicht mehr rekonstruieren) gelesen, die ich damals über den Film schrieb (wenn es interessiert, der kann meinen frühen Gehversuch – inklusive gruseliger Rechtschreibfehler – hier nachlesen: http://www.mistersleaze.de/thriller/child.htm. Ich sehe gerade, auch „Blood-Stained Shadow“ hatte ich damals auch schon am Wickel. Hier klaffen die Eindrücke auch gar nicht so weit auseinander: http://www.mistersleaze.de/thriller/bloodshadow.htm). Meine damalige, delierende Euphorie ist nach nunmehr 12 Jahren für mich nicht mehr so ganz nachvollziehbar. Immerhin muss ich dem Film aber weiterhin bescheinigen, dass er einige sehr unangenehme Szenen besitzt (was bei dem Thema Kindermord auch nicht verwunderlich ist. Da bin ich über die Jahren sehr viel sensibler geworden) und handwerklich sauber und spannend umgesetzt wurde. Die Musik von Ennio Morricone mag ich immer noch sehr, nur die schauspielerische Fähigkeit von George Lazenby beurteile ich mittlerweile etwas differenzierter.

Nachdem ich am Samstag einen kräftezerrenden Shopping-Marathon hinter mich gebracht habe und 8 (!) Stunden lang durch sämtliche Factory-Outlets in Brinkum UND danach noch durch Ikea gelatscht bin, war ich abends so platt, dass ich meinen Plan, endlich einmal „Inland Empire“ zu sehen, aufgeben habe. Stattdessen habe ich „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ aus dem Regal gezogen. Den kannte ich noch gar nicht. Ein sehr schöner Film, das muss ich schon sagen. Eigentlich eine klassische Tragödie, aber mit so sicherer Hand als rabenschwarzer Thriller inszeniert, dass einem das gar nicht gleich auffällt. Bette Davis gibt alles, wobei ihr, an manchen Stellen schon extremes, Overacting ganz vorzüglich zu der hysterischen und permanent „spielenden“ Baby Jane Hudson passt. Joan Crawford gibt demgegenüber eine weitaus zurückhaltende Darstellung, die ebenfalls bestens ihren Charakter widerspiegelt. Es ist wirklich faszinierend und gruselig dabei zuzusehen, wie sich die beiden Schwestern in einer extremen Hass-Liebe gegenseitig in den Abgrund ziehen. Ganz großes Kino, bei dem man auch nicht vergessen sollte den großartigen Victor Buono in seiner ersten Filmrolle zu erwähnen. Buono erinnert mich hier von den Manierismen her sehr stark an Oliver Hardy – nur, dass er zwar eine komische, aber absolut nicht witzige Type ist.

Dann das Highlight am späten Sonntag Abend: „Night and the City“ von Jules Dassin. Zu deutsch „Die Ratte von Soho“. Und wie ich finde, trifft der deutsche Titel ausnahmsweise einmal voll ins Schwarze. Richard Widmark gibt die Darstellung seines Lebens als Kleinkrimineller Harry Fabian, der von dem Wunsch beseelt ist, „jemand zu sein“. Dass sich dieser Wunsch niemals erfüllen wird, erkennt man schon, wenn man nur einen kurzen Blick auf Harry wirft. Widmark spielt ihn wahrlich „rattenhaft“. Ständig in Bewegung, schwitzend und nervös ist er das genau Gegenteil der coolen Gangster, denen er so gerne das Wasser reichen möchte. Betritt Harry die Szene, sieht man ihm sofort an, dass hinter seinen großen Klappe nichts steckt. Eine Gernegroß, der einfach nur lächerlich ist in seinen Bemühungen mehr darzustellen als er eigentlich ist. In einer Szene steht er dem Gangster Kristos gegenüber, der von Herbert Lom eiskalt und mit großer Präsenz gespielt wird. Hier prallen Welten aufeinander. Harry schwitzt, grinst blöde vor sich hin, biedert sich bei Kristos an und bringt es dabei nicht fertigt, diesem offen ins Gesicht zu sehen. Da kann man sich für ihn nur Fremdschämen. Widmark hat für diese Rolle noch nicht einmal eine Oscar-Nominierung bekommen. Was für eine Schande! Aber auch die Nebenfiguren sind interessant und lebendig gezeichnet. Eingefangen wird die böse Geschichte in grandiosen, expressionistischen Schwarz-Weiß. Schade nur, dass die wunderschöne Gene Tiernney etwas verschwendet wird und zudem eine grausige Jane-Wymann-Frisur tragen muss. Aber ansonsten… Ich sage mal: Meisterwerk!

So, ich stöbere jetzt noch einmal durch meinen Reviews, die ich vor 12 Jahren geschrieben habe. Himmel, sind die zum Teil gruselig-schlecht geschrieben. Brrrr… und das habe ich damals ins Netz gestellt. Huuahhh…

Aber egal, immerhin weckt das eine gewisse Nostalgie und an viele der besprochenen Filme könnte ich mich so auch überhaupt nicht mehr erinneren.

Dieser Beitrag wurde unter Filmtagebuch abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

 

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.