Rezension: „Slumdog Millionär“

Von , 21. April 2009 15:23

Dass „Slumdog Millionär“ weltweit Begeisterung hervorruft und 8 Oscars abräumt kann man irgendwo verstehen. Ist er darum ein guter Film? Meiner Meinung nach: Nein.

Worum geht’s? Der indischer Jugendliche Jamal, geboren in den Slums von Mumbai, steht kurz davor bei der indischen Ausgabe von „Wer wird Millionär“ zu gewinnen. Da die Sendezeit vor der letzten, alles entscheidende Frage abgelaufen ist, wird die Entscheidung vertagt. Allerdings wird Jamal direkt nach er Sendung unter Betrugsverdacht verhaftet und beim Verhör gefoltert. Er soll zugeben bei den Antworten geschummelt zu haben, denn ein Junge aus den Slums kann unmöglich die Antworten wissen. Jamal erzählt seinen Peinigern seine Lebensgeschichte und warum er die Antworten kannte.

Der Film irritiert durch seine ungezügelte Anbiederungswut. Einerseits möchte er sein Publikum durch möglichst drastische Bilder aus den Elendsvierteln wach rütteln, andererseits aber bloß nicht zu sehr verstören. Alles ist doch irgendwo nicht ganz so schlimm und von einer merkwürdig altmodischen, dickensschen Romantik durchzogen.

Das beginnt schon beim Auftakt, wo die Polizei Kinder durch den Slum hetzt. Das hat dann den Flair von Abenteuerspielplatz, aber nicht von echter Bedrohung. Später reist man auf den Dächern der Züge durchs Land, was direkt aus einer Jack-London-Verfilmung stammen könnte. Da möchte man auch mal Hobo sein.

Dies alles ließe sich ja verschmerzen, wenn der Film wirklich nichts anderes sein wollte, als eine abenteuerliche, etwas fantastische Geschichte erzählen. Aber an jeder Ecke wird darauf beharrt, das „wahre, echte“ Indien zu zeigen und bedeutungsvoll auf das Schicksal der der dort in Armut lebenden Bevölkerung aufmerksam machen zu wollen. Wie soll diese große Geste aber gelingen, wenn die harten, realistisch gefilmten Bilder aus den Slums einer ganz und gar konstruierten, märchenhaften Erzählung gegenüberstehen? Zumal bei den wirklich unangenehmen Dingen nicht nur keusch weggeblendet, sondern die Untaten noch nicht einmal im weiteren Verlauf der Handlung verbalisiert werden?

Ungeschickt auch viele logische Ungereimtheiten, die sich mit dem „Realitätsanspruch“ beißen. So kann der Hauptdarsteller nicht nur mühelos in eine schwer bewachte Gangstervilla marschieren, sondern kommt – obwohl er schon bei der Wache keine Ahnung hat als was er sich ausgeben muss und in der Villa seine notdürftige Tarnung schnell auffliegt – auch völlig unbehelligt wieder hinaus. Vielleicht sollen „irrealen“ Szenen wie diese den „Märchencharakter“ des Filmes hervorheben. Vielleicht sind sie aber auch nur gedankenlos und blöd.

Am Ende heißt es dann: Alles nicht so schlimm, wer wahrhaft liebt wird errettet, die Bösen trifft am Ende die gerechte Strafe und Narben können in einem hübschen Gesicht ganz dekorativ wirken.

Warum hat er nun so viele Preise gewonnen und ist so unglaublich beliebt? Das liegt meines Erachtens gerade an seiner Inkonsequenz. Das Publikum möchte einen Film, der sein sozial-kritisches Gewissen beruhigt. Aber bitte schön nett gemacht und so, dass es nicht wirklich weh tut.

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